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Südchinesisches Meer : Der wichtigste Seeweg der Welt wird zum Faustpfand

Am Fiery Cross Reef nahe der Spratly-Inseln baut China eine künstliche Insel - Bild der philippinischen Armee Bild: dpa

Die Chinesen spielen mit den Muskeln, die Amerikaner sind gereizt. Der Konflikt im Südchinesischen Meer ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft.

          Das Tauziehen um den Einfluss im Südchinesischen Meer wird heftiger. Betroffen sind die wichtigsten Handelsrouten der Welt. Wenige Tage vor dem Treffen der Staats- und Regierungschefs der Pazifikstaaten auf ihrem Wirtschaftsgipfel, unter ihnen Amerikas Präsident Barack Obama und Chinas Präsident Xi Jinping, können sich die Anrainerländer auf keine Erklärung einigen. Warnungen vor einem Krieg werden laut. Rund 30 Prozent des Welthandelsvolumens von etwa 19 Billionen Dollar werden durch das Südchinesische Meer transportiert. Der amerikanische Verteidigungsminister Ashton Carter spricht von „wachsenden Spannungen“. In der vergangenen Woche sagte Chinas Marineadmiral Wu Shengli, dass schon ein „kleinerer Zwischenfall Krieg auslösen“ könne.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Hier handelt es sich um den allerwichtigsten Seeweg der Welt, gemessen an der transportierten Tonnage und am Wert der Waren. Wenn diese Region als gefährlicher oder schwieriger eingestuft wird, wird dies die Gleichung des Welthandels empfindlich treffen“, warnt Kurt Campbell. Im amerikanischen Außenministerium formte er die Asien-Politik von Obama, heute sitzt er unter anderem im Verwaltungsrat der Standard Chartered Bank und leitet seine eigene Strategieberatung.

          Fast 1200 Hektar neues Land

          Die Warnungen werden lauter. Die australische Außenministerin Julie Bishop erklärte, die Freiheit der Seefahrt sei entscheidend, denn zwei Drittel der Waren Australiens würden durch das Südchinesische Meer verfrachtet. Schon im vergangenen Jahr hatte der vietnamesische Außenminister Nguyen Tan Dung mit Blick auf das von China beanspruchte Gebiet gesagt: „Jedes Risiko eines Konfliktes wird diesen riesigen Warenfluss unterbrechen und wird unvorhersehbare Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft und die Weltwirtschaft haben. Es könnte sogar den Trend der weltweiten wirtschaftlichen Erholung umkehren.“

          Seit 2013 sichert sich China mit hoher Geschwindigkeit wachsenden Einfluss auf See. Fast 1200 Hektar neues Land haben die Chinesen rund um bestehende Atolle dem Meer abgerungen und darauf auch militärische Einrichtungen und Rollbahnen gebaut. Das amerikanische Verteidigungsministerium hat berechnet, dies sei innerhalb dieser zwei Jahre 17 Mal so viel Land, wie alle anderen Anspruchsteller, Vietnam, die Philippinen, Malaysia, Taiwan und Brunei Darussalam, in den vergangenen 40 Jahren in der Region gewonnen haben. Zugleich arbeitet China ein enormes Bauprogramm für Kriegsschiffe ab: 2012 ließ es den ersten Flugzeugträger zu Wasser, ein zweiter ist gerade im Bau. Neue Unterseeboote kommen hinzu. Und auch die Küstenwache wird rasant aufgerüstet, unter anderem mit einem 10.000 Tonnen schweren Schiff, das in China als „das Monster“ bekannt ist.

          Die Chinesen reagierten nun empfindlich, als die Amerikaner ihren Zerstörer USS Larsen in das Seegebiet um die Spratly-Inseln entsandten, um den Anspruch auf freie Schifffahrt zu dokumentieren. Dies sei eine „vorsätzliche Provokation“. Am Mittwoch gab Verteidigungsminister Carter bekannt, den Flugzeugträger Theodore Roosevelt besuchen zu wollen, während der im Südchinesischen Meer kreuzt – Nadelstich reiht sich an Nadelstich.

          „Chinas Ziel ist es, Amerika als Seemacht im Westpazifik abzulösen“

          Chinesen auf der einen Seite, Amerikanern und ihren Verbündeten, insbesondere den Philippinen und Vietnam, auf der anderen Seite geht es um die Sicherung der Handelsrouten, um Routen für Unterseeboote, um Bodenschätze und Fischgründe. China ist der größte Importeur von Kohle, Öl und Gas auf der Welt. Mehr als 40 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsproduktes stammen aus dem Handel, 90 Prozent davon werden über die See transportiert. Geologen schätzen, unter dem südchinesischen Meer lägen mehr als 100 Millionen Barrel Öl- und Gasvorräte.

          „Chinas langfristiges Ziel ist es, Amerika als dominante Seemacht im Westpazifik abzulösen. Es will Amerika als unzuverlässig und unfähig vorführen. Amerikas Aktionen zeigen nun, dass sich der Blickwinkel ändern könnte. China muss also verhindern, dass Amerika eine Koalition in Asien anführt, deren Ziel es ist, seinen Aufstieg zu bremsen“, sagt Rory Medcalf, Leiter des Colleges für Nationale Sicherheit an der Australischen Nationalen Universität.

          Niemand will Krieg, niemand könnte ihn sich leisten. Deshalb herrscht derzeit die Sorge vor, dass durch Zufälle und Missverständnisse aus kleinen Konflikten große werden. Am Mittwoch scheiterte schon der Versuch der asiatisch-pazifischen Verteidigungsminister, eine gemeinsame Abschlusserklärung nach ihrer Konferenz in Kuala Lumpur zu verabschieden.

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