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Arnold Schwarzenegger Mit großem Bizeps voran

06.10.2003 ·  Ein Sieg Arnold Schwarzeneggers im Kampf um das Amt des kalifornischen Gouverneurs wäre ein Erdbeben, welches das Fundament der repräsentativen Demokratie zum Wanken bringt. Der Schauspieler zehrt vom Verdruß der Wähler.

Von Horst Rademacher, San Francisco
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Wenn am Dienstag morgen die Wahllokale für die mehr als 25 Millionen wahlberechtigten Kalifornier öffnen, geht einer der ungewöhnlichsten Wahlkämpfe in der Geschichte Amerikas zu Ende. Ein aus Österreich stammender Einwanderer, der als Bodybuilder und Filmschauspieler zwar Weltruhm erlangt hat, aber über keine politische Erfahrung verfügt, schickt sich an, einen ausgefuchsten Politprofi, der erst vor elf Monaten mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde, aus dem Amt des Gouverneurs des wirtschaftlich wichtigsten amerikanischen Bundesstaates zu verdrängen.

Sollten sich nach Auszählung der Stimmen die Ergebnisse der jüngsten Umfragen bestätigen, nach denen Arnold Schwarzenegger mit der Mehrheit rechnen kann, wäre diese Wahl weit mehr als ein Kuriosum in der für europäische Verhältnisse oftmals bizarr erscheinenden politischen Kultur Amerikas. Ein Sieg Schwarzeneggers wäre ein Erdbeben, welches das Fundament der repräsentativen Demokratie zum Wanken bringt.

Verlacht als „Governator“

Als Schwarzenegger vor knapp zwei Monaten in einer Talkshow verkündete, er werde im Rahmen der Sonderwahl als Kandidat der Republikaner für das Amt des kalifornischen Gouverneurs antreten, wurde er mit Jesse Ventura verglichen. Dieser Muskelmann aus dem Catcherring hatte eine Amtsperiode lang den Bundesstaat Minnesota als Gouverneur regiert. Man gab Schwarzenegger allerdings weniger Chancen als Ventura. Kommentatoren sagten voraus, das am Machterhalt interessierte politische Establishment Kaliforniens werde den Aufstieg des Steiermärkers zu verhindern wissen.

Außerdem habe Schwarzenegger derart viele Leichen im Keller, daß die politischen Gegner mit ihm im Wahlkampf genauso umgehen würden, wie er es als Held vieler Actionfilme mit seinen Widersachern tat. In Anspielung auf seine Rolle in seinem jüngsten Film wurde er als möglicher "Governator" verlacht.

Charmeoffensive im Endspurt

Tatsächlich schien Schwarzenegger so ziemlich alles falsch zu machen, was man in einem amerikanischen Wahlkampf nur falsch machen kann. Er lehnte es ab, Interviews zu geben, und wollte nicht an Debatten mit den anderen Kandidaten teilnehmen. Gleichzeitig warf ihm der rechte Flügel der Republikaner Verrat an der Sache vor, denn Schwarzenegger bekennt sich zum Recht der Frau auf Abtreibung und hat keine Probleme im Umgang mit Homosexuellen.

Zunächst verhießen auch die Umfrageergebnisse nichts Gutes, denn Schwarzenegger lag im günstigsten Fall Kopf an Kopf mit anderen republikanischen Kandidaten. Schließlich schien sogar der amtierende Gouverneur Davis an Zustimmung zu gewinnen; die Mehrheit der Befürworter für eine Abwahl begann zu bröckeln. Schließlich schienen vor zwei Wochen die widersprüchlichen Entscheidungen der verschiedenen Kammern des Berufungsgerichtes in San Francisco der Sonderwahl endgültig den Boden zu entziehen.

