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Religion in China : Mit Baggern gegen Buddhisten

Baumängel? Unterkünfte für Mönche und Nonnen des Studienzentrums Larung Gar vor dem Anrücken der Abrissbagger Bild: dpa

Brandschutz gegen abweichende Gedanken: China lässt die Abrisskolonne am größten buddhistischen Studienzentrum des Landes anrücken. Auch Zwangsumsiedlungen hat es gegeben.

          Auf 4000 Metern Höhe in einem Tal der chinesischen Provinz Sichuan liegt das größte Studienzentrum des tibetischen Buddhismus in China. Larung Gar hat in den dreißig Jahren seines Bestehens nicht nur tibetische Mönche und Nonnen, sondern auch interessierte Laien, darunter viele Han-Chinesen, angezogen. Rund 10.000 Menschen widmen sich dort ihren Studien und Gebeten.

          Petra  Kolonko

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Doch jetzt haben die chinesischen Behörden Abrisskolonnen geschickt, die Hütten und andere Unterkünfte zerstören. Die Bewohner werden gezwungen, zurück in ihre Heimatprovinzen zu gehen. Bilder, die im Internet verbreitet wurden, zeigen ein Bild der Zerstörung an den Berghängen um das Kloster. Zweitausend Nonnen und Mönche sollen nach Angaben von Exil-Tibetern im September mit Bussen aus Larung Gar weggebracht worden sein. Der Abriss von Holzhütten und anderen Bauten begann im Juli. Nach Informationen der International Campaign for Tibet wurden bereits mindestens 2000 Unterkünfte zerstört. Die chinesischen Behörden begründen das Vorgehen mit Brandgefahr und unhygienischen Bedingungen in der Siedlung.

          „Brutstätte“ der Loyalität mit dem Dalai Lama

          Menschenrechtsorganisationen sprechen dagegen von einem Angriff auf die Religionsfreiheit. Von ganz oben sei das Ziel gesetzt worden, bis zum Ende des kommenden Jahres die Anzahl der Bewohner von Larung Gar zu halbieren. Drei Nonnen hätten im August aus Protest gegen die Vertreibungen Selbstmord begangen. Zuvor waren bereits in Yachen Gar, einer Ansiedlung in der Nähe eines Nonnenklosters im Kreis Ganzi der Provinz Sichuan, 1000 Nonnen gezwungen worden, nach Hause zurückzukehren.

          Exil-Tibeter und ihre Unterstützer vermuten, dass der Regierung das Zentrum zu groß wurde. Im Pekinger Jargon ist von „Brutstätten“ abweichender religiöser Ideen, das heißt der Loyalität mit dem Dalai Lama die Rede. Die chinesische Regierung will anscheinend auch verhindern, dass sich Tibeter aus den verschiedenen Provinzen Chinas an einem Ort zusammenfinden. Denn die Studierenden dort kommen nicht aus Sichuan, sondern auch aus Qinghai, Yunnan, Gansu und der „Autonomen Region“ Tibet. Wer in Larung Gar studieren will, braucht jetzt eine Sondergenehmigung.

          Peking baut einen neuen religiösen Führer Tibets auf

          Peking versucht derzeit, alle Religionsgemeinschaften stärker an die Kandare zu nehmen. Neue Bestimmungen über „die Verwaltung der Religionen“ treten im Oktober in Kraft. Im August schickte die Pekinger Führung eigens Politbüro-Mitglied Yu Zhengsheng nach Tibet, um dort die neue Religionspolitik bekanntzumachen. Bei einem Besuch in einem Kloster forderte Yu Zhengsheng von Religionsgelehrten in Tibet, ihre Lehrsätze „in Einheit mit den sozialistischen Werten zu interpretieren“ und dem tibetischen Buddhismus zu helfen, sich „besser an die sozialistische Gesellschaft anzupassen“. Sie sollten besonders dem Einfluss von „ausländischen Kräften“ widerstehen und für die Stabilität der Region arbeiten.

          In der Autonomen Region Tibet wurde jetzt ein neuer Parteichef gekürt, der sich in der Vergangenheit mit der „Bewahrung der Stabilität“, also der Unterdrückung abweichender Tendenzen hervorgetan hat. Wu Yingjie ist Han-Chinese und lebt schon lange in Tibet. Die Klöster müssten im Kampf gegen die „Dalai-Lama-Clique“ unbeirrbar an der Seite der Kommunistischen Partei stehen, forderte der neue Parteichef jetzt wieder.

          Moderne Mönche: Tibetische Geistliche machen während des Kalachakra-Rituals im Juli Aufnahmen mit ihren Smartphones.
          Moderne Mönche: Tibetische Geistliche machen während des Kalachakra-Rituals im Juli Aufnahmen mit ihren Smartphones. : Bild: AP

          Gleichzeitig versucht Peking den jungen, von der chinesischen Religionsbehörde gekürten Panchen Lama als neuen religiösen Führer Tibets aufzubauen. Er lebt die meiste Zeit des Jahres weit entfernt von seiner Heimat und abgeschirmt von der Außenwelt in Peking. Dort wird er von ausgesuchten Lehrern in der tibetischen buddhistischen Lehre und im Patriotismus unterrichtet. Meist tritt er nur einmal im Jahr beim Volkskongress öffentlich auf.

          Angriff auf ein Herzstück des tibetischen Buddhismus

          In diesem Sommer aber durfte der Pekinger Panchen Lama in seinem Sommer-Palast in Xigaze erstmals eine Kalachakra-Initiation zelebrieren. Chinesische Medien berichteten, jeden Tag hätten 100.000 Menschen an der Zeremonie teilgenommen, darunter 5000 Lamas und 100 Tulkus, die Inkarnationen großer Lehrer. Während die chinesische Presse dies als großes Ereignis für den Panchen Lama feierte, berichteten Exil-Tibeter und deren Unterstützer im Ausland, dass viele zur Teilnahme gezwungen worden seien. Denn der Panchen Lama von Pekings Gnaden ist nicht der, den der Dalai Lama identifiziert hat. Dass es eine vom Dalai Lama bestätigte Reinkarnation des Panchen Lama gibt, einen jungen Tibeter, den die chinesischen Religionsbehörden vor 21 Jahren verschwinden ließen, weiß im Rest der Volksrepublik China kaum jemand, in Tibet ist es aber nicht vergessen.

          Die chinesische Regierung und die von ihr geförderte Modernisierung verändert auch die traditionelle Lebensweise der Tibeter. Parteichef Xi Jinping besuchte diesen Sommer die tibetischen Regionen der Provinz Qinghai und lobte dort Ansiedlungsprogramme für tibetische Nomaden. Während die chinesische Regierung die verordnete Ansiedlung als Beitrag zur Armutsbekämpfung und zum Umweltschutz feiert, sehen Kritiker darin einen Angriff auf die tibetische Tradition. Exil-Tibeter berichten, dass es dagegen viel Widerstand unter den Nomaden gibt.

          Mit der staatlich angeordneten Verkleinerung des Studienzentrums Larung Gar greifen die Behörden jetzt ein Herzstück des tibetischen Buddhismus an. Während es für die Tempel und Klöster schon lange Begrenzungen des religiösen Personals gibt, sollen jetzt auch Studienzentren klein gehalten werden. Dabei gibt es schon jetzt einen Mangel an Mönchen, Nonnen und Klöstern in Tibet; das hat selbst der Pekinger Panchen Lama schon öffentlich beklagt. Wenn es Fragen der Bausicherheit gebe, sollten diese in Gesprächen mit den Bewohnern und nicht durch Zwangsabriss geklärt werden, fordert die Organisation Human Rights Watch.

          Quelle: F.A.Z.

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