Armenien: Nikol Paschinjan im Porträt
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Nikol Paschinjan : Der Mann der Stunde

Nikol Paschinjan Bild: dpa

Nikol Paschinjan hat Armeniens Regierung zu Fall gebracht. Seine Kraft liegt im Rückhalt der Bevölkerung. Jetzt muss er vor allem darauf achten, Moskau nicht zu beunruhigen.

          Es regnet, aber der Platz ist voll. Ganze Familien sind gekommen, alte Männer mit Goldzähnen, Halbstarke in Lederjacken, Kinder in Plastikcapes, alberne Mädchen, ernste Großmütter. Auch an den Fenstern und auf den Balkonen der Häuser rund um den Platz drängen sich Menschen, warten auf ihren Helden, Armeniens Mann der Stunde: Nikol Paschinjan, den 42 Jahre alten Parlamentsabgeordneten, der in wenigen Wochen zum Oppositions- und Revolutionsführer wurde. Auch aus Dörfern und Städtchen der Umgebung sind Leute nach Wanadsor gekommen, Armeniens mit rund 90.000 Einwohnern drittgrößter Stadt. An eine solche Kundgebung hier kann sich niemand erinnern. Auf den Autos und an den Körpern vieler Wartender kleben regennasse, rot-blau-orangefarbene Nationalflaggen. Voller Erwartung sind die Gesichter, freudig, neugierig, wach. Elf Protesttage in der Hauptstadt Eriwan erzwangen am vergangenen Montag den Rücktritt des früheren Präsidenten Sersch Sarkisjan vom Ministerpräsidentenamt, das er zum Machterhalt zurechtreformiert und nur eine Woche innegehabt hatte.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Aber Paschinjans Kampf ist nicht vorbei, er gilt dem Macht- und Geschäftsapparat, der Korruption und Wahlfälschung, der postsowjetischen Misere aus der Apathie der vielen und der Zügellosigkeit der wenigen. Deshalb touren Paschinjan und seine Unterstützer an diesem Tag durch Armeniens Provinz. Sie müssen den Druck aufrechterhalten, bevor am Dienstag im Parlament in Eriwan die Wahl eines neuen Ministerpräsidenten anberaumt ist, gemäß der Verfassung eine Woche nach dem Rücktritt. Seit Sonntag wird deshalb wieder täglich in der Hauptstadt demonstriert und blockiert. Zuvor zeigt Paschinjan in Gjumri, in seiner Heimatstadt Idschewan, in Wanadsor und in zahlreichen Orten dazwischen, dass er der einzige legitime Anwärter auf den Posten ist, der „Volkskandidat“. Die Tour wird zum Triumphzug, zur Akklamation, als würde die Wahl aus dem Parlament auf die Straßen und Plätze im Land vorverlagert. Mindestens für Armenien ist das Geschehen eine Zäsur, womöglich, als Inspiration, eines Tages auch darüber hinaus. Von einer „Revolution in den Köpfen“ ist viel zu hören. Aber gewiss ist noch nichts.

          „Endlich ist der Funke da“

          Für den Moment ist die Begeisterung über Paschinjan und seine „samtene Revolution“ immens, mit wem man auch redet in Eriwan und Wanadsor. Stepan Grigorjan, ein früherer Diplomat und politischer Berater in Eriwan, sagt, er habe so eine Euphorie nicht einmal in den Anfängen der Bewegung für die Armenier in Nagornyj Karabach Ende der achtziger Jahre erlebt. Das von Aserbaidschan abtrünnige Gebiet ist weiter Gegenstand eines Dauerkonfliktes mit dem Nachbarland; es ist auch die Heimat Sarkisjans und dessen Seilschaften, denen Paschinjan nun gefährlich wird.

          Grigorjan ist von dem Geschehen selbst so angetan, dass er, als Paschinjan und zwei weitere Oppositionsabgeordnete zu dem gefährlichsten Zeitpunkt der Proteste gerade festgenommen worden waren, sich vor einer Gruppe Soldaten auf dem Platz der Republik im Zentrum Eriwans aufbaute. „Freiheit für Nikol Paschinjan“ habe er gerufen, sechs-, siebenmal, ehe er selbst abgeführt wurde. Er kam nach einigen Stunden, die Politiker tags darauf wieder frei; wenig später trat Sarkisjan zurück. Seither versucht dessen Republikanische Partei, in Winkelzügen die Macht zu halten. Aber ihre Macht schwindet täglich, stündlich.

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