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Taiwan und China : „Sie wollen uns langsam schlucken“

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Unabhängigkeitsbefürworter zeigen Chinas Zhang Zhijun die rote Karte: „Taiwans Zukunft entscheiden die Taiwaner - hau ab!“ Bild: AFP

Pekings Taiwan-Beauftragter besucht als erster chinesischer Regierungsvertreter die Inseldemokratie. Er wird mit Protesten empfangen - die Parlamentsbesetzung durch Studenten hat Taiwan politisch aufgerüttelt.

          „Dass wir den Handelspakt ablehnen, bedeutet nicht, dass wir gegen China sind“, sagt Lin Fei-fan. „Aber unser Verhältnis zu China entspringt einer entgegengesetzten Position“, fügt der taiwanische Studentenführer feinsinnig hinzu. Der 26 Jahre alte Politikstudent beißt in ein Bananen-Sandwich, trinkt einen Schluck Milchkaffee. Es ist später Vormittag. Die meisten Tische in dem Café in der taiwanischen Hauptstadt Taipeh sind noch leer. An den Wänden kleben Poster von Van Morrison, Jimi Hendrix und Audrey Hepburn.

          Im Fenster hängen die Beatles neben einer Anonymus-Maske, dem weltweiten Symbol im Kampf gegen Unterdrückung: „Das Land gehört dem Volk. Das Volk muss die Regierung nicht fürchten - vielmehr muss die Regierung das Volk fürchten“, steht in chinesischen Schriftzeichen daneben. Der Studententreff heißt „Kafka am Strand“. Es ist der Titel eines Romans des japanischen Autors Haruki Murakami und hat mit dem Schriftsteller Franz Kafka nichts zu tun. „Ich verstehe ohnehin nicht viel von Kafka“, scherzt Lin, knabbert Kartoffelchips.

          Parlamentsbesetzung hat Wirkung gezeigt

          Lin Fei-fan und seine Studienkollegen haben Taiwans Regierung im Frühjahr das Fürchten gelehrt. Ihre dreiwöchige friedliche Besetzung des Parlaments stürzte die Regierungspartei und ihre Politik in eine schwere Krise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Und sie rüttelte Taiwans Zivilgesellschaft wach. Bürgerproteste sind in Taipeh in diesen Wochen an der Tagesordnung. Lin Fei-fan ist jedoch alles andere als ein radikaler Studentenführer. Eher der Typ perfekter Schwiegersohn - schlau, taktvoll, ein Lächeln im Gesicht.

          Da staunt Staatsgründer Sun Yat-Sen: Fast einen Monat lang hatten Studenten im Frühjahr das Parlament in Taipeh besetzt
          Da staunt Staatsgründer Sun Yat-Sen: Fast einen Monat lang hatten Studenten im Frühjahr das Parlament in Taipeh besetzt : Bild: dpa

          Die Proteste gegen den Handelspakt zwischen China und Taiwan für den Dienstleistungsbereich haben ihn unversehens zum Anführer der „Sonnenblumenbewegung“ und damit zu einem wichtigen Gegenspieler des kommunistischen Regimes in Peking gemacht. An diesem Mittwoch kommt der oberste chinesische Politiker für die Beziehungen zu Taiwan, Zhang Zhijun, zu einem mehrtägigen Besuch auf die Insel. Es ist die erste offizielle Visite eines Regierungsvertreters aus Peking. Seit Jahren besuchen allerdings schon Politiker aus Chinas Provinzen und halboffizielle Unterhändler der Zentralregierung Taiwan.

          Viele Taiwaner sehen sich nicht als Chinesen

          Seit dem Ende des Bürgerkriegs vor 65 Jahren betrachten Pekings Führer die Inselrepublik als Teil ihres Hoheitsgebiets - und handeln sich damit keine Sympathien unter den 23 Millionen Taiwanern ein. „Wir müssen sorgsam zwischen China, dem chinesischen Volk und dem chinesischen Regime unterscheiden“, sagt Lin Fei-fan. Mit der breiten Masse des chinesischen Volkes auf dem Festland fühlten sich die Studenten durchaus verbunden. Auf jeden Fall sieht sich Lin Fei-fan aber als Taiwaner, nicht als Chinese - so wie immer mehr Menschen in Taiwan.

          Das Riesenreich China ist für sie ein fremdes, „anderes Land“. Es ist ein bedrohlicher Nachbar - nicht nur wegen der vielen Raketen, die auf Taiwan zielen, sondern auch wegen der beängstigenden Mischung aus diktatorischem System und zweitgrößter Wirtschaftsmacht. Mit seinen starken Armen umschließt die kommunistische Volksrepublik die kleine Insel, die zunehmend abhängig von der Kooperation wird.

          „Sie wollen uns langsam schlucken“, sagt ein Geschäftsmann im privaten Gespräch. „Diese Studenten haben nichts gegen Globalisierung und würden andere Handelsabkommen sofort unterzeichnen, aber der Widerstand richtet sich gegen China.“ Er habe immer gedacht, dass die jungen Leute heute unpolitisch wären. „Aber sie haben mich eines Besseren belehrt“, sagt der 42-Jährige. „Ihr Erfolg gab ihnen plötzlich das Gefühl, dass sie tatsächlich etwas ändern können.“

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