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Chinas Geburtenpolitik : Gebären nach Vorschrift

  • -Aktualisiert am

Viele chinesische Paare wollen trotz offizieller Erlaubnis kein zweites Kind. Bild: dpa

Chinas Ein-Kind-Politik wurde teilweise mit brutaler Gewalt durchgesetzt. Jetzt dürfen Paare offiziell zwei Kinder bekommen – doch viele wollen das gar nicht.

          Als Erstes machte sich Chinas neue Zwei-Kind-Politik in den Internet-Shops bemerkbar. Nachdem die Führung der Kommunistischen Partei in einem trockenen Kommuniqué über eine Sitzung des Zentralkomitees angekündigt hatte, dass nunmehr alle Ehepaare zwei Kinder haben dürfen, verzeichneten die Online-Plattformen „Taobao“ und „Tmall“ einen deutlichen Anstieg bei Suchbegriffen wie „Vorbereitungen für eine Schwangerschaft“.

          Schwangerschaftstests, Berechnungshilfen für fruchtbare Tage und Folsäurepräparate waren mehr gefragt als sonst. Durch die Zunahme der Such- und Kaufanfragen haben die Plattformen auch festgestellt, wo der Wunsch nach einem zweiten Kind in China am größten ist: in den kleineren und mittleren Städten Zentral- und Nordchinas. In den Metropolen wie Peking, Schanghai und Guangzhou ist dagegen, wenn man nach diesem Barometer geht, das Interesse an einem zweiten Kind gering.

          „Schon ein Kind ist zu teuer“

          Denn dort ist das Leben zu teuer. „Ich hätte gern ein zweites Kind, aber wir können uns das nicht leisten, schon ein Kind ist zu teuer“, sagt die Pekinger Friseurin Xiao Shan. Sie hat einen zwei Jahre alten Sohn und spart jetzt schon, um die Kosten für seinen künftigen Kindergarten- und Schulbesuch zu decken. Weil die Großeltern in einer anderen Stadt leben, kümmert sich derzeit ihr Mann um das Kind, aber das heißt, dass sich die Familie mit nur einem Gehalt durchschlagen muss. Mit einem zweiten Kind wäre mehr Schulgeld zu bezahlen, und es würden weitere Kosten für Kleidung und Essen sowie eine größere und damit teurere Wohnung anfallen.

          Auch die Pekinger Finanzberaterin Zhang hat die Erfahrung gemacht, dass „das zweite Kind“ in Peking kein großes Thema ist. Ihre, wie sie meinte, großartige Geschäftsidee eines Vorbereitungskurses für künftige Eltern eines zweiten Kindes, in dem hauptsächlich Rat über die Ausgaben und die Finanzierungsplanung des zweiten Kindes vermittelt werden sollte, kam mangels Interesse nicht zustande. Es hätten sich nur wenige Eltern gemeldet.

          Dass ein zweites Kind zu teuer wird und sie es lieber bei einem Einzelkind belassen, sagen viele chinesische Paare in den großen Metropolen und torpedieren damit das Ziel, das die chinesische Regierung mit ihrer neuen „Zwei-Kind-Regelung“ anstrebt. Es gehe darum, die demographische Entwicklung zu korrigieren, heißt es in der offiziellen Begründung für die Entscheidung der Parteiführung. Aufgrund der 1979 eingeführten Ein-Kind-Politik altert die chinesische Gesellschaft zu schnell, und die Versorgung der Rentner wird bald ein Problem werden. Außerdem werden nach Berechnungen der Ökonomen der chinesischen Wirtschaft bald Arbeitskräfte fehlen. Aus schierer Not also und nicht aus Einsicht in die Unmenschlichkeit der Ein-Kind-Politik hat sich die Parteiführung bewegen lassen, ihre Politik zu ändern. Doch die neue Zwei-Kind-Erlaubnis wird die gewünschte Änderung nicht rasch herbeiführen können.

