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Hassgefühle auf Japan Die schrecklichen Bilder vom Nachbarn

 ·  In China wird die Erinnerung an den Krieg gegen Japan wachgehalten. Sie heizt den chinesischen Nationalismus an. Besonnene warnen vor Eskalation.

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© IMAGO Hassgefühle: Die Erinnerung an die Greueltaten der Japaner wird in China mit großer Intensität wach gehalten

Schneller, als die Museumswächter einschreiten können, ist der junge Mann hinter die Kanone geklettert. Er bringt sich in Pose, reckt die Faust und brüllt „Attacke“, während seine Freunde fotografieren. Die jungen Männer sind sichtlich angeregt von der Ausstellung über Chinas „antijapanischen Krieg“. Auch die Möglichkeit eines neuen Krieges gegen Japan finden sie eher spannend. „Ja, warum nicht, die machen wir doch schnell fertig“, sagt der Mann hinter der rostigen Kanone.

Die drei jungen Männer haben sich im „Museum des antijapanischen Krieges“ die Geschichte des chinesischen Widerstands angeschaut. Besonders interessieren sie dabei die Waffen und die Exponate, in denen Kriegsszenen nachgestellt sind oder filmisch nachgespielt werden. Gezeigt werden tapfere Chinesen unter der Führung der Kommunistischen Partei, die japanische Soldaten töten und in die Luft sprengen. „Das waren doch Helden“, sagt der junge Mann. „Ich mag Helden.“

Das Museum des antijapanischen Krieges liegt an der Marco-Polo-Brücke im Süden Pekings, an der Stelle, wo im Jahr 1937 die japanische Invasion Chinas begann. Die frühere Festung Wanping, die damals von den japanischen Truppen beschossen wurde, ist als Touristenattraktion im alten Stil wieder aufgebaut worden. Von Hochhäusern und Autobahnen umgeben, ist die kleine ummauerte Siedlung, in deren Mitte das Ausstellungsgebäude liegt, ganz der Erinnerung an den „Widerstandskrieg“ gegen Japan gewidmet.

„Patriotische Erziehung“ auf dem Lehrplan

Wanping ist eines der Zentren für „patriotische Erziehung“, die zum Lehrplan für chinesische Schüler und Studenten gehören. Hunderttausende Besucher kommen jedes Jahr. Seit dem Ausbruch des Territorialstreits zwischen Japan und China über die Inseln, die China Diaoyu und Japan Senkaku nennt, sind es mehr geworden. Die meisten kommen von Schulen, Universitäten, Unternehmen. Aber es sind auch Eltern da mit Kindern, die sagen, dass ihre Kinder etwas über die Geschichte lernen sollen.

Seit sich der Konflikt zwischen China und Japan über die fünf unbewohnten Inseln im September zugespitzt hat, und gefährlich nah an eine militärische Auseinandersetzung gerückt ist, wird in China viel und ausführlich über einen möglichen Krieg gegen Japan geredet. Dabei wird auch die Vergangenheit beschworen, an Japans Angriffskrieg gegen China und die Greueltaten erinnert, die japanische Soldaten verübt haben.

Die Zeit der japanischen Invasion Chinas und der Besetzung Chinas durch Japan von 1937 bis 1945 ist ein nationales Trauma. Chinesische Geschichtsbücher sprechen davon, dass 35 Millionen Chinesen, Soldaten und Zivilisten im Krieg umgekommen seien. Das japanische Militär ging brutal vor, es gab Massaker an der Zivilbevölkerung wie in Nanking, Kriegsverbrechen wie Versuche mit biologischen und chemischen Waffen an chinesischen Gefangenen und die Verschleppung von Chinesinnen als Zwangsprostituierte in japanische Militärbordelle.

Hassgefühle auf Japan

Fast jede chinesische Familie weiß Geschichten vom Krieg zu erzählen. Doch es sind weniger die Älteren, die zurzeit über den Krieg sprechen wollen. Viele junge Chinesen, die in Friedenszeiten aufgewachsen sind, äußern Hassgefühle auf Japan und Stolz auf China. Sie hoffen, dass ihre Regierung zum Krieg schreitet, um es den Japanern zu zeigen, die China in der Vergangenheit gedemütigt und jetzt auch noch die Inseln, die China gehören, gestohlen hätten.

Dabei leben seit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen im Jahr 1972 Japan und China wenn nicht als befreundete, so doch als gute Nachbarn. Die jüngere chinesische Generation ist mit der Vorliebe für japanische Manga, japanische Autos und Elektronik oder japanische Mode aufgewachsen. In den vergangenen Jahren haben viele Urlaubsreisen dorthin gemacht. Und auch wenn Japan als Studienort nicht so beliebt ist wie die Vereinigten Staaten oder Großbritannien, so bewerben sich doch jedes Jahr Zehntausende Chinesen an japanischen Universitäten.

„Hassgefühle gegenüber Japan sind in unseren Genen“, sagen manche Chinesen, wenn man sie auf diesen Widerspruch anspricht. Tatsächlich hat die chinesische Propaganda tatkräftig mitgeholfen, den Hass auf die Japaner am Leben zu erhalten. „Als Mittelschülerin habe ich einen Film über die japanische Sondereinheit 731 gesehen, in dem in ganz brutalen Szenen gezeigt wurde, wie die japanischen Soldaten medizinische Experimente an chinesischen Gefangenen verübt haben. Das hat mein Bild von Japan geprägt“, erinnert sich eine Pekinger Studentin. Sie könne nie diese schrecklichen Bilder vergessen.

Blutige Gemetzel und Folterszenen

Schreckliche Bilder sind es immer wieder, die genannt werden, wenn man jüngere Chinesen fragt, woher ihre Abneigung gegen Japan kommt. Alle Chinesen sind mit einer Unzahl von Filmen über den Krieg gegen Japan aufgewachsen. Schulklassen aus Grund- und Mittelschulen gehen mit ihren Lehrern in die Vorführungen solcher Filme. Serien über den Krieg laufen im Fernsehen. Auch der Kinobesuch ist Teil der „Erziehung zum Patriotismus“.

Dass diese Filme sich Kindern und Jugendlichen einprägen, ist kein Wunder, denn sie sind unglaublich brutal und zeigen blutige Gemetzel, drastische Folterszenen und zerschmetterte Körper in aller Genauigkeit. Der japanische Soldat wird dabei meist als bösartiger Sadist dargestellt, der tapfere chinesische Kämpfer brutal quält, bevor er sie abschlachtet.

Bis heute produzieren chinesische Filmstudios jährlich zahllose Filme und Fernsehserien, die den „Widerstandskrieg gegen Japan“ zum Thema haben. Allein beim größten chinesischen Filmstudio Hengdian waren es im vergangenen Jahr ein Drittel aller Produktionen. 2012 wurde die TV-Serie „Mit Kanonenfeuer voran“ ausgestrahlt, für dieses Jahr sind zwei weitere TV-Kriegsepen angekündigt. Geschichte als Seifenoper oder Kinofilm ist in China eine beliebte Art der Vergangenheitsbewältigung. Mit den historischen Fakten nimmt man es nicht so genau. Die chinesischen Soldaten sehen eher aus wie coole Rapper in Uniform. Manche erscheinen sogar als Kungfu-Helden.

„Solche Darstellungen, die zur besten Fernsehzeit gezeigt werden, haben besonders schlechten Einfluss auf Kinder. Sie müssen denken, dass ein Krieg leicht zu gewinnen ist und dass Tod etwas Einfaches ist. Sie lernen keinen Respekt vor dem Leben“, sagt der Pekinger Filmforscher Yin Hong. Ein Film über den Krieg sollte das Publikum den Frieden schätzen lassen, sagt er. Aber in den meisten chinesischen Kriegsfilmen werde nur die Feindseligkeit weiter gepflegt und auf diese Weise von Generation zu Generation weitergegeben, sagt Yin Hong.

Neben einer Verherrlichung des Krieges haben die Filme aber auch noch eine andere, sehr politische Botschaft. Siegreich und gut werden immer die Chinesen unter der Führung der Kommunistischen Partei dargestellt. Der Sieg über die Japaner in China, der nach chinesischer Darstellung nicht etwa den Amerikanern und der Atombombe, sondern dem Kampf der chinesischen Kommunisten zu verdanken ist, hat diesen die Herrschaft über China gebracht, die sie bis heute ausüben. In einer Zeit, da die Partei an Ideologie und Idealen nichts mehr zu bieten hat, ist Erinnerung an diese Zeit für die Partei nützlich.

Nachdem in der ersten Welle der Empörung über die Inselfrage niemand in China wagte, öffentlich etwas für eine Verständigung mit Japan zu sagen, äußern sich jetzt einige Kommentatoren, die doch vor einem Krieg warnen. Aber auch sie argumentieren nationalistisch, dass ein Krieg derzeit nicht im Interesse Chinas ist. Der Nationalismus ist leicht anzufachen. Ihn zu dämpfen,wird schwierig. Er glaube ja nicht, dass es zu einem Krieg kommt, sagt ein junger Lehrer in der Ausstellung, aber wenn, dann sei das doch ganz normal.

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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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