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Veröffentlicht: 09.03.2015, 16:35 Uhr

Merkel in Japan „Deutschstunde“ für Shinzo Abe

Bundeskanzlerin Merkel berichtet japanischen Studenten über den Umgang Deutschlands mit seiner Kriegsvergangenheit. Mit Regierungschef Abe spricht sie lieber über die Zukunft des Militärs.

von , Tokio
© dpa Empfangskommitee: Japanische Schülerinnen am Montag in Tokio beim Empfang für Bundeskanzlerin Angela Merkel

Es war fast so etwas wie eine „Deutschstunde“ mit Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin, gerade erst zu ihrem Besuch in Japan eingetroffen, saß in einem großen Sessel und antwortete auf die Fragen von Studenten und Lesern der liberalen Tageszeitung „Asahi“. Die Erwartungen an ein klares Wort der Bundeskanzlerin waren groß. Die „Asahi“ steht in Japan unter Beschuss, weil sie wie kein anderes etabliertes Blatt die Versuche des Ministerpräsidenten Shinzo Abe kritisiert, die Geschichte Japans im Zweiten Weltkrieg nationalistisch umzudeuten und Greueltaten der japanischen Streitkräfte zu leugnen.

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Kaum hatte sich die Kanzlerin nach einer halbstündigen Grundsatzrede in ihren hellen Sessel auf der Bühne gesetzt, kam der Chefredakteur der „Asahi“ mit seiner ersten Frage gleich auf das heikle Thema zu sprechen: Was Japan bei der Bewältigung seiner Kriegsvergangenheit von Deutschland lernen könne, wollte er wissen. Merkel antwortete diplomatisch. Als deutsche Regierungschefin könne sie den Japanern keine Ratschläge geben. „Das muss aus der Gesellschaft kommen.“ Sie sagte aber auch, dass die Aussöhnung Deutschlands mit seinen Kriegsgegnern wie Frankreich möglich geworden sei, „weil sich Deutschland auch der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte gestellt hat“.

© dpa, Reuters Merkel zu Besuch in Japan

Hinweise zwischen den Zeilen

Viele der Studenten, die zu diesem einzigen öffentlichen Auftritt der Bundeskanzlerin auf ihrer knapp zweitägigen Japanreise eingeladen worden waren, schrieben eifrig mit. Einige nickten. Darauf hatten sie gewartet. „Es gab eine große Bereitschaft in Deutschland, die Dinge beim Namen zu nennen“, sagte Merkel weiter.

Japaner sind es mehr als Deutsche gewohnt, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Merkel blieb bei ihrem Auftritt stets zurückhaltend. Sie wurde nach Problemen mit Einwanderern gefragt. Nach Frauen in der Politik. Und eben danach, wie Deutschland und Japan 70 Jahre nach Kriegsende mit ihrer Geschichte umgehen sollten. Ihr Satz, es habe eine große Bereitschaft gegeben, die Dinge beim Namen zu nennen, werden Abes Kritiker dankbar aufgreifen. Wenige Stunden später, auf einer Pressekonferenz mit Ministerpräsident Abe, war die Kanzlerin sogar noch zurückhaltender. Als ein Journalist das Thema anschnitt, erstarrte Abes Gesicht für einen Moment, nachdem er „Angela“ vorher noch sichtlich entspannt begrüßt hatte. Diese Frage eines japanischen Journalisten gefiel ihm nicht.

Doch Merkel wiederholte nicht, was sie zuvor bei der „Asahi“ gesagt hatte. „Ich bin nicht nach Japan gekommen, um Hinweise zu geben, was Japan zu tun hat“, sagte sie. Abe wurde wieder lockerer. „Ich kann nur berichten, was wir in Deutschland getan haben.“ Und das, so hieß es vorher in Berlin, werde sie Abe auch erzählen.

Bereitschaft zur Versöhnung auf beiden Seiten

Die Leugnung der Greueltaten im Krieg und der mit aggressiver nationalistischer Rhetorik vorgetragene Geschichtsrevisionismus vieler Gefolgsleute Abes hatten die Spannungen mit den ostasiatischen Nachbarländern Südkorea und China nicht erst in jüngster Zeit verschärft. Die Regierungen beider Länder halten dem Nationalisten Abe vor, Japan von seiner Verantwortungen für die brutale Besatzungsherrschaft reinwaschen zu wollen. Zum Sprachrohr Pekings und Seouls machte sich die Bundeskanzlerin in Tokio aber auch nicht.

Im Gegenteil: Die Wiederannäherung der früheren Feinde in Europa, sagte sie, wäre nicht möglich gewesen ohne die Bereitschaft zur Versöhnung in den von Deutschland überfallenen Staaten. „Es gab großartige Persönlichkeiten, die sagten: Wir gehen ein Stück aufeinander zu.“ Das wird Merkel von Abe in dessen Erklärung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes nicht erwarten. Der bekennende Nationalist, unter dessen Verantwortung in Japan die Geschichte in Schulbüchern umgedeutet wird, und in dessen Regierung prominente Vertreter die Verschleppung von bis zu 200.000 Mädchen und Frauen – vor allem Koreanerinnen – als Zwangsprostituierte in die Frontbordelle der japanischen Armee leugnen, dürfte kaum zum Vorreiter einer Versöhnungspolitik in Ostasien werden.

