Vor dem „Royal Rose Restaurant“ in Rangun herrscht Verkehrschaos. Fast 900 Delegierte sind aus dem ganzen Land angereist, um am Wochenende an dem ersten Parteitag der früheren Widerstandspartei „Nationale Liga für Demokratie“ (NLD) von Aung San Suu Kyi teilzunehmen. Die Männer und Frauen tragen die traditionellen burmesischen Röcke, orange- und beigefarbene Jacken sowie weiße Hemden. Sie drängeln sich unter kleinen Pavillonzelten auf dem Gehweg, auf der Straße und vor dem Eisentor, durch das der Weg in den an den Seiten offenen Sitzungssaal führt. Dort nehmen sie je nach Herkunftsregion aufgeteilt Platz, teilweise gibt es nur Plastikstühle. Am Rand hängen die roten Fahnen der Nationalliga. Darauf sind ein goldener Pfau zu sehen, der einen unsichtbaren Gegner angreift, und ein weißer Stern. Dieselbe Symbolik findet sich auch in einer Blumendekoration, die in einem Rahmen an der Seite des Restaurants hängt. Blaue und rote Stoffgirlanden baumeln von der Zeltkonstruktion. Am Rand haben sich Ordner mit roten NLD-Armbinden positioniert.
Noch ohne Struktur und Programm
Der Kongress ist ein historisches Ereignis. Für die Partei, die 1988 gegründet wurde, aber erst seit dem Jahr 2011 wieder aktiv sein darf, ist es auch eine Übung in innerparteilicher Demokratie. In der Vergangenheit wurde sie vom Militärregime unterdrückt, viele Mitglieder wanderten ins Gefängnis, Aung San Suu Kyi verbrachte mehr als 15 Jahre unter Hausarrest. Die Partei funktionierte unter diesen Umständen nicht viel demokratischer als das verfeindete Regime. Die Parteiführung bestimmte sich selbst, Entscheidungen wurden von oben nach unten delegiert. Doch Präsident Thein Sein, ein früherer General, hat für Burma einen Weg der Reformen eingeschlagen. Aung San Suu Kyi und viele politische Gefangene wurden freigelassen, die NLD kann fast ohne Einschränkungen ihrer Arbeit nachgehen. Seit den Nachwahlen im vergangenen Jahr sitzen einige Parteimitglieder im Parlament. Das Ziel ist der Sieg bei den Wahlen im Jahr 2015. Aber bis dahin muss die Partei noch Erfahrungen sammeln und sich selbst reformieren. Sie braucht eine Struktur und ein Programm.
Auf der Bühne steht ein Rednerpodest, das mit Blumen geschmückt ist. Im Hintergrund hängt ein Plakat mit Bildern von Aung San Suu Kyi und ihrem Vater, dem Nationalhelden Aung San. Die Delegierten erheben sich, als zur Eröffnungszeremonie Aung San Suu Kyi und die anderen prominenten Führer aus der Parteispitze auftauchen. Die Friedensnobelpreisträgerin nimmt in der ersten Reihe Platz. Sie trägt ein Blumenband im Haar sowie ein grünes Hemd und einen blau-grünen Rock. Erst reden andere, doch nach etwa 20 Minuten erhebt sich Aung San Suu Kyi wieder. Sie verbeugt sich kurz und nimmt hinter dem Pult Aufstellung. Es gibt Applaus, aber niemand steht mehr auf. In ihrer Begrüßungsrede appelliert Aung San Suu Kyi an ihre Parteifreunde, Einigkeit zu zeigen. Sie tut es im Verlauf der Rede mit zunehmender Verve. Der „Geist der Brüderlichkeit“ solle wiederbelebt werden, sagt die Parteiführerin.
In der Partei brodelt es mächtig
Für den Aufruf gibt es einen guten Grund. Im Vorlauf zu dem Parteitag waren Querelen in der Partei offen zutage getreten. Vor dem Kongress hatten die Organisatoren vier Parteimitglieder ausgeladen. Sie warfen ihnen vor, Uneinigkeit säen zu wollen. Einer der Ausgeladenen verglich die Parteiführung daraufhin mit der Militärjunta. In der Partei brodele es mächtig, sagt ein westlicher Diplomat, der den Parteitag beobachtet. Es gebe Differenzen zwischen den alten und den jungen Mitgliedern; zwischen den Parlamentsabgeordneten und Parteistrategen der NLD, die nicht im Parlament sitzen; und zwischen denjenigen, die Angehörige der Mehrheitsbevölkerung sind und den Angehörigen ethnischer Minderheiten. Vor allem brauche die Partei, die größtenteils von grauköpfigen Herren geführt wird, „frisches Blut“, heißt es einhellig.
