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Nach Anschlägen in der Türkei „Niemand soll unsere Macht testen“

 ·  Nach der Explosion mehrerer Bomben und sechsundvierzig Todesopfern in einer Grenzstadt zu Syrien gibt sich die türkische Regierung zum entschlossenen Handeln bereit.

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© dpa Vergrößern Bei den Explosionen in dem Grenzort Reyhanli wurden Dutzende Menschen getötet

Bei der Explosion von zwei Autobomben nahe der türkischen Grenze zu Syrien sind am Samstag mehr als 40 Personen getötet worden. Etwa hundert weitere wurden verletzt, davon befanden sich 29 in ernstem Zustand. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte, die Anschläge könnten im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien stehen oder eine versuchte Sabotage der Friedensbemühungen im Kurden-Konflikt sein. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu verwies auf Kräfte, die den Frieden in der Türkei stören wollten. „Niemand sollte unsere Macht testen. Unsere Sicherheitskräfte werden alle nötigen Maßnahmen ergreifen“, sagte Davutoglu in Berlin. Dort wollte er am Sonntag mit Außenminister Guido Westerwelle (FDP) einen neuen strategischen Dialog zwischen Deutschland und der Türkei eröffnen. Er solle „unsere Beziehungen auf eine neue Ebene heben“, schrieben beide Minister in einem Gastbeitrag für die F.A.S.

Ein Augenzeuge berichtete der F.A.S. von zwei schweren Explosionen, die sich in der Mittagszeit im Zentrum der Stadt Reyhanli ereigneten. Demnach explodierte zuerst ein Sprengsatz vor dem Rathaus, kurz darauf gab es eine weitere Detonation vor dem etwa 500 Meter entfernt gelegenen Postgebäude. Zu dieser Zeit kauften zahlreiche Menschen in umliegenden Geschäften ein oder ruhten sich im Park vor dem Rathaus aus. Die Wucht der Explosion verursachte erhebliche Schäden, in einer Straße klaffte ein Loch.

Großes Polizeiaufgebot

Die 60.000-Einwohner-Stadt Reyhanli liegt acht Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. Am Übergang Cilvegözü war im Februar eine Autobombe explodiert, dabei kamen 13 Personen ums Leben. Mitglieder des oppositionellen Syrischen Nationalrats, die an der Grenze warteten, blieben unverletzt. Die türkische Regierung bezichtigte seinerzeit den syrischen Geheimdienst des Anschlags.

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© dpa Vergrößern Es handelt sich um den bislang schwersten Zwischenfall in der Region seit Beginn des Aufstands gegen Assad im März 2011

Der Augenzeuge des Anschlags in Reyhanli berichtetet der F.A.S. weiter, kurz nach den beiden Explosionen seien etwa fünfzig türkische Jugendliche marodierend durch die Straßen gezogen. Sie hätten Autos mit syrischen Kennzeichen demoliert und die Scheiben syrischer Geschäfte eingeschlagen. Nach einer Stunde habe ein großes Polizeiaufgebot die Jugendlichen vertrieben und die Anschlagsorte weiträumig abgesperrt. Etwa sechzig Prozent der Einwohner von Reyhanli sind syrischer Herkunft, die Provinz Hatay gehört erst seit 1939 zur Türkei. Dort leben auch Syrer, die loyal zu Präsident Assad stehen, während die türkische Regierung die Opposition unterstützt. Das hatte schon früher zu Spannungen geführt. Von Reyhanli aus wird ein Teil der humanitären Hilfe für die „befreiten Gebiete“ in Syrien geliefert.

Außenminister Westerwelle sprach sich in dem Gastbeitrag mit seinem türkischen Kollegen so deutlich wie nie zuvor für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union aus. Beide Länder wollten „dem türkischen Beitrittsprozess neuen Schwung geben“, schrieben die Minister in der F.A.S. Die Türkei habe weitreichende Reformen vorangetrieben. Die „großen Fortschritte“ sollten sich positiv im Verhandlungsprozess über den EU-Beitritt der Türkei niederschlagen.

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