Viel wäre schon gewonnen, wenn Abe eine geplante Grundsatzerklärung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes nicht dazu nutzen würde, seine nationalistische Agenda weiter voranzutreiben. Aussöhnung sei nur möglich, wenn sich Länder ihrer Vergangenheit stellten, hatte Merkel in ihrer Rede in der „Asahi“-Halle noch gesagt.

Gemeinsame Interessen in der Sicherheitspolitik

Schon die Auswahl des Orts für Merkels Auftritt war ein politisches Signal, mit dem das japanische Außenministerium nicht glücklich war. In japanischen Regierungskreisen hieß es vor Merkels Besuch nur knapp, die Entscheidung über den Ort und die Rede habe allein auf der deutschen Seite gelegen. „Muss es ausgerechnet dort sein?“, soll Berlin zaghaft gefragt worden sein. Doch Merkels Auftritt war wichtig für das ostasiatische Land. Die japanische Öffentlichkeit ist sich kaum bewusst, wie sehr der Geschichtsrevisionismus der neuen Regierung das Land international zu isolieren droht.

Japans Regierung verweist lieber auf das Verbindende, das auch Merkel auf der Pressekonferenz mit Abe hervorhob. „Wir schätzen die Rolle sehr, die Japan international spielt“, heißt es in Berlin. Die Kanzlerin sagte, „Japan und Deutschland haben gemeinsame Interessen, wenn es darum geht, der Stärke des internationalen Rechts Geltung zu verschaffen – auch mit Blick auf die Stabilität in anderen Regionen wie zum Beispiel bei den See- und Handelswegen im Ost- und Südchinesischen Meer, deren Sicherheit wir durch maritime Territorialdispute gefährdet sehen“.

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Abe hofft darauf, dass Sicherheitspolitik künftig ein wichtiger Pfeiler in den bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern wird. Die Liste der Themen, in denen Tokio enger mit Berlin zusammenarbeiten will, reicht vom Erfahrungsaustausch über soziale Sicherungssysteme in alternden Gesellschaften bis hin zur Frauenförderungsprogrammen. Im Vordergrund steht freilich die wirtschaftliche Zusammenarbeit, vor allem Partnerschaften zwischen japanischen und deutschen Unternehmen. Insgesamt wünsche man sich hier noch mehr Schwung, hieß es in Tokioter Regierungszirkeln.

Aufforderung zu militärischer Beteiligung

Abe will die Rolle Japans auf der internationalen Bühne stärken, auch militärisch. Die Bundeskanzlerin dürfte ihn darin bei ihrem Besuch in Tokio bestätigt haben. „Aus unserer Sicht ist es auch ein Weg zur – in Anführungsstrichen – Normalität, wenn sich die japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte, also die japanischen Streitkräfte, an internationalen Friedensmissionen durchaus militärisch beteiligen“, heißt es in Berlin.

Angela Merkel, Shinzo Abe © AP Vergrößern Pressekonferenz als Austausch diplomatischer Noten: Angela Merkel und Shinzo Abe am Montag in Tokio

Die gemeinsamen Interessen, auch die gemeinsamen Werte sind stärker als die Unterschiede zum Beispiel im Umgang mit der eigenen Geschichte. „Als Handels- und Exportnationen leben unsere freien und offenen Bürgergesellschaften von einer globalisierten Wirtschaft“, sagte Merkel. Deutschland und Japan seien daher Partner in globaler Verantwortung für eine liberale, normengestützte Weltordnung mit freien, offenen Staaten und Gesellschaften.“ Diese wichtige Rolle ist es, die Abe offensiver anstrebt als seine Vorgänger im Amt des japanischen Ministerpräsidenten. Der Japaner berichtete, dass er in den wenigen Jahren seiner zweiten Amtszeit schon mehr als 50 Länder besucht hat. Merkel sei in diesem Sinne sein Vorbild, sagte er mit einem leichten Lächeln. „Sie ist noch mehr als ich unterwegs auf der ganzen Welt.“

Ein neuerdings entspanntes Verhältnis

Das anfangs etwas angespannte Verhältnis zwischen den beiden Regierungschefs habe sich über die Jahre sehr verbessert, betonen japanische Regierungskreise. Gemeinsame Interessen seien heute stärker als das Trennende. Deutschland hält in diesem Jahr den Vorsitz der G 7, Japan folgt im kommenden Jahr. Schon das wird dazu führen, dass sich Abe und Merkel weiter intensiv politisch austauschen werden. Abe gab sich erkennbar Mühe, sein gutes Verhältnis zu „Angela“ zu demonstrieren.

Deutschland hatte in den neunziger Jahren mit der Umwandlung der Bundeswehr zu einer Armee, die selbstverständlich an Auslandseinsätzen teilnimmt, vorgemacht, was Abe für Japans Streitkräfte erst plant. Fachleute der Verteidigungs- und Außenministerien sollen dabei künftig so eng zusammenarbeiten, wie es die Wirtschafts- und Wissenschaftsministerien bereits tun. Shinzo Abe hatte sich von Merkel zwar andere Worte gewünscht als die Studenten bei der „Asahi“. Merkel gab in ihren knapp 30 Stunden in Japan beiden, was sie wollten.

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