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Afghanistan : Holt mich raus, ich sterbe!

  • -Aktualisiert am

Mit Sprengstoffwesten und Panzerfäusten: Rouven Beinecke starb beim Überraschungsangriff Bild: Robert Bochennek

Ein Deutscher wird in Kundus von Taliban angegriffen. Er ruft telefonisch um Hilfe, die Bundeswehr ist nur drei Kilometer entfernt. Sie bleibt im Lager. Warum?

          Rouven Beinecke steckte in einem schwarzen Leichensack, auf der Todesbescheinigung stand „nicht natürlicher Tod“. Vor dem Kühlcontainer, in dem sein Leichnam aufgebahrt war, hatte der Kommandeur des Feldlagers Kundus eine Ehrenwache aufstellen lassen. Es war die letzte Anerkennung für einen Landsmann. Der Oberst hätte das nicht tun müssen. Der Tote war kein Soldat. Er war ein Söldner, 32 Jahre alt, und starb dreitausend Meter vom deutschen Camp entfernt.

          Vor seinem Tod hatte Beinecke zweimal die Gefechtszentrale der Bundeswehr um Hilfe gerufen, per Telefon. Ein Soldat, mit dem er in jener Nacht sprach, erinnert sich daran und an die Worte: „Holt mich raus, ich sterbe!“ Zu diesem Zeitpunkt lag er blutend auf dem Dach eines vierstöckigen Gebäudes in Kundus, in den Etagen unter ihm wütete ein Selbstmordkommando der Taliban.

          Doch die Bundeswehr blieb im Lager. Ihr Kommandeur wollte das Leben der Soldaten nicht riskieren. Die F.A.S. wollte mit dem Offizier darüber reden. Der Oberst ließ über das Verteidigungsministerium mitteilen, er sei dazu nicht bereit.

          4500 Dollar im Monat für einen lebensgefährlichen Job

          Rouven Beinecke war Soldat, bevor er sich als Söldner im Dienste einer ausländischen Organisation verdingte. Er kannte Kundus, einige Jahre zuvor hatte er für die Bundeswehr in der afghanischen Bevölkerung Informationen beschafft und ausgewertet. Feldnachrichtensoldaten wie er machen einen riskanten Job, weil sie oft auf sich gestellt arbeiten. Beinecke hielt das vor seinen Eltern stets geheim. Er wollte sie nicht beunruhigen. Der großgewachsene, stämmige Oberbootsmann mit blonden Haaren galt in der Truppe als rauher, aber herzlicher Typ, der hin und wieder aneckte, weil er Befehle missachtete. Freunde beschreiben ihn als hilfsbereiten Menschen.

          Nach zehn Dienstjahren entschied sich Beinecke im Juni 2009, die Bundeswehr zwei Jahre vor Auslaufen seines Zeitvertrags zu verlassen. Dadurch verzichtete er freiwillig auf viel Geld. Er ließ sich zum Personenschützer ausbilden und gründete die Sicherheitsfirma B2 in Owschlag, einer 4000-Seelen-Gemeinde bei Rendsburg. Er nahm einen Kredit auf und kaufte ein Haus, das er aufwendig renovierte. Dann wurde das Geld knapp und seine Frau schwanger. Die Bank drehte den Geldhahn zu. Beinecke erreichte der Anruf eines in Südafrika lebenden deutschen Söldners. Er solle im Auftrag des britischen Sicherheitsunternehmens Edinburgh International (EI) in Kundus afghanische Bodyguards ausbilden und das Gebäude der amerikanischen Hilfsorganisation Development Alternatives Incorporated (DAI) bewachen. Die Konditionen: 150 Dollar pro Tag mit der Option auf baldige Gehaltssteigerung.

          Für Rouven Beinecke bot sich ein Ausweg aus seiner Finanzmisere. Für einen Menschen, den die Schulden erdrücken, sind 4500 Dollar im Monat viel Geld. Doch es ist wenig für einen lebensgefährlichen Job. Viel zu wenig. In Kundus herrschte Krieg. „Wenn ich zurück bin, sind wir die Schulden los“, sagte der werdende Vater beim Abschied zu seiner Frau. Am 5. Juni 2010 schickte er seinem Vater eine Kurznachricht: „Hi Paps. Bin in Dubai und checke gerade in Richtung Kabul ein.“ Da hatte er noch einen Monat zu leben.

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