Aber im Endspurt hat der ehemalige Bodybuilder nun doch nicht nur die Nase, sondern auch seinen immer noch beeindruckenden Bizeps vorn. Das liegt zum großen Teil an dem Charme, den der Steiermärker verbreitet. Obwohl seine Auftritte im Wahlkampf durchweg wohlinszeniert sind, wirkt Schwarzenegger - im Gegensatz zu Davis oder dem demokratischen Kandidaten Bustamante - überhaupt nicht steif und vor allem nicht so bedrohlich und gewalttätig wie in vielen seiner Filme. Meist erscheint er leger gekleidet, nur selten trägt er eine Krawatte. Obwohl seine Wahlkampfreden wenig politischen Tiefgang haben, versteht er es, Optimismus zu verbreiten.

Vergleich mit Ronald Reagan

Überraschend ist außerdem, wieviel leichter es ihm als anderen Politikern fällt, "Verfehlungen" aus früheren Jahren abzuschütteln. Als die größte Tageszeitung Kaliforniens, die "Los Angeles Times", vor knapp einer Woche Interviews mit sechs Frauen veröffentlichte, die Schwarzenegger sexuell belästigt hatte, entschuldigte er sich einmal öffentlich, und fuhr dann im Wahlkampf fort, als sei nichts geschehen. Am Wochenende äußerte er dann, die Anschuldigungen seien "absolut unwahr".

Auch die Aussage eines ehemaligen Gewichtshebers, Schwarzenegger habe in seinen Tagen als Bodybuilder im Kraftraum des Fitneßcenters oft für Hitler geschwärmt, prallte an dem Kandidaten ab. Er habe nichts als Verachtung für Hitler, die Nazis und das Dritte Reich übrig, sagte Schwarzenegger - und damit war die Debatte zu Ende. Schon wird Schwarzenegger nicht mehr mit Ventura, sondern mit Ronald Reagan verglichen, der ebenfalls aus Hollywood kam und Kalifornien vor mehr als 30 Jahren im Sturm eroberte.

Schwarzenegger zehrt aber auch vom Verdruß der Wähler über die seit mindestens zwei Jahrzehnten stagnierenden politischen Verhältnisse in Kalifornien. Farblose Gouverneure regierten den Staat technokratisch und ohne neue Ideen. Außerdem ließ es das durch ein Dauerpatt der beiden Parteien weitgehend gelähmte Parlament an Reformwillen fehlen. Der einstmals reiche Bundesstaat geriet in eine schlimme Finanzkrise. Hinzu kommt, daß immer häufiger politische Entscheidungen nicht zusammen von Legislative und Exekutive getroffen, sondern im Rahmen von Volksentscheiden erzwungen werden.

„Gefährlicher Pyrrhussieg im Goldenen Staat“

Obwohl eine Reihe von Umfragen in der vergangenen Woche die Abwahl von Davis und den Sieg Schwarzeneggers vorhersagten, hängt das Ergebnis der Wahl weitgehend davon ab, wieviel Kalifornier überhaupt am Dienstag dem Ruf zum Urnengang folgen. Schwarzenegger ist es zweifellos gelungen, die Unzufriedenen unter den Wählern zu mobilisieren. Aber mit jedem Prozent, mit dem die Wahlbeteiligung zunimmt, steigen die Chancen, daß der amtierende Gouverneur sein Amt behält.

Das würde keinesfalls bedeuten, daß diese Wähler mit dem Status quo im "Goldenen Staat" zufrieden sind. Vielmehr fürchten viele, eine Wahl Schwarzeneggers wäre ein gefährlicher Pyrrhussieg. Wenn nämlich das Referendum zur Abwahl von Davis Erfolg hat, kann sich weder Schwarzenegger noch einer seiner Nachfolger darauf verlassen, gemäß den Regeln der repräsentativen Demokratie vier Jahre regieren zu können. Vielmehr wären dann alle Gouverneure Kaliforniens nur noch Politiker auf Abruf, denn jeder von ihnen müßte damit rechnen, jederzeit durch einen Volksentscheid des Amtes enthoben zu werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2003, Nr. 231 / Seite 7
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Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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