          Geburtenkontrolle mit brutaler Gewalt durchgesetzt

          Jahrzehntelang hat die Kommunistische Partei ihrer Bevölkerung eingetrichtert, dass China zu viele Menschen habe. Mit der Parole „Ein Kind ist genug“ sind jetzt zwei Generationen Chinesen groß geworden. Die Partei überging dabei stillschweigend, dass sie für das starke Bevölkerungswachstum in den sozialistischen Gründerjahren mit verantwortlich war. In den Mao-Jahren wurde die Bevölkerung noch ermutigt, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen.

          Die staatliche Geburtenkontrolle, die vor mehr als dreißig Jahren eingeführt wurde, ist besonders auf dem Land, wo eine große Familie und männliche Nachkommen traditionell wichtig sind, teilweise mit brutaler Gewalt durchgesetzt worden. Als klar war, dass der Widerstand der bäuerlichen Bevölkerung sehr groß sein würde, wurde als Zugeständnis an die Landbevölkerung in den meisten Provinzen ein zweites Kind erlaubt, wenn das erste ein Mädchen war. Nur die Städter mussten sich strikt an die Ein-Kind-Bestimmung halten. Überall im Land waren die berüchtigten Familienplanungskomitees ermächtigt, alle zur Empfängnisverhütung zu zwingen und diejenigen zu bestrafen, die „außerplanmäßige“ Kinder hatten. Mit Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen setzten die staatlichen Komitees die Geburtenquote in ihren Orten durch. Millionen von Frauen haben psychische und physische Schäden erlitten.

          Erst vom Jahr 2001 an wurde die Familienplanung gesetzlich geregelt. Sie wurde als „nationale Politik“ definiert, gegen die der Einzelne kein Einspruchsrecht hat. Die bis dahin willkürliche Bestrafung von Eltern „zusätzlicher Kinder“ durch die Familienplanungsbehörden wurde durch eine „Abgabe für soziale Kosten“ ersetzt, die bis zu zwei Jahresgehälter der Eltern betragen konnte. Wer diese hohen Kosten nicht aufbringen und einer Zwangsabtreibung entgehen konnte, hatte dann „illegale“ Kinder, denen die Eintragung in das Melderegister, der sogenannte Hukou, verweigert wurde. 13 Millionen Menschen ohne Registrierung gibt es in China, wie jetzt offiziell bekanntgegeben wurde. Die meisten von ihnen sind „illegale Kinder“.

          Mit Bestechung einen Schulplatz sichern

          Der Hukou ist Voraussetzung für einen Platz in der Schule, eine Anmeldung bei der Krankenversicherung und andere soziale Leistungen. Bislang konnten solche Familien ihren Kindern nur durch Zahlung von Bestechungsgeldern oder Extra-Gebühren einen Schulplatz sichern. Für Personen ohne Hukou ist es unmöglich, Bankkonten zu eröffnen oder eine reguläre Anstellung zu finden. Auch eine Heirat oder der Kauf einer Wohnung ist schwierig ohne Hukou. Die Regierung hat nun angekündigt, den vielen „außerplanmäßig“ geborenen Kindern einen legalen Status zu geben. Die Neuerung werde allen Chinesen zu ihren Bürgerrechten verhelfen, hieß es in einem Kommentar der Nachrichtenagentur Xinhua.

          Die chinesische Regierung behauptet, dass die staatlich verordnete Familienplanung in drei Jahrzehnten 400 Millionen Geburten „verhindert“ habe. Experten bezweifeln das und sagen, dass der Trend des Bevölkerungswachstums sich auch ohne die Zwangsmaßnahmen nach unten entwickelt hätte. Aber beim Festhalten an der Ein-Kind-Politik ging es auch darum, Statistiken zu frisieren. Die Gesellschaftsplaner wollten durch das Anhalten des Bevölkerungswachstums eine möglichst schnelle Steigerung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf erreichen.

          Durch die Zwei-Kind-Erlaubnis dürfen jetzt theoretisch 90 Millionen Paare ein zweites Kind bekommen, zwei Drittel davon zählen zur Landbevölkerung. Von diesen 90 Millionen Paaren sind aber die Hälfte schon zwischen 40 und 50 Jahren alt und werden sich wahrscheinlich eher nicht für ein zweites Kind entscheiden. Die Familienplanungsbehörde hat berechnet, dass durch die Zwei-Kind-Politik in den nächsten sechs bis sieben Jahren jedes Jahr drei bis vier Millionen Kinder mehr geboren werden. Danach würde die Geburtenrate wieder sinken, weil es dann weniger Frauen im gebärfähigen Alter geben werde.

          Aber wenn die Stadt Peking ein Indikator ist, dann wird der Effekt der neuen Regelung nicht sehr groß sein. Seit im Jahr 2013 die Ein-Kind-Politik erstmals gelockert wurde und Ehepaare, von denen ein Partner ein Einzelkind war, ein zweites Kind haben durften, haben in der chinesischen Hauptstadt nur zehn Prozent derer, für die diese Regelung galt, ein zweites Kind bekommen.

          „Mit der Zwei-Kind-Erlaubnis allein ist es nicht getan“

          Vor allem viele Frauen sehen die neue Regelung skeptisch. Li Furui vom Frauennetzwerk sagt, viele berufstätige Mütter, die eigentlich gar kein Kind mehr wollten, sähen sich plötzlich dem Druck ihrer Eltern oder Schwiegereltern ausgesetzt, doch noch ein Kind in die Welt zu setzen, besonders wenn das erste ein Mädchen war. Die Forscherinnen vom Frauennetzwerk befürchten auch mehr Diskriminierung am Arbeitsplatz. Schon jetzt seien Unternehmen oft nicht willens, Frauen einzustellen, weil sie dann den gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschaftsurlaub von 90 Tagen und Ersatzanstellungen finanzieren müssten. Oft würden Frauen nur auf Positionen eingesetzt, in denen sie weniger Karrierechancen haben.

          Nun werde die Lage auch für die Frauen schwieriger, die bereits ein Kind haben, denn nun muss der Arbeitgeber damit rechnen, dass auch sie noch einmal einen Mutterschaftsurlaub in Anspruch nehmen. „Mit der Zwei-Kind-Erlaubnis allein ist es nicht getan“, sagt Frau Li. „Wenn der Staat mehr Kinder will, muss er auch begleitende Maßnahmen zum Schutz der Frauen und Förderung der Kinder erlassen.“ In den meisten städtischen Familien kümmern sich die Großeltern um die kleinen Kinder, während die Eltern beide zur Arbeit gehen. Aber wenn die Großeltern nicht vor Ort oder in der Lage sind zu helfen, wird es teuer. Hausangestellte können sich nicht alle leisten. Einige Frauen entscheiden sich für die Aufgabe des Berufs und werden Hausfrauen, was in China auch lange nicht üblich war. Aber das kommt nur für Familien in Frage, in denen der Mann über ein ausreichendes Einkommen verfügt.

          Frauenrechtlerinnen fordern auch, dass der Staat endlich auch unverheirateten Frauen erlauben sollte, Kinder zu bekommen. Bislang ist dies in China verboten: Unverheiratete Frauen bekommen keine „Geburtserlaubnis“ und sind somit gezwungen, eine Schwangerschaft abzubrechen.

          Einige engagierte chinesische Wissenschaftler setzen sich schon seit Jahren dafür ein, den Bürgern das Recht auf die Selbstbestimmung über ihre Familienplanung zurückzugeben, doch die Kommunistische Partei hat sie bis jetzt ignoriert. Grund dafür ist nicht nur die Angst vor ungeplantem Bevölkerungswachstum, sondern auch die Bürokratie der Familienplanungsbehörden. Millionen von deren Mitarbeitern würden arbeitslos, wenn man die Vorgaben gänzlich abschaffen würde. So bleibt es dabei, dass Ehepaare weiterhin durch die demütigende Prozedur gehen müssen, eine „Geburtserlaubnis“ zu beantragen. Und mehr als zwei Kinder werden weiterhin als illegal gelten und mit der „Abgabe für soziale Kosten“ bestraft werden.

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