http://www.faz.net/-gpf-748wi
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.11.2012, 14:29 Uhr

Argentinien Zehntausende demonstrieren gegen Kirchner-Regierung

In Argentinien demonstrieren Zehntausende Menschen gegen Inflation, Korruption und die steigende Kriminalität. Außerdem steht Präsidentin Cristina Kirchner in der Kritik: Mit einer Verfassungsänderung will sie sich eine dritte Amtszeit ermöglichen.

© dpa Mit beschrieben Flaggen fordern die Demonstranten auf dem Platz des Obelisken in Buenos Aires Respekt vor der Verfassung.

Bei den massivsten Anti-Regierungs-Protesten seit mehr als zehn Jahren sind am Donnerstagabend (Ortszeit) Zehntausende Menschen in Argentinien auf die Straße gegangenen. Neben den Protesten in Buenos Aires und anderen argentinischen Städten kam es auch in mehreren weiteren Ländern zu Kundgebungen von Exil-Argentiniern - unter anderem in Spanien und Italien. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet auch von Protesten in New York, Washington, Paris und London. Die Regierungsgegner demonstrierten gegen Inflation, Korruption und die steigende Kriminalität im Land. Ihr Protest richtete sich zudem gegen eine geplante Verfassungsreform, nach der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner unbegrenzt im Amt bleiben könnte.

Nach Angaben der Polizei kamen zