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Veröffentlicht: 26.12.2015, 09:28 Uhr

Chinas Geburtenpolitik Gebären nach Vorschrift

Chinas Ein-Kind-Politik wurde teilweise mit brutaler Gewalt durchgesetzt. Jetzt dürfen Paare offiziell zwei Kinder bekommen – doch viele wollen das gar nicht.

von , Peking
© dpa Viele chinesische Paare wollen trotz offizieller Erlaubnis kein zweites Kind.

Als Erstes machte sich Chinas neue Zwei-Kind-Politik in den Internet-Shops bemerkbar. Nachdem die Führung der Kommunistischen Partei in einem trockenen Kommuniqué über eine Sitzung des Zentralkomitees angekündigt hatte, dass nunmehr alle Ehepaare zwei Kinder haben dürfen, verzeichneten die Online-Plattformen „Taobao“ und „Tmall“ einen deutlichen Anstieg bei Suchbegriffen wie „Vorbereitungen für eine Schwangerschaft“.

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Schwangerschaftstests, Berechnungshilfen für fruchtbare Tage und Folsäurepräparate waren mehr gefragt als sonst. Durch die Zunahme der Such- und Kaufanfragen haben die Plattformen auch festgestellt, wo der Wunsch nach einem zweiten Kind in China am größten ist: in den kleineren und mittleren Städten Zentral- und Nordchinas. In den Metropolen wie Peking, Schanghai und Guangzhou ist dagegen, wenn man nach diesem Barometer geht, das Interesse an einem zweiten Kind gering.

„Schon ein Kind ist zu teuer“

Denn dort ist das Leben zu teuer. „Ich hätte gern ein zweites Kind, aber wir können uns das nicht leisten, schon ein Kind ist zu teuer“, sagt die Pekinger Friseurin Xiao Shan. Sie hat einen zwei Jahre alten Sohn und spart jetzt schon, um die Kosten für seinen künftigen Kindergarten- und Schulbesuch zu decken. Weil die Großeltern in einer anderen Stadt leben, kümmert sich derzeit ihr Mann um das Kind, aber das heißt, dass sich die Familie mit nur einem Gehalt durchschlagen muss. Mit einem zweiten Kind wäre mehr Schulgeld zu bezahlen, und es würden weitere Kosten für Kleidung und Essen sowie eine größere und damit teurere Wohnung anfallen.

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Auch die Pekinger Finanzberaterin Zhang hat die Erfahrung gemacht, dass „das zweite Kind“ in Peking kein großes Thema ist. Ihre, wie sie meinte, großartige Geschäftsidee eines Vorbereitungskurses für künftige Eltern eines zweiten Kindes, in dem hauptsächlich Rat über die Ausgaben und die Finanzierungsplanung des zweiten Kindes vermittelt werden sollte, kam mangels Interesse nicht zustande. Es hätten sich nur wenige Eltern gemeldet.

Infografik / China altert © F.A.Z. Vergrößern

Dass ein zweites Kind zu teuer wird und sie es lieber bei einem Einzelkind belassen, sagen viele chinesische Paare in den großen Metropolen und torpedieren damit das Ziel, das die chinesische Regierung mit ihrer neuen „Zwei-Kind-Regelung“ anstrebt. Es gehe darum, die demographische Entwicklung zu korrigieren, heißt es in der offiziellen Begründung für die Entscheidung der Parteiführung. Aufgrund der 1979 eingeführten Ein-Kind-Politik altert die chinesische Gesellschaft zu schnell, und die Versorgung der Rentner wird bald ein Problem werden. Außerdem werden nach Berechnungen der Ökonomen der chinesischen Wirtschaft bald Arbeitskräfte fehlen. Aus schierer Not also und nicht aus Einsicht in die Unmenschlichkeit der Ein-Kind-Politik hat sich die Parteiführung bewegen lassen, ihre Politik zu ändern. Doch die neue Zwei-Kind-Erlaubnis wird die gewünschte Änderung nicht rasch herbeiführen können.

© reuters Entscheidung im Oktober: China verabschiedet sich von Ein-Kind-Politik

Geburtenkontrolle mit brutaler Gewalt durchgesetzt

Jahrzehntelang hat die Kommunistische Partei ihrer Bevölkerung eingetrichtert, dass China zu viele Menschen habe. Mit der Parole „Ein Kind ist genug“ sind jetzt zwei Generationen Chinesen groß geworden. Die Partei überging dabei stillschweigend, dass sie für das starke Bevölkerungswachstum in den sozialistischen Gründerjahren mit verantwortlich war. In den Mao-Jahren wurde die Bevölkerung noch ermutigt, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen.

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