Wichtigster Programmpunkt ist deshalb die Wahl des 150 Köpfe zählenden Zentralkomitees der Partei sowie der 15 führenden Mitglieder im Parteipräsidium. Es ist das erste Mal, dass die „Basis“ ihre Führung selbst bestimmen kann. Im Obergeschoss des Restaurants werden die roten Plastikurnen mit den Wahlzetteln herangetragen. Es stehen weiße Tafeln an den Wänden, auf die Parteimitglieder mit Filzstift Striche hinter die Namen der Delegierten malen, die für das Zentralkomitee kandidieren. Wenn einer eine Stimme bekommen hat, wird sein Name zusammen mit der Region, aus der er kommt, laut durch den Raum gerufen. Etwas später gibt es noch mehr gelebte Demokratie zu beobachten. Es wird über den Antrag von vier Mitgliedern der Partei „Nationale Demokratische Front“ (NDF) abgestimmt, die der NLD beitreten wollen. Das Thema ist heikel, da sich die NDF einst von der NLD abgespalten hatte. Ihre Mitglieder nahmen an der Wahl im Jahr 2010 teil, die Aung San Suu Kyi boykottierte. Die Abtrünnigen gelten in der NLD deshalb als Verräter.
Die neue Parteiführung gehört wieder zur „alten Garde“
Unter den Delegierten kochen die Emotionen hoch. Erst wird wild durcheinander gerufen, dann Reihe für Reihe eine Stimmauszählung gemacht. Am Ende sind 319 Delegierte für den Antrag und 462 dagegen. Für die Delegierten sind solche langwierigen Abstimmungsprozesse offensichtlich ungewohnt. Den wenigsten fällt überhaupt ein Thema ein, das ihnen am Herzen liegt und über das sie bei Parteitag gern diskutieren möchten. „Die Parteiführung entscheidet und ich folge“, sagt ein Delegierter der F.A.Z. Auch an der Organisation hapert es noch. Manche Delegierte waren Tage vorher noch nicht darüber informiert, ob sie überhaupt teilnehmen würden. „Wir wissen nicht genau, was eigentlich besprochen werden soll, wir hatten so wenig Zeit zur Vorbereitung“, sagt der Delegierte Sein Win aus der Region Rangun. Es fehle der Partei an politischer Expertise, sagen Beobachter. Es sind vor allem die Abgeordneten, darunter die „Lady“ selbst, die mit ihrer Parlamentsarbeit in Naypidaw im politischen Alltag angekommen sind.
Am Ende des Kongresses werden die Namen der neuen Parteiführung verlesen. Nur zwei der ältesten Mitglieder wurden nicht wieder in das Präsidium gewählt. Die meisten anderen gehören zur „alten Garde“, viel „frisches Blut“ ist nicht dabei. Auch Aung San Suu Kyi wurde in ihrem Amt bestätigt. Sie betritt noch einmal die Bühne im „Royal Rose Restaurant“, um zu den Delegierten zu sprechen. Sie trägt diesmal eine lilafarbene Jacke, eine Schärpe und einen lilafarbenen Rock. Der Applaus ist verhalten. „Wir müssen um die Gunst der Wähler kämpfen“, sagt sie. „Nicht weil wir machthungrig sind, sondern zum Wohle des Volkes und der Demokratie.“ Sie erwähnt die Verfassung aus dem Jahr 2008, die der NLD ein Dorn im Auge ist, weil sie ihre Kandidatur bei den Wahlen im Jahr 2015 eigentlich ausschließt. Und sie mahnt einmal mehr zu einer realistischen Einschätzung der Lage in Burma. Es könne noch vierzig bis fünfzig Jahre dauern, bis sich ihr Land wirklich verändert habe, warnt die neue Vorsitzende der wichtigsten burmesischen Oppositionspartei, die auch die alte ist.
