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Zum Tod von Anja Niedringhaus : So nah wie möglich

Anja Niedringhaus (1965-2014) Bild: AP

Für ihre Bilder war ihr kein Risiko zu hoch. Nun wurde die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus ermordet. Denn die Taliban haben ein neues Ziel - ausländische Journalisten. In den zehn Jahren, die ich Afghanistan bereise, habe ich mich noch nie so angreifbar gefühlt.

          Anja Niedringhaus erzählte einmal, wie sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Kathy Gannon von der Nachrichtenagentur AP die afghanische Armee in der Provinz Helmand begleiten wollte. Anders als bei sogenannten Embeds mit westlichen Streitkräften mussten sie die Anreise zum dortigen Feldlager selbst organisieren. Die beiden Frauen verhüllten sich mit Burkas und fuhren kurzerhand mit dem Auto in den Süden.

          Friederike Böge

          Redakteurin in der Politik.

          Während der Fahrt auf einer der gefährlichsten Straßen des Landes hätten sie sich die Zeit damit vertrieben, auszuprobieren, ob es möglich sei, unter der Burka zu rauchen, erzählte mir Niedringhaus lachend im vergangenen Jahr im deutschen Feldlager Kundus. Am Freitag ist die erfahrene Kriegsfotografin in der Provinz Khost, einer der gefährlichsten Provinzen des Landes, von einem Polizisten erschossen worden. Niedringhaus hatte einen Konvoi der Wahlkommission begleitet, der Stimmzettel und andere Materialien an Wahlbüros verteilte. Ihre Kollegin Kathy Gannon wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

          Anja Niedringhaus hat sich nie damit zufriedengegeben, wenn offizielle Stellen den Zugang zu Informationen und Orten begrenzen wollten. Sie war im September 2009 die erste, die ein Bild von den Tanklastwagen in Kundus machte, die auf Befehl des deutschen Oberst Georg Klein bombardiert worden waren. Damals stritt die Bundeswehr noch ab, dass bei dem Luftangriff auch zahlreiche Zivilisten getötet worden waren. Oft machte sich Niedringhaus lustig über die deutschen Presseoffiziere, die ihr lieber die Kapelle im Feldlager zeigen wollten, als sie auf eine Patrouille in das umkämpfte Baghlan mitfahren zu lassen.

          Niedringhaus im September 2013 in Kundus, Afghanistan
          Niedringhaus im September 2013 in Kundus, Afghanistan : Bild: Daniel Pilar

          Mit Niedringhaus wurde am Freitag innerhalb weniger Wochen bereits der dritte für ein westliches Medium arbeitende Journalist in Afghanistan getötet. Mitte März war dem schwedischen Hörfunkreporter Nils Horner auf offener Straße mitten im Botschaftsviertel Wazir Akbar Khan aus nächster Nähe in den Kopf geschossen worden. Wenige Tage später wurde Sardar Ahmad, der für die französische Nachrichtenagentur AFP arbeitete, während eines Neujahrsfestes mit seiner Familie im Luxushotel Serena gemeinsam mit seiner Frau und zweien seiner drei Kinder erschossen.

          Die Ereignisse haben unter westlichen Journalisten und anderen Ausländern in Kabul zu tiefer Verunsicherung geführt. Ich selbst habe in den vergangenen Tagen in Kabul Männer im Garten meines Gästehauses gesehen, wo in Wirklichkeit gar keine waren. Ich habe mich bedroht gefühlt von Autos, die in meiner Nähe langsamer fuhren. Und nervös darüber nachgedacht, dass ich vor dem Innenministerium, vor dem sich am Mittwoch ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt und sechs Polizisten mit in den Tod gerissen hat, nach meinen Gesprächen in der Vertretung der Europäischen Union mehrfach gestanden habe, um auf ein Taxi zu warten.

          Dass ich mit den Polizisten, die dort Wache taten, noch gescherzt hatte. Dass ich sie gefragt hatte, ob sie Angst hätten, was sie rundheraus verneinten. In den zehn Jahren, in denen ich regelmäßig nach Afghanistan gefahren bin, habe ich mich noch nie so angreifbar gefühlt wie in den vergangenen Tagen. Vermutlich ist damit das Kalkül der Angreifer aufgegangen.

          Eine neue Zielgruppe

          Denn die genannten Angriffe sagen wenig bis gar nichts über die Sicherheitslage im Land aus. Sie bedeuten nicht, dass sich das Land notwendigerweise in einer Abwärtsspirale befindet, die in Chaos und Verderben enden wird, wie es von Weitem bisweilen erscheint. Sie bedeuten lediglich, dass die Taliban - oder andere Kräfte - eine neue Zielgruppe ausgemacht haben, die sie bislang verschont hatten: ausländische Journalisten und andere Ausländer. Mit ihnen haben sie einen effektiven Verstärker gefunden, um den Eindruck einer Abwärtsspirale zu vermitteln.

