Home
http://www.faz.net/-hoy-77dk1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Wen Jiabao Ein Freund Deutschlands geht

An diesem Dienstag gibt Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao sein Amt auf - sein Ansehen ist beschädigt. Seine Familie soll seine Macht für lukrative Geschäfte genutzt haben, ihm selbst sagt man Korruption nach. War Wen Jiabao „der größte Schauspieler Chinas“?

© dpa Vergrößern Wen Jiabao: pflegte Beziehungen zu Berlin mit vielen Besuchen und freundlichen Gesten

Als „Premier des Volkes“ und „Opa Wen“ wollte er in die Parteigeschichte eingehen. Doch wenn Wen Jiabao jetzt nach zehnjähriger Amtszeit sein Amt als Ministerpräsident turnusgemäß aufgibt, dann ist sein Ansehen beschädigt. Seine Familie soll während seiner Amtszeit ein Milliardenvermögen angehäuft haben. Als Saubermann kann er sich jetzt nicht mehr feiern lassen. Auch an ihm haftet jetzt der Makel der Korruption. Ob die 3.000 Delegierten des Nationalen Volkskongresses, vor denen Wen Jiabao am Dienstag seinen letzten Regierungsbericht abgeben wird, von den Anschuldigungen gegen ihn wissen, kann man nur vermuten.

Petra  Kolonko Folgen:    

Der Enthüllungsbericht der „New York Times“ über seine Familie durfte in China nicht erscheinen, ein Dementi ließ der Ministerpräsident nur in Hongkong veröffentlichen. In der Volksrepublik wurde über die Vorwürfe nie öffentlich gesprochen. Trotzdem hat sich an der Zensur vorbei die Nachricht vom gewaltigen Vermögen der Familie Wen in China verbreitet. Sein Sohn und seine Frau sollen seine Macht für lukrative Geschäfte und Investitionen genutzt haben. Das wurde als besonders enttäuschend empfunden, weil Wen Jiabao einer der wenigen Parteiführer war, die für eine Offenlegung der Vermögensverhältnisse der Parteifunktionäre plädiert hatten.

Zu Anfang setzte er sich gut in Szene

Der Sohn eines Lehrers, der nach einer langen Parteikarriere 2003 Ministerpräsident Chinas wurde, wusste sich als Regierungschef zum Anfassen gut in Szene zu setzen. Er verbrachte Neujahrsabende mit Kohlearbeitern, sprach Erdbebenopfern in Trümmerfeldern Mut zu und hörte sich auf Inspektionsreisen die Klagen von Wanderarbeitern und Bauern an. In seiner Amtszeit gab es einige Fortschritte in der Sozialpolitik. Kindern vom Land wurden die Schulgebühren erlassen, Bauern eine belastende Steuer. Fast alle Chinesen sind jetzt von einem landesweiten Krankenversicherungssystem erfasst.

Wen zeigte sich als erster Ministerpräsident Chinas an der Seite von HIV-Infizierten und leitete eine Wende in der Aids-Politik ein. Als Wen Jiabao im Alter von 60 Jahren das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, hofften viele, dass der Wirtschaftsfachmann sich für Reformen engagieren würde. Doch hat er die Wirtschaftsreformen, die sein Vorgänger Zhu Rongji angepackt hatte, nicht weitergeführt. In seiner Amtszeit wuchs die chinesische Wirtschaft zwar weiter schnell und wurde zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, aber er korrigierte die Probleme des chinesischen Wachstumsmodells nicht.

Die Staatswirtschaft gewann an Macht, Entwicklungs- und Einkommensunterschiede wuchsen. Die Landnahme in China ging weiter, Millionen von Bauern verloren ihr Land, während sich eine Schicht von Unternehmern und Funktionären an Enteignungen und Immobilienspekulationen auf bislang nie gekannte Weise bereichern konnte. Die Vergiftung der Böden, des Wassers und die Verschmutzung der Luft nahmen alarmierende Ausmaße an.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Korruptionsbekämpfung in China Geldberge im Wohnzimmer

Ist der Kampf der chinesischen Führung gegen Korruption eine verdeckte politische Säuberung? Eine Analyse der betroffenen Seilschaften und Gebiete gibt Antworten. Mehr Von Petra Kolonko, Peking

21.11.2014, 21:10 Uhr | Politik
Wirtschafts-Kooperation Auf des Kaisers Spuren

Chinas Präsident Xi Jinping inszeniert den Apec-Gipfel als Beginn seiner eigenen Ära. Erst hat er im Innern seine Macht konsolidiert, nun markiert er außenpolitisch sein Revier. Mehr Von Petra Kolonko, Peking

11.11.2014, 20:47 Uhr | Politik
Chinesische Medienpolitik Erpresstes Geständnis

Peking macht einer Mitarbeiterin der Deutsche-Welle wegen angeblichen Geheimnisverrats den Prozess. Das Verfahren macht deutlich: Die Partei steht in China weiter über dem Gesetz. Mehr Von Mark Siemons, Peking

21.11.2014, 15:18 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 04.03.2013, 15:01 Uhr

Eine neue Ära

Von Daniel Deckers

Die politischen Eliten Portugals waren nicht gefeit gegen die Verlockungen der Macht und des Geldes und konnten sich lange sicher fühlen. Doch nun ist die Zeit der Straflosigkeit vorbei. Mehr 1 4