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Warnung vor Smog Atemlos in Peking

 ·  In China liegt die Schadstoffbelastung abermals im gefährlichen Bereich. Die Luft ist so schlecht, dass selbst die Wetterämter jetzt vor „Smog“ warnen. Doch die Maßnahmen der Regierung gehen vielen Bürgern nicht weit genug.

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© Getty Images Vergrößern Im Gleichschritt einatmen: Wachsoldaten bei einer Flaggenzeremonie im Smog auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

„Ich lebe seit 50 Jahren in dieser Stadt, ich reise viel und komme immer gern zurück, weil ich Peking mag. Doch heute morgen habe ich mich gefragt, will ich wirklich in dieser Stadt meinen Lebensabend verbringen?“ Was die Schauspielerin Hong Dandan in ihrem Blog schreibt, spiegelt die Sorge und Frustration der Pekinger angesichts der schlimmsten Luftverschmutzung in diesem Januar wider.

Am Dienstagmorgen lag die Feinstaubverschmutzung jenseits der Messskala der amerikanischen Botschaft in Peking, die bei 500 Mikrogramm pro Kubikmeter endet. Bereits seit Samstag liegt sie wieder im gefährlichen Bereich. Nach Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation gilt nur ein Wert von bis zu 25 Mikrogramm als unbedenklich. Seit dem 7. Januar hält die Smogwetterlage in Peking an. Krankenhäuser melden einen rapiden Anstieg von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Zum ersten Mal „Smog“-Warnungen

„Sieht so eine Weltstadt aus?“, fragte die Zeitung „China Daily“. „Eine Weltstadt sollte nicht eine Stadt sein, die im Winter im Smog versinkt.“ Trotz der vielen Fünf-Sterne-Hotels und der neuen Einkaufszentren werde Peking nie eine lebenswerte Stadt werden, wenn es nicht seine Umwelt verbessere. Ungewöhnlich kritisch, bemängelt die Zeitung auch einen Mangel an langfristigem Denken bei der Stadtentwicklung. Alles solle nur „groß“ sein, sei die Parole gewesen. Es fehle die Aufmerksamkeit für Details.

In diesem Januar ist die Luft so schlecht, dass sogar die chinesischen Wetterämter sich veranlasst sahen, die Sache beim Namen zu nennen. Zum ersten Mal wurde bei einer Wettervorhersage vor „Smog“ gewarnt und nicht vor „Nebel“, wie die dicke Luft sonst immer beschönigend genannt wurde. Den Bürgern wurde empfohlen, nicht nach draußen zu gehen.

Bislang war Luftverschmutzung nur als Problem der Hauptstadt bekannt. Das lag nicht zuletzt daran, dass dort viele Ausländer leben und die Mittelschicht ein Umweltbewusstsein entwickelt hat. Jetzt wird aber auch über die Smog-Verhältnisse in anderen Städten berichtet. Nach Angaben des Umweltministeriums sind derzeit insgesamt 1,3 Millionen Quadratkilometer der Fläche Chinas von der gefährlichen Luft bedeckt.

Maßnahmen der Regierung ungenügend

Millionenstädte wie Tianjin, Shijiazhuang, Wuhan und Chengdu sind ebenso dabei wie ganze Regionen in den Provinzen Hebei, Henan, Shandong und Jiangsu. In den ländlichen Gebieten ist die Luft keineswegs besser. Das chinesische Fernsehen zeigte Bilder von Dörfern, deren Bäume und Häuser im Smog kaum noch zu erkennen waren. Autobahnen mussten gesperrt werden, viele Flüge wurden gestrichen oder waren verspätet.

Die hohe Partikelverschmutzung ist gesundheitsgefährlich für alle. Die kleinen Partikel gelangen direkt in die Lunge oder in die Blutbahn. Die hohe Schadstoffbelastung schwächt auch das Immunsystem. Man sorgt sich vor allem um die Kinder, die besonders anfällig sind. Die Nachrichtenagentur Xinhua vermeldete, dass mehr Kinder als zu normalen Zeiten krank geworden seien. Doch bisher wurde in Peking noch keine Schule geschlossen, höchstens der Sportunterricht im Freien wurde abgesagt.

Viele Bürger beschweren sich, dass die Maßnahmen der Regierung nicht weit genug gehen. Die hatte am Dienstag angekündigt, dass Abrissprojekte eingestellt und die Straßen öfter gefegt werden sollen. Ein Teil der vielen Dienstwagen der staatlichen und städtischen Funktionäre darf zudem nicht mehr auf die Straßen.

Der neue Pekinger Oberbürgermeister erklärte zwar, dass die Bekämpfung der Luftverschmutzung Priorität für die Stadtverwaltung haben werde. Doch als wenig ehrgeiziges Ziel für dieses Jahr wurde eine Reduzierung der Schadstoffe um zwei Prozent in Aussicht gestellt. An eine ernsthafte Beschränkung des privaten Autoverkehrs wagt man sich nicht.

Tatsächlich liegt die Verschmutzung in Peking nicht nur an den fünf Millionen Autos der Stadt und deren eigenen Industriebetrieben. Nach einer neuen Untersuchung kommt etwa ein Drittel des Drecks in der Pekinger Luft aus dem Umland, wo es viele Fabriken gibt und die Umweltauflagen noch weniger beachtet werden als in der Hauptstadt.

Der Smog werde noch bis mindestens zum Donnerstag bleiben, wenn durch Bewegungen kalter Luft und Schnee und Regen eine Besserung zu erwarten sei, sagt das Pekinger Wetteramt. Der Smog dämpft auch die Vorfreude auf das chinesische Neujahrsfest am 10. Februar. Die bevorstehenden Neujahrsferien sind nach Meinung von Wirtschaftsbeobachtern auch Teil des Problems. Viele Fabriken arbeiten vor der jährlichen Schließung auf Hochtouren und produzieren damit mehr Emissionen als üblich.

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