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Veröffentlicht: 12.02.2013, 17:00 Uhr

Ostasien Wo alle mit allen über Kreuz liegen

Es gibt keine regionalen Strukturen, in denen sich der Nordkorea-Konflikt auf Dauer entschärfen ließe. Es gibt nur lauter Konflikte, in die alle Akteure verheddert sind.

© AP Verkündung: Fernsehschirm an einem Bahnhof in Pjöngjang

In Nordostasien hat am Dienstag wieder einmal die Erde gebebt. Und wieder einmal war es kein Naturereignis. Der dritte Atomtest Nordkoreas erschüttert eine Region, die ohnehin reich an Konflikten ist. Diese schwelen zum Teil schon sehr lange. Eine Lösung zeichnet sich freilich in keinem Fall ab, was unter anderem daran liegen könnte, dass es keine regionalen Strukturen gibt, auf die sich eine Entspannungspolitik gründen ließe.

Peter Sturm Folgen:

Im Falle des nordkoreanischen Atomprogramms wurde in Form der Sechsergespräche in Peking eine multilaterale Lösung versucht. Diese scheiterte aber. Es gelang zum Beispiel nicht, über einen längeren Zeitraum eine einigermaßen einheitliche Verhandlungsführung aufrechtzuerhalten. Immer wieder kamen Partikularinteressen einzelner Teilnehmerstaaten oder Wahlen sowie Regierungswechsel dazwischen. So verzögerte zum Beispiel Japan die Gespräche für einige Zeit, weil es als Vorbedingung für eine umfassende Regelung Auskunft über das Schicksal von Japanern verlangte, die vor Jahrzehnten nach Nordkorea entführt worden waren.

Für Nordkorea erwies sich das Atomprogramm schon bald als dermaßen wichtig für das Prestige und die internationale Position des Landes, dass eine Aufgabe stetig unwahrscheinlicher wurde. Damit hatten die Sechsergespräche aber ihre Geschäftsgrundlage verloren, obwohl zum Beispiel China in regelmäßigen Abständen eine Rückkehr an den Verhandlungstisch vorschlägt, weil nur dieser eine Lösung verspreche.

Konflikte über Konflikte

Die vielen anderen Konflikte in der Region verhindern bis heute eine enge Zusammenarbeit der Gesprächspartner Nordkoreas. Die Beziehungen zwischen China und Japan sind zur Zeit in einer akuten Krise. Vordergründig geht es um eine Gruppe unbewohnter Inseln, die faktisch unter Kontrolle Japans stehen, die China aber für sich beansprucht. Schiffe aus beiden Ländern kreuzen in dem umstrittenen Gebiet. Zu bewaffneten Zusammenstößen ist es zwar noch nicht gekommen, aber die Rhetorik ist durchaus aggressiv. Im Hintergrund dieses Konflikts steht die künftige Rolle Chinas in der Weltpolitik. Japan und andere Staaten in der näheren und weiteren Umgebung fürchten, China wolle nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und militärisch expandieren. Sie sehen dadurch ihre Interessen gefährdet. Sie werden unterstützt von den Vereinigten Staaten, die die Entwicklung in Asien mit wachsender Sorge verfolgen und eine stärkere Präsenz in der Region anstreben. Dadurch wiederum fühlt sich China bedroht.

Einer gemeinsamen Politik der Staaten der Region gegenüber China stehen aber andere Konflikte im Weg. Japan und Südkorea streiten auch um eine Inselgruppe. Diese wird von Südkorea kontrolliert, aber von Japan beansprucht. Außerdem sind die bilateralen Beziehungen weiterhin durch die Kolonialgeschichte belastet. Japan beherrschte Korea von 1910 bis 1945. Die in dieser Zeit verübten Greueltaten sind bis heute in Korea unvergessen. Erschwert wird die Situation noch durch die Haltung mancher Japaner, die von Verbrechen ihrer Soldaten und Beamten nichts wissen wollen.

Infografik / Karte / Nordkoreas Atomtest © F.A.Z. Bilderstrecke 

Auch mit Russland ist Japan in einen Territorialkonflikt verwickelt. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges besetzten sowjetische Truppen vier Kurilen-Inseln. Diese in Japan „nördliche Territorien“ genannten Eilande sind bis heute Gegenstand politischen Streits. In der vorigen Woche soll es zu einem Luftzwischenfall gekommen sein. Japan behauptet, russische Flugzeuge hätten seinen Luftraum genau an dem Tag verletzt, da in Japan der verlorenen Gebiete gedacht wurde.

Ungelöst ist schließlich auch der Korea-Konflikt. Die Halbinsel ist seit dem Ende des Korea-Krieges im Jahre 1953 geteilt. Ein Friedensvertrag ist bis heute nicht zustande gekommen. Vielmehr stehen Nord und Süd einander am 38. Breitengrad hochgerüstet gegenüber. Zwar gab es in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts Versuche einer Entspannung zwischen den beiden Teilen Koreas. Aber diese zeigten aus unterschiedlichsten Gründen keine nachhaltigen Ergebnisse.

Die vergangenen fünf Jahre müssen aus innerkoreanischer Sicht als verlorene Jahre gelten, weil der südkoreanische Präsident aus Enttäuschung über die mageren Ergebnisse der Entspannungspolitik einen konfrontativeren Kurs verfolgte, der den Norden allerdings auch nicht zu Zugeständnissen animierte. Folgt man den Verlautbarungen Nordkoreas, ist an der innerkoreanischen Grenze ein bewaffneter Konflikt hoch wahrscheinlich. In Wirklichkeit wird es vermutlich dazu nicht kommen. Anderswo in der Region ist Zuversicht möglicherweise weniger angebracht.

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Nordkoreas Bombe - stärker, kleiner, leichter (angeblich)

Nach Angaben aus Seoul entsprach die Detonation in Nordkorea der von sechs bis sieben Kilotonnen TNT-Sprengstoffs. Es dürfte sich also um den stärksten der nunmehr drei getesteten Sprengsätze gehandelt haben. Beim ersten Versuch 2006 war von weniger als einer Kilotonne, beim zweiten im Jahr 2009 von zwei bis sechs Kilotonnen die Rede. Die 1945 über Hiroshima zur Explosion gebrachte Atombombe hatte eine Sprengkraft von etwa 15 Kilotonnen; Amerika hat Gefechtsköpfe mit bis zu hundertmal größerer Sprengkraft.

Die Sprengkraft zu vergrößern, ist für die Waffeningenieure indes nicht das schwierigste Unterfangen. Doch behauptet Pjöngjang erstens, der Sprengsatz sei kleiner und leichter als die bisherigen, womit das Regime den Eindruck erweckt, es könne bald einen nuklearen Gefechtskopf für seine Raketen herstellen. Zweitens wird von einer „Diversifikation“ der Nuklearkapazität gesprochen. Damit deutet Nordkorea an, es habe nach den beiden Plutoniumbomben womöglich erstmals einen Sprengsatz aus hochangereichertem Uran gezündet. Dass das Land auch über Technologie zur Urananreicherung verfügt, war bekannt. Da Uran nicht wie Plutonium Hitze abgibt, wäre eine geheime Anreicherungsanlage oder Lagerstätte schwerer aufzuspüren. Auch ist Plutonium noch schwerer herzustellen; Nordkoreas Vorräte dürften nur für wenige Atombomben genügen.

Durch den fünften Test einer Langstreckenrakete im vorigen Dezember bewies Nordkorea, dass es seine Raketentechnik stetig verbessert. Erstmals gelang es dem Land, ein Objekt - angeblich einen Satelliten - in eine Erdumlaufbahn zu befördern. Doch dürften die Nordkoreaner noch keinen Wiedereintrittskörper konstruiert haben, der nicht verglüht, wenn er nach der Gleitphase im Orbit wieder die Erdatmosphäre erreicht. Erst recht dürfte es für Pjöngjang noch ein weiter Weg bis zur Herstellung eines nuklearen Gefechtskopfs sein, der klein genug für eine Rakete ist und sich stabil transportieren lässt, um erst am vorgesehenen Ort zu detonieren. Das relativiert die Sorgen, dass Nordkoreas Raketen bald das amerikanische Festland erreichen könnten. (anr.)

Quelle: F.A.Z.

 

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