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Armutsflüchtlinge Mit der Bestie ins gelobte Land

Auf einem Güterzug als blinde Passagiere fahren viele Flüchtlinge aus Zentralamerika an die Grenze zu den Vereinigten Staaten. Die letzte Station vor dem illegalen Grenzübertritt ist die Herberge „Bethlehem“ in Saltillo.

© Fabio Cuttica/contrasto Vergrößern Die Bestie: Etwas besseres als den Tod findest du überall

Die Bestie faucht: lang, lang, kurz, lang, und nochmal: lang, lang, kurz, lang. Wie Morsezeichen senden die drei schweren Lokomotiven an der Spitze des kilometerlangen Lindwurms aus Kesselwagen und bis an den Rand mit neuen Autos beladenen Waggons das Signal ihrer nahen Ankunft durch die sternklare Nacht. Noch wenige Stunden sind es von hier bis hinauf an die Grenze, die Mexiko von den Vereinigten Staaten trennt und damit eines der reichsten Länder der Welt von dem Rest des Kontinentes, in dem Dutzende Millionen Menschen noch immer in Armut und Elend leben.

Daniel Deckers Folgen:  

Und noch wenige Stunden, dann haben es auch die wieder einmal geschafft, die sich einige tausend Kilometer weiter im Süden den „Bestie“ genannten Güterzügen als menschliche Fracht anvertraut haben: Männer, aber zunehmend Jugendliche aus Zentralamerika, der von Armut, Arbeitslosigkeit und der höchsten Kriminalitätsrate weltweit gezeichneten Region zwischen Mexiko und Südamerika.

Für Stunden, vielleicht aber auch einige Tage, soll den Flüchtlingen nicht mehr nur die Sirene der schweren Diesellokomotiven in den Ohren gellen und das Schaukeln der Waggons den Schlaf rauben. Stattdessen werden ihnen die blechernen Glocken der noch aus der Kolonialzeit stammenden Kathedrale von Saltillo leise die Stunde schlagen. Denn hinter der Hauptstadt des Bundesstaates Coahuila, die sich in den vergangenen Jahrzehnten wie im Zeitraffer von einer beschaulichen Handelsstadt in der Wüste von Chihuahua in eine gesichtslose Agglomeration von Industriegebieten im Zeichen des nordamerikanischen Freihandels verwandelt hat, geht es auf die Grenze zu. Mit jedem Kilometer rückt der Rio Bravo näher, dahinter müssen erst die Grenzbefestigungen auf amerikanischer Seite überwunden und dann die texanische Wüste durchquert werden. Wer diese Prüfungen überleben will, der tut gut daran, ein letztes Mal auszuruhen und Kraft zu schöpfen.

Leichte Beute für die Kartelle

Lange ist es her, dass es in Saltillo vier kleine und zudem verstreut liegende Häuser gab, in denen die Flüchtlinge unter den bösen Augen der Nachbarschaft notdürftig Obdach fanden. Der Mord an zwei Zentralamerikanern im Jahr 2001 ließ Rául Vera López, dem neuen Bischof von Saltillo, keine Ruhe. Eine ehemalige Schule in unmittelbarer Nachbarschaft der Bahntrasse und einer Pfarrkirche wurde so um- und ausgebaut, dass das Gebäude weit mehr als hundert Durchreisenden zugleich Obdach und Sicherheit bietet. Die „Bethelem“ genannte Migrantenherberge wird vom vom Bistum Saltillo getragen. Nicht zuletzt dank der Unterstützung des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat konnte sie auf- und ausgebaut werden - auch ein Zentrum für Menschenrechte ist angegliedert, in dem sich fünf feste Mitarbeiter und eine große Zahl Freiwilliger mehr als nur den körperlichen Nöten der Durchreisenden annimmt. Das alles ist dringlicher denn je, obwohl sich die Zahl der Flüchtlinge aus Zentralamerika seit dem Jahr 2005 nach offiziellen Schätzungen um mehr als zwei Drittel auf insgesamt jetzt noch 140.000 im Jahr verringert hat.

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Veröffentlicht: 23.03.2012, 14:21 Uhr

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