Home
http://www.faz.net/-gq5-791p5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Nach Anschlägen in der Türkei „Niemand soll unsere Macht testen“

Nach der Explosion mehrerer Bomben und sechsundvierzig Todesopfern in einer Grenzstadt zu Syrien gibt sich die türkische Regierung zum entschlossenen Handeln bereit.

© dpa Vergrößern Bei den Explosionen in dem Grenzort Reyhanli wurden Dutzende Menschen getötet

Bei der Explosion von zwei Autobomben nahe der türkischen Grenze zu Syrien sind am Samstag mehr als 40 Personen getötet worden. Etwa hundert weitere wurden verletzt, davon befanden sich 29 in ernstem Zustand. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte, die Anschläge könnten im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien stehen oder eine versuchte Sabotage der Friedensbemühungen im Kurden-Konflikt sein. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu verwies auf Kräfte, die den Frieden in der Türkei stören wollten. „Niemand sollte unsere Macht testen. Unsere Sicherheitskräfte werden alle nötigen Maßnahmen ergreifen“, sagte Davutoglu in Berlin. Dort wollte er am Sonntag mit Außenminister Guido Westerwelle (FDP) einen neuen strategischen Dialog zwischen Deutschland und der Türkei eröffnen. Er solle „unsere Beziehungen auf eine neue Ebene heben“, schrieben beide Minister in einem Gastbeitrag für die F.A.S.

Thomas Gutschker Folgen:     Markus Wehner Folgen:  

Ein Augenzeuge berichtete der F.A.S. von zwei schweren Explosionen, die sich in der Mittagszeit im Zentrum der Stadt Reyhanli ereigneten. Demnach explodierte zuerst ein Sprengsatz vor dem Rathaus, kurz darauf gab es eine weitere Detonation vor dem etwa 500 Meter entfernt gelegenen Postgebäude. Zu dieser Zeit kauften zahlreiche Menschen in umliegenden Geschäften ein oder ruhten sich im Park vor dem Rathaus aus. Die Wucht der Explosion verursachte erhebliche Schäden, in einer Straße klaffte ein Loch.

Großes Polizeiaufgebot

Die 60.000-Einwohner-Stadt Reyhanli liegt acht Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. Am Übergang Cilvegözü war im Februar eine Autobombe explodiert, dabei kamen 13 Personen ums Leben. Mitglieder des oppositionellen Syrischen Nationalrats, die an der Grenze warteten, blieben unverletzt. Die türkische Regierung bezichtigte seinerzeit den syrischen Geheimdienst des Anschlags.

Explosion in Reyhanli near of Turkey- Syria border Es handelt sich um den bislang schwersten Zwischenfall in der Region seit Beginn des Aufstands gegen Assad im März 2011 © dpa Bilderstrecke 

Der Augenzeuge des Anschlags in Reyhanli berichtetet der F.A.S. weiter, kurz nach den beiden Explosionen seien etwa fünfzig türkische Jugendliche marodierend durch die Straßen gezogen. Sie hätten Autos mit syrischen Kennzeichen demoliert und die Scheiben syrischer Geschäfte eingeschlagen. Nach einer Stunde habe ein großes Polizeiaufgebot die Jugendlichen vertrieben und die Anschlagsorte weiträumig abgesperrt. Etwa sechzig Prozent der Einwohner von Reyhanli sind syrischer Herkunft, die Provinz Hatay gehört erst seit 1939 zur Türkei. Dort leben auch Syrer, die loyal zu Präsident Assad stehen, während die türkische Regierung die Opposition unterstützt. Das hatte schon früher zu Spannungen geführt. Von Reyhanli aus wird ein Teil der humanitären Hilfe für die „befreiten Gebiete“ in Syrien geliefert.

Mehr zum Thema

Außenminister Westerwelle sprach sich in dem Gastbeitrag mit seinem türkischen Kollegen so deutlich wie nie zuvor für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union aus. Beide Länder wollten „dem türkischen Beitrittsprozess neuen Schwung geben“, schrieben die Minister in der F.A.S. Die Türkei habe weitreichende Reformen vorangetrieben. Die „großen Fortschritte“ sollten sich positiv im Verhandlungsprozess über den EU-Beitritt der Türkei niederschlagen.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Genozid in Armenien Erinnern, um zu vergessen

Die Türkei will mit einer Gegenveranstaltung vom Gedenktag zum Völkermord an den Armeniern ablenken. Ein Lehrstück über Chauvinismus, Geschichtsklitterung und Verdrängung. Mehr Von Michael Martens, Istanbul

24.04.2015, 07:19 Uhr | Politik
Syrien Flüchtlinge suchen Neubeginn in der Türkei

In die türkische Mittelmeerstadt Mersin sind seit Beginn des Bürgerkriegs im benachbarten Syrien bis zu 350.000 Menschen geflüchtet. Eine Hilfsorganisation unterstützt sie dabei, ihr Leben aus dem Nichts neu aufzubauen. Mehr

31.03.2015, 12:41 Uhr | Gesellschaft
Devisenmarkt Türkische Lira verliert zusehends an Wert

Der Kurs der türkischen Lira fällt weiter und hat abermals ein Rekordtief erreicht. Wirtschaft und Notenbank stehen unter Druck. Die Politik ist dagegen eher weniger hilfreich. Mehr Von Martin Hock

14.04.2015, 17:46 Uhr | Finanzen
Türkei Neun britische Staatsbürger auf dem Weg nach Syrien festgenommen

Türkische Sicherheitskräfte haben am Mittwoch neun britische Staatsbürger verhaftet, die auf dem Weg nach Syrien gewesen sein sollen. Offenbar hatte die Gruppe versucht in der Nähe Stadt Hatay illegal die Grenze zu überqueren. Mehr

02.04.2015, 16:58 Uhr | Politik
Genozid an Armeniern Es war einmal ein gutes Osmanisches Reich

In türkischen Schulbüchern wird der Völkermord an den Armeniern geleugnet. Stattdessen lernen Zehntklässler, es habe ein Armenierproblem gegeben, das gelöst worden sei. Mehr Von Michael Martens, Istanbul

17.04.2015, 20:53 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.05.2013, 19:56 Uhr

Nervöse SPD

Von Eckart Lohse

Der SPD gelingt es zwar, sich in der großen Koalition bei Themen wie dem Mindestlohn, der Frauenquote oder in der Rentenpolitik durchzusetzen - das Wahlvolk honoriert das aber nicht. Nun gehen die Genossen mitsamt Parteichef Gabriel zum Angriff auf die Union über. Mehr 11 5