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Geschichtsrevision in Japan : Hashimotos Doppelgesicht

Die Kunst des Gesichtwahrens: Osakas Bürgermeister Hashimoto vor dem Foreign Correspondents’ Club in Tokio Bild: dpa

Osakas Bürgermeister Hashimoto provoziert das Ausland, indem er die Zwangsprostitution in japanischen Frontbordellen während des zweiten Weltkriegs als notwendig bezeichnete. Regierungschef Abe bringt er mit der öffentlichen Geschichtsrevision in Bedrängnis.

          „Honne to tatemae“ nennen Japaner die Fähigkeit, die wahre eigene Meinung hinter einem zweiten Gesicht zu verbergen. Toru Hashimoto, ein bekennender Nationalist, der auch Bürgermeister in Japans zweitgrößter Stadt Osaka ist, hat in Tokio am Montag ein Lehrstück geboten, wie sich dieses Doppelgesicht in der Politik des ostasiatischen Landes zeigen kann. Gleichzeitig bot er tiefe Einblicke in die neue Strategie der Nationalisten, die Kriegsverbrechen des eigenen Landes im Zweiten Weltkrieg zu leugnen - und empfahl sich den Wählern so als der wahre intellektuelle Führer der Rechten. Ministerpräsident Shinzo Abe, der den Plänen Hashimotos, Japans Geschichte umzuschreiben und Verantwortung für die Greuel im Krieg zu leugnen, gedanklich nicht so fern steht, ist als Regierungschef zur Zurückhaltung verdammt. Solange das Land verzweifelt versucht, seine Exporte zu steigern und wirtschaftlich wieder Tritt zu fassen, kann Abe es sich nicht leisten, Japan mit extremen nationalistischen Parolen weltweit zu isolieren.

          Hashimoto: „Trostfrauen“ waren notwendig

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Hashimoto weiß das. Lange schon gibt es Gerüchte, der Bürgermeister von Osaka könne als Führer einer nationalen Opposition nach der Oberhauswahl im Juli aus der Provinz auf die nationale politische Bühne nach Tokio wechseln. Internationale Schlagzeilen macht Hashimoto seit einer Woche. Da erklärte er, die von den kaiserlichen Streitkräften Japans während des Krieges mitorganisierte und gebilligte Verschleppung von rund 200.000 Mädchen und jungen Frauen in die Frontbordelle der Armee sei aus damaliger Sicht „notwendig“ gewesen. „Wenn man Soldaten, die unter Bedingungen, bei denen Kugeln herumfliegen wie Regen und Wind, ihr Leben riskierten, ausruhen lassen will, war ein System der Trostfrauen notwendig“, sagte er. „Trostfrauen“ werden in Japan euphemistisch die oft gerade mal 15 oder 16 Jahre alten Mädchen genannt, die in die Bordelle verschleppt wurden.

          Wie verheerend das internationale Echo auf seine Aussagen ausfallen würde, damit hatte Hashimoto offenkundig nicht gerechnet. Vor dem „Foreign Correspondent’s Club“ in Tokio wolle er deswegen erklären, er sei „missverstanden worden“, verkündete er. Doch wer erwartet hatte, dass sich Hashimoto wirklich entschuldigen, dass er Verantwortung Japans für diese Kriegsverbrechen einfordern würde, der lernte schnell, was „honne to tatemae“ in der Politik des Bürgermeisters von Osaka bedeutet. „Ich versuche überhaupt nicht, die Verantwortung wegzureden“, sagte er. Selbstredend sei es ein gravierender Verstoß gegen die Menschenrechte, gegen die Würde der Frauen gewesen, dass die Frauen zum Sex gezwungen wurden. So weit die Antwort, die Hashimoto der Welt schuldig zu sein glaubt. Aber - und mit diesem Einblick in sein wahres Denken bediente Hashimoto in den nächsten Sätzen das nationalistische Lager - „sexuelle Gewalt im Krieg ist nichts, was einmalig die frühere japanische Armee auszeichnet“. Amerikaner, Briten, Deutsche, Franzosen, Russen hätten im Krieg die Rechte und die Würde der Frauen genauso verletzt. Nein, sagte Hashimoto immer wieder, er wolle die Verbrechen der japanischen Armee nicht relativieren. Doch umgehend folgte genau diese Relativierung: Die anderen seien im Krieg nicht besser gewesen. Das ist die neue politische Linie der japanischen Nationalisten. Früher leugneten Japans Geschichtsrevisionisten die Verbrechen schlicht. Jetzt gibt Hashimoto zu, es habe sie vielleicht gegeben, und schwächt sie ab unter dem Motto: Wir übernehmen Verantwortung, aber die anderen waren auch nicht besser.

          In Osaka: Koreanische Petition gegen Hashimotos Äußerung, dass Frontbordelle „notwendig“ gewesen seien
          In Osaka: Koreanische Petition gegen Hashimotos Äußerung, dass Frontbordelle „notwendig“ gewesen seien : Bild: REUTERS

          Dabei kennt Hashimoto genau den Unterschied. Ob es „der Wille des Staates“ gewesen sei, dass die japanische Armee- und Staatsführung das Netz der Frontbordelle, in dem vor allem junge Koreanerinnen leiden mussten, mitaufgebaut und mitgetragen hat, „das ist die Kernfrage dieser Debatte“, gab er zu. Genau das ist aber nach allen bekannten internationalen Forschungen und den Berichten überlebender Sexsklavinnen der Fall gewesen, der das japanische System der Zwangsprostitution einzigartig macht. Aber auch hier wusste der Jurist Hashimoto zu relativieren. Es sei für die Opfer kein großer Unterschied, ob die Armee organisatorisch in die Verletzung der Menschenwürde der Frauen involviert war oder nicht.

          Hashimotos Partei stürzt seit Monaten in Umfragen ab

          Warum macht Hashimoto das? Und warum macht er es gerade jetzt? Hashimotos Partei „Japans Wiedergeburt“ verzeichnet seit Monaten einen Absturz in den Umfragen. Im Januar kam sie gerade einmal auf 2,4 Prozent, noch im Sommer vergangenen Jahres schien sie zur zweitstärksten politischen Kraft in Japan aufzusteigen. In Osaka hat Hashimoto die Erwartungen vieler seiner Anhänger auf Wandel enttäuscht. In Wirtschaftsfragen gibt es in Japan praktisch keine ernstzunehmende Opposition gegen die nach dem Regierungschef Shinzo Abe „Abenomics“ genannte Mischung aus aggressiver Geld- und lockerer Finanzpolitik. Da Abe, der wie Hashimoto die Verantwortung des japanischen Staats für das riesige Netz an organisierter Zwangsprostitution leugnet, als Ministerpräsident offiziell schweigen muss, gelingt es Hashimoto mit seinen Provokationen, zum wahren Repräsentanten des japanischen Geschichtsrevisionismus zu werden und seine Partei wieder in die Schlagzeilen zu bringen.

          Das Echo aus Südkorea, von wo die meisten Frauen verschleppt wurden, kam am Montag postwendend. Außenminister Yun Byung-se wertete die Aussagen Hashimotos als „peinlich und beschämend“. Sollte er solche Aussagen vor den Vereinten Nationen oder dem amerikanischen Kongress wiederholen, würde es dem internationalen Ansehen Japans einen schweren Schlag versetzen.

          Quelle: F.A.Z.

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