          Die Wahlen sind wohl der letzte große Moment, in dem Afghanistan noch einmal im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit stehen wird, bevor sich die internationale Gemeinschaft anderen Teilen der Welt zuwenden wird. Dies wollen die Angreifer offenbar nutzen, um maximalen Eindruck auf ein internationales Publikum zu machen.

          Die afghanischen Sicherheitskräfte haben genau diesen symbolischen Erfolg verhindern wollen, als sie in dieser Woche zwei Dutzend Restaurants und Hotels geschlossen haben, die von Ausländern frequentiert wurden. Die Gäste wurden gedrängt, in das zu einer Festung umgebaute Serena-Hotel zu ziehen, das vor zwei Wochen allerdings ebenfalls Schauplatz eines Angriffs auf Ausländer und wohlhabendere Afghanen wurde.

          Solche Angriffe haben die größten Chancen, auf die Titelseiten internationaler Medien zu gelangen. Dabei werden fast täglich in Kabul und anderen Teilen des Landes Menschen getötet, ohne dass darüber berichtet wird. Die afghanischen Wähler wird das aber vermutlich nicht von den Wahlurnen fernhalten.

          Getötete Reporter westlicher Medien seit Beginn der Isaf-Mission 2001

          2014

          Am Abend des 21. März wird der AFP-Reporter Sardar Ahmad bei einem Angriff der Taliban im Kabuler Hotel „Serena“ erschossen. Insgesamt kommen neun Menschen ums Leben, darunter auch Ahmads Frau und zwei seiner drei Kinder.

          Am 11. März wird der schwedisch-britische  Reporter Nils Horner im Zentrum von Kabul in der Nähe eines Restaurants von Unbekannten erschossen. Er war für den schwedischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Korrespondent in Afghanistan im Einsatz.

          2010

          Der britische Reporter Rupert Hamer von der Wochenzeitung „Sunday  Mirror“ wird am 9. Januar bei der Explosion eines Sprengsatzes im  Süden Afghanistans getötet. Er hatte zusammen mit einem Kollegen,  der bei dem Anschlag verletzt wurde, eine amerikanische Patrouille begleitet.

          2009

          Am 30. Dezember wird die kanadische Reporterin Michelle Lang von  der Zeitung „Calgary Herald“ bei der Explosion eines Sprengsatzes im südlichen Kandahar getötet. Mit ihr sterben vier kanadische  Soldaten.

          2008

          Am 7. Juni wird BBC-Reporter Abdul Samas Rohani aus der südlichen  Unruheprovinz Helmand verschleppt und tags darauf erschossen  aufgefunden. Zu der Tat bekennt sich niemand. Die Taliban erklären aber, sie hätten örtlichen Gruppen dabei geholfen, den Reporter  aufzuspüren.

          2006

          Am 7. Oktober erschießen Unbekannte im Norden von Afghanistan die beiden Deutschen Karen Fischer und Christian Struwe, zwei freie Mitarbeiter der Deutschen Welle, nachts in ihrem Zelt. Die Reporterin und der Techniker waren auf dem Weg in die Provinz  Bamijan, um an einer Geschichte über die dortigen historischen Stätten zu arbeiten.

          2001

          In der Nacht zum 27. November wird der schwedische Kameramann Ulf Strömberg von maskierten Jugendlichen in einem Haus in Talokan im  Norden des Landes erschossen, wo er mit Kollegen übernachtet. Strömberg arbeitete seit 1998 für den Sender TV4.

          Am 19. November werden vier Journalisten auf einer Straße zwischen  Dschalalabad und der Hauptstadt Kabul angegriffen und getötet: Die italienische Kriegsreporterin Maria Grazia Cutuli von der  Tageszeitung „Corriere della Sera“, der spanische „El  Mundo“-Reporter Julio Funtes sowie der australische Kameramann Harry Burton und der aus Afghanistan stammende Fotograf Asisullah Haidari, die für die Nachrichtenagentur Reuters arbeiteten. Später erklärt das Rote Kreuz, dass wahrscheinlich Taliban die Gruppe töteten. Demnach wurden sie gesteinigt und von mehreren Kugeln  getroffen.

          Am 11. November geraten der „Stern“-Reporter Volker Handloik sowie der französische RTL-Reporter Pierre Billaud und die Reporterin Johanne Sutton von Radio France Internationale (RFI) an der  Nordostfront in einen Hinterhalt der Taliban. Die drei Journalisten  werden später tot aufgefunden. (AFP)

          Quelle: FAZ.NET

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