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Wahlkampf in Taipeh : Unter Chiang Kai-shek wäre das nicht passiert

  • -Aktualisiert am

Der Wahlkampf hat Liens Glaubwürdigkeit eher geschadet. Bild: Bardenhagen, Klaus

Am Samstag wird in Taiwans Hauptstadt gewählt, und die Bürger drohen einem Prinzling der Regierungspartei die Politkarriere zu verbauen. Der Wahlausgang ist auch für die Demonstranten in Hongkong wichtig.

          Als Sean Lien im Februar vergangenen Jahres die Große Halle des Volkes in Peking betrat, sah es aus wie der erste Schritt auf seiner politischen Laufbahn, die in seiner Heimat Taiwan bis ganz nach oben führen könnte. Höhepunkt der Inszenierung, die sein Vater besorgt hatte, war ein langer Händedruck mit Xi Jinping. Der mächtigste Mann Chinas zeigte sich gut informiert: „Man sagt, Sie wollen Bürgermeister von Taipeh werden?“, soll Xi gefragt haben. Jung, hünenhafte Statur, bestens vernetzt – Sean Lien erschien als Hoffnungsträger für Taiwans Regierungspartei Kuomintang (KMT), der eines Tages sogar Präsident werden könnte.


          Doch schon die erste politische Bewährungsprobe diesen Samstag könnte als Blamage enden, falls der 44 Jahre alte Lien nicht einmal die Bürgermeisterwahl in Taipeh gewinnt. Nach letzten Umfragen liegt er mehr als zehn Prozentpunkte hinter einem parteilosen Kandidaten. Liens Niederlage in der Hauptstadt, die als Erbhof seiner KMT gilt, wäre nicht nur eine politische Sensation in Taiwan. Sie würde auch China und dem Rest der Welt deutlich machen, dass Taiwans junge Generation diese erste und einzige Demokratie der chinesischsprachigen Welt in eine neue Richtung führt.

          Die Diktatur ist noch nicht aufgearbeitet


          Mit seiner mächtigen Familie im Rücken gilt Sean Lien als typischer Prinzling, wie man sie vor allem aus China kennt. Sein Vater Lien Chan, KMT-Ehrenvorsitzender, war Taiwans Vizepräsident. Der Großvater hatte unter Chiang Kai-shek gedient. Dessen 1949 vom Festland geflohene Nationalchinesen beherrschten die Insel fast 40 Jahre lang per Kriegsrecht und unterdrückten gebürtige Taiwaner. Auch 20 Jahre nach der Demokratisierung ist die Diktatur noch nicht wirklich aufgearbeitet, die Spaltung nicht überwunden. Die Abneigung zwischen Hardlinern auf beiden Seiten lähmt Taiwan im Inneren und schwächt es nach außen.


          Man muss so weit zurückblicken, um zu verstehen, warum im März Studenten im Handstreich Taiwans Parlament besetzten, nachdem die Regierung ein umstrittenes Handelsabkommen mit China durchpeitschen wollte. Die junge Generation hat keine Erinnerung mehr an das Taiwan vor der Demokratie, die ideologischen Grabenkämpfe der Alten sind vielen zuwider. Obwohl internationale Medien sie als „anti-chinesisch“ abstempelten, ging es der „Sonnenblumen-Bewegung“ vor allem um mehr Transparenz und die Reparatur eines Systems, in dem KMT- und Oppositionspolitiker sich zu oft vor laufenden Kameras raufen, statt lagerübergreifend Lösungen zu suchen.

          Neue Bewegungen wollen System von innen ändern


          Weil sie in der Bevölkerung breite Unterstützung fanden, konnten die Studenten fast vier Wochen lang im Plenarsaal ausharren, bis die KMT einlenkte. Die versprochenen Reformen stehen noch aus, aber die Proteste haben nicht nur Taiwan verändert. Hongkongs Demokratiebewegung habe von den „Sonnenblumen“ gelernt, Langzeit-Proteste zu organisieren, sagt Politologe Eric Yu von der Nationalen Chengchi-Universität. Und junge Taiwaner hätten erkannt, dass sie keine Politiker brauchen, um ihr Land zu verändern: „Wer sich über Graswurzel-Bewegungen effektiv organisiert und seine Ziele nach außen trägt, kann etwas erreichen.“

          Sean Lien ist der junge Hoffnungsträger der Partei KMT, sein Großvater hatte unter Chiang Kai-shek gedient.


          Viele der neuen Bewegungen mischen mit im Kommunalwahlkampf, der gerade dafür sorgt, dass überall in Taiwan politische Plakate, Lautsprecherwagen und Kundgebungen das Straßenbild bestimmen. Einige der fast 20.000 Kandidaten für lokale Ämter hatten im Frühjahr noch das Parlament besetzt und wollen nun das System von innen ändern. Die meiste Aufmerksamkeit richtet sich auf Taipeh, und das nicht nur, weil alle drei bislang frei gewählten Präsidenten Taiwans hier zuvor Bürgermeister waren. Viele Strömungen vereint ein Ziel: Sean Lien als Bürgermeister zu verhindern.

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