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Indien : Die verblassende Gandhi-Dynastie

  • -Aktualisiert am

Rahul Gandhi soll jetzt den Wahlkampf leiten Bild: REUTERS

Sonia Gandhi hat entschieden: Ihr Sohn Rahul wird nicht als Spitzenkandidat bei der Parlamentswahl antreten. Anscheinend will sie ihn nicht in einem aussichtslosen Wahlkampf verheizen.

          Sonia Gandhi hat ein Machtwort gesprochen: Die „Grande Dame“ der indischen Politik hat entschieden, dass ihr Sohn Rahul nicht als Spitzenkandidat für die regierende Kongresspartei bei den Parlamentswahlen antreten wird. Das teilte die Parteivorsitzende am Freitag in Delhi mit. Ihre Entscheidung ist ein Indiz dafür, dass selbst die Kongresspartei nicht mehr an ihren eigenen Sieg glaubt. Es scheint, als wolle Sonia Gandhi den letzten Hoffnungsträger der ausgelaugten Regierungspartei nicht als Frontmann in einen aussichtslosen Wahlkampf schicken. Stattdessen soll Rahul Gandhi den Wahlkampf der Partei leiten.

          Diese Entscheidung kam nicht nur für die Delegierten auf dem Parteitag überraschend, hatte in den vergangenen Tagen doch noch alles auf eine Inthronisierung des jungen Gandhi-Sprosses hingedeutet. Die Vorsitzende rechtfertigte ihre Entscheidung mit der jahrelangen Parteitradition, vor Wahlen keinen Spitzenkandidaten zu benennen. Für Manoj Joshi von der Forschungseinrichtung „Observer Research Foundation“ in Delhi liegen die Gründe für diese Entscheidung auf der Hand. „Sonia Gandhi möchte nicht, dass ihr Sohn seine politische Karriere als Verlierer beginnt“, sagt Joshi. Laut einer aktuellen Umfrage der Zeitung „Times of India“ in mehreren Großstädten wollen lediglich 14 Prozent der Wähler für Gandhi als nächsten Ministerpräsidenten stimmen.

          Vom Teeverkäufer zum Ministerpräsidenten

          Die politischen Gegner erscheinen deutlich stärker: Narendra Modi, Spitzenkandidat der oppositionellen Bharatiya Janata Partei (BJP), geriert sich als Selfmademan. Vom einfachen Teeverkäufer hat er sich bis zum Ministerpräsidenten von Gujarat hochgearbeitet. In seiner Amtszeit ist die Wirtschaft des Bundesstaates rasant gewachsen, was Modi als seinen Erfolg verbucht. Doch Modi hat auch ein Problem: Er gilt als überzeugter Hindu-Nationalist, in seiner Zeit als Regierungschef von Gujarat wurden 2002 bei Unruhen mehr als tausend Menschen getötet, überwiegend Muslime.

          Seine Kritiker fürchten, dass im Falle eines Wahlsieges von Modi der landesweite Frieden zwischen Hindus und Muslimen in Gefahr sein könnte. Ein weiterer, neuer Widersacher Gandhis ist Delhis Ministerpräsident Arvind Kejriwal, der seine im November 2012 gegründete „Partei des einfachen Mannes“ (AAP) mit dem Thema Korruptionsbekämpfung aus dem Stand an die Spitze der Landesregierung geführt hat und seither mit seinem unkonventionellen Politikstil für Wirbel sorgt. Beide Herausforderer propagieren einen Wechsel in der indischen Politik.

          Rahul Gandhi hingegen gilt als Zauderer. „Ich bin ein Diener der Partei“, hatte er Mitte der Woche gesagt. „Was immer die Partei mit mir vorhat, ich werde die Aufgabe übernehmen.“ Eine beherzte Bewerbungsrede um die Spitzenposition einer Regierungspartei hört sich anders an. Doch sind diese Worte typisch für den jungen Gandhi-Spross. Er ist weder ein begabter Redner noch ein zupackender Politiker. Über seinen politischen Werdegang hat bis heute stets seine Mutter Sonia entschieden. In Karikaturen wird Rahul Gandhi denn auch oft als Kind am Rockzipfel seiner Mutter dargestellt.

          Platzhalter für Rahul

          Geboren wurde er 1970 in Delhi, als Indien von seiner Großmutter Indira Gandhi regiert wurde. Nach deren Ermordung 1984 durch einen ihrer Sikh-Leibwächter übernahm ihr Sohn Rajiv die Führung des Landes. Doch auch er wurde im Amt getötet bei einem Selbstmordattentat der „Befreiungstiger von Tamil Eelam“. Als anschließend die Rufe aus der Kongresspartei nach einem „neuen Gandhi“ ertönten, übernahm Rahuls Mutter Sonia Gandhi 1998 den Vorsitz der Partei und führte sie 2004 zu einem triumphalen Wahlsieg. Als anschließend eine beschämende Diskussion über ihre italienische Herkunft loszubrechen drohte, verzichtete sie jedoch auf das Amt des Premierministers und inthronisierte Manmohan Singh – als Platzhalter für ihren Sohn Rahul.

          Denn der interessierte sich zunächst nicht für Politik, studierte in den Vereinigten Staaten und arbeitete als Unternehmensberater in London und Bombay. Erst bei den Wahlen 2004 kandidierte er in Amethi, dem Wahlkreis seiner Mutter. Es war ein vorsichtiger, kalkulierter Einstieg in die Politik, denn Amethi ist bekannt als Hochburg des Nehru-Gandhi-Clans. Doch selbst hier mussten Rahul und der Kongress bei Provinzwahlen 2012 bittere Stimmenverluste hinnehmen. Im Januar 2013 wurde er schließlich Vizepräsident der Kongresspartei.

          Für den aktuellen Wahlkampf fehlt Rahul Gandhi ein Thema, mit dem er verbunden wird. Seinen Ankündigungen, die Partei zu reformieren und die Korruption zu bekämpfen, hat er bisher kaum Taten folgen lassen. Seine Gegner haben diese Themen längst besetzt – und vertreten sie glaubwürdiger. Dabei gäbe es innerhalb der Kongresspartei durchaus andere Anwärter mit Potential wie Finanzminister Palaniappan Chidambaram oder Innenminister Sushilkumar Shinde. Doch die Kongresspartei sei zu sehr in der Hand des Nehru-Gandhi-Clans, als dass ein „Fremder“ an die Spitze kommen könnte, sagt Manoj Joshi. So wirkt die Entscheidung Sonia Gandhis wie das Eingeständnis der verblassenden Strahlkraft der Nehru-Gandhi-Dynastie.

          Quelle: F.A.Z.

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