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Muslime in Indien : Ameisen, Allah und andere Götter

Studenten der islamischen Hochschule Darul Uloom Deoband lernen für ihre Prüfungen Bild: AFP

Die Hindunationalisten in Indien hetzen gegen Muslime. Doch freie Medien, eine starke Zivilgesellschaft und Demokratie weisen die Extremisten auf beiden Seiten in die Schranken.

          Die Frau schiebt ihren Mann beiseite und macht eine wegwerfende Bewegung in Richtung der Ruinen vor ihrem Haus. „Hier ist überhaupt gar nichts passiert“, ruft sie und zupft unwirsch ihren Sari zurecht. Dort, wo vor gut einem Jahr noch ihre muslimischen Nachbarn wohnten, wächst nun Unkraut über die schwarzgefärbten Ziegelsteine. „Sie sind mitten in der Nacht weggegangen und haben uns nicht gesagt, wohin“, behauptet die Frau. Und als die Besucher sie ungläubig anschauen und auf die verkohlten Steine verweisen, fügt sie hinzu: „Sie haben ihre Häuser selbst angezündet, um Entschädigung zu kassieren.“

          Friederike Böge

          Redakteurin in der Politik.

          Inzwischen hat sich eine Gruppe Schaulustiger versammelt, die die Besucher bereitwillig zu den Häusern anderer muslimischer Familien führen, die hier in Lisar, einem Dorf im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, im September 2013 niederbrannten. Als gelte es bei einer Schnitzeljagd zu helfen, drängen die Männer durch die engen Gassen und rufen aufgekratzt: „Hier sind noch welche.“ Und: „Dort auch.“ Die Morde, die Vergewaltigungen, das Niederbrennen von Existenzen, die Vernichtung des nachbarschaftlichen Miteinanders, all das scheint die Männer hier kaltzulassen. Statt Scham zu zeigen, reißen sie zynische Witze. In den Häusern seien Bomben gebaut worden, sagen sie und lachen, denn das glauben sie selbst nicht. „Erzähl ihnen, hier hätten Terroristen gewohnt“, sagt einer.

          Rund 15 Kilometer entfernt sitzt Afzana unter einer Plane in der sengenden Hitze im Flüchtlingslager Jola. „Sie kamen mit Stöcken, Gewehren und Schwertern“, sagt sie über den 8. September 2013 in Lisar. „Und riefen Slogans wie ,Geht nach Pakistan oder ins Grab‘.“ Dreizehn Menschen seien in ihrem Dorf getötet worden, darunter Kinder, die mit einer Holzschneidemaschine verstümmelt worden seien. „Wir gehen nie wieder nach Lisar zurück“, sagt Afzana. „Nie mehr.“

          Es waren die folgenschwersten interreligiösen Unruhen in Indien seit Jahren. Mehr als 60 Menschen wurden in den Dörfern rund um die Stadt Muzaffarnagar getötet, zwei Drittel davon Muslime. Rund hunderttausend suchten in Flüchtlingslagern Schutz. Gewalt zwischen Hindus und Muslimen ist in Indien nicht neu. Aber dass hier so viele Menschen sterben mussten, hat mit Politik zu tun und mit den damals bevorstehenden Parlamentswahlen. Lokale Vertreter sowohl der hindunationalistischen BJP von Ministerpräsident Narendra Modi als auch der in Uttar Pradesh regierenden Samajwadi Partei hätten die Spannungen gezielt geschürt, um sich die Stimmen der jeweiligen Religionsgruppe zu sichern, sagt Jan Kalyan Samiti, dessen Hilfsorganisation seit Jahren in den betroffenen Dörfern arbeitet. Einer dieser Aufrührer sei inzwischen Minister in der Regierung Modi. „Die Leute hier sehen das als Zeichen, dass die nationalen Führer den Umgang mit den Unruhen befürworten“, sagt Samiti.

          „Prozess der Demütigung“

          Es sind solche Signale, die bei vielen Muslimen zu Argwohn gegenüber dem neuen Regierungschef beitragen, dessen Aufstieg sie mit Sorge verfolgt haben. In Modis Amtszeit als Regierungschef des Bundesstaates Gujarat ermordete im Jahr 2002 ein hindunationalistischer Mob 2000 Muslime. Bis heute hat Modi es abgelehnt, Bedauern darüber auszudrücken – im vergangenen Jahr sagte er in einem Interview, er empfinde darüber dieselbe Trauer wie ein Beifahrer in einem Fahrzeug, das ein Hündchen überfahren hat. Vor allem aber gibt es die Befürchtung, dass mit der BJP verbündete radikale Gruppen sich durch den Sieg Modis bestärkt fühlen könnten. Und dass sie einen Preis für ihre Unterstützung seines Wahlkampfs einfordern werden.

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