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Nordkorea Die gute alte Abschreckung

Autoritäre Systeme sind häufig ein Raum der Rechtlosigkeit. In Nordkorea ist das nicht anders, wie die jüngsten Atomtests beweisen. Klar ist: Weder direkte Gespräche noch schärfere Sanktionen werden das Regime stoppen.

© REUTERS Vergrößern Auch ein Diktator wie Kim Jong-un kann sich nicht sicher sein, ob das Land bedingungslos hinter ihm steht

Wie der Vater, so der Sohn. Kim Jong-il hat die Welt mit Atom- und Raketentests provoziert, sein Sprössling Kim Jong-un tut es ihm gleich. Hundertfach ist dieses Muster in den vergangenen Tagen verwendet worden, um das Verhalten Nordkoreas zu erklären. Es ist bestechend einfach - zu einfach. Denn es beruht auf falschen Voraussetzungen und schafft falsche Erwartungen, was politische Gegenmaßnahmen angeht.

Um mit den Voraussetzungen zu beginnen: Wir stellen uns autoritäre Systeme gerne nach dem Führerprinzip vor. Es gibt ein Zentrum absoluter Macht, dessen Wille auf den unteren Ebenen vollzogen wird. So würden es sich Diktatoren selbst wünschen. Tatsächlich ist ihre Lage viel komplizierter. Sie schaffen einen Raum der Rechtlosigkeit, in dem sich alle möglichen Kräfte ausbreiten. Der Führer kann seine Stellung nur behaupten, indem er diese Kräfte gegeneinander ausspielt. Er steht in einem permanenten Machtkampf - und dieser Kampf verbraucht viel Energie.

Ein paar Herrschaftsgesten gelernt

In Nordkorea lässt sich das gut beobachten. Kim Jong-un hat in den vergangenen Monaten ein paar Leute aus dem Verkehr gezogen, die ihm als Aufpasser zur Seite gestellt worden waren. Er degradierte mehrere Generäle und versetzte den mächtigen Generalstabschef in den Ruhestand. Offiziell aus gesundheitlichen Gründen - Kenner sagen, der Mann sei im Arbeitslager gelandet. Es kursierten auch Berichte über Hinrichtungen hoher Funktionäre; zu diesem Mittel hatte schon der Vater gegriffen. Kim Jong-un lässt sich nun als großer Führer feiern, er hat ein paar Herrschaftsgesten gelernt. Aber sein Onkel Jang Song-taek steht immer noch an seiner Seite, er vertritt den Familienclan. Und die Armee hat sich mehreren Dekreten entzogen, mit denen Kim Jong-un sie unter seine Kontrolle bringen wollte. Selbst Diplomaten rätseln darüber, wer im Innersten der Macht welche Fäden zieht. Sie sind nicht einmal sicher, ob der jüngste Atomtest Kim Jong-uns freie Entscheidung war.

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Die vielen Unbekannten machen es sehr schwer, angemessen auf nordkoreanische Provokationen zu reagieren. In den letzten Tagen haben manche Kommentatoren gefordert, Washington solle direkt mit Pjöngjang verhandeln. Aber wer ist Pjöngjang? Das mussten sich die Amerikaner vor einem Jahr schon einmal fragen. Ende Februar 2012 hatten sie mit dem nordkoreanischen Vizeaußenminister ein Abkommen ausgehandelt, das als Durchbruch galt: Nordkorea verzichtete auf Atom- und Raketentests, Amerika sagte 240.000 Tonnen Lebensmittel zu. Nur fünf Wochen später war der Deal hinfällig, Nordkorea schoss eine Rakete ins All. Hatte sich eine Fraktion gegen die andere durchgesetzt? Oder war das nur ein gut orchestrierter Versuch, Washington vorzuführen? Die Fragen blieben offen.

Wenn direkte Gespräche nichts bringen, ziehen Diplomaten Sanktionen aus dem Köcher. Aber viele Pfeile sind nicht mehr übrig, die meisten wurden schon verschossen. Es gibt Liefersperren für Luxusgüter und Waren, die zu militärischen Zwecken verwendet werden können. Trotzdem ist die Bar im Gästehaus des Außenministers mit erlesenem Cognac gefüllt, und das Atomprogramm kommt gut voran. Vermögen wurden eingefroren, Funktionäre mit Reisesperren belegt - kein nennenswertes Problem für ein so abgeschottetes Land. Koreanische Schiffe dürfen in Häfen auf verdächtige Ladungen kontrolliert werden - aber nicht auf See. Nur ein Pfeil würde das Land empfindlich treffen: wenn China seine Öllieferungen einstellte. Das gab es 2003 für ein paar Tage, es könnte sich wiederholen. Aber mehr als ein Warnsignal ist unwahrscheinlich. China will kein Chaos im Nachbarland riskieren. So wird Nordkorea sein Waffenprogramm bis zu dem Punkt treiben, an dem es nahe wie ferne Gegner nuklear bedrohen kann.

Enormes Vergeltungspotential

Und dann? Ein Präventivschlag ist für den Westen keine Option. Auch wenn Nordkorea nicht genug Diesel hat, um seine Panzer Richtung Süden rollen zu lassen - seine Artillerie erreicht die Millionenstadt Seoul in jedem Fall. Das Vergeltungspotential ist enorm. So bleibt dem Westen nur die gute alte Strategie aus dem Kalten Krieg: abschrecken und eindämmen, ergänzt um Raketenabwehr.

Darauf bereiten sich die Amerikaner schon seit Jahren vor. Sie haben Abfangraketen in Alaska und Kalifornien stationiert und ihre Zerstörer im Pazifik damit ausgerüstet. Die Technologie wird mit Japan weiterentwickelt, wo auch ein Frühwarnradar steht. Ein weiteres wurde kürzlich vereinbart. Amerika könnte außerdem nuklear bestückte Raketen in Ostasien aufstellen - diese Option sieht die Nuklearstrategie ausdrücklich vor. Im Vergleich zur Sowjetunion ist Nordkorea jedenfalls ein überschaubarer Gegner. Es spielt dann auch keine Rolle, wer in Pjöngjang Entscheidungen trifft. Abgeschreckt werden nicht Individuen, sondern Staaten.

Quelle: F.A.S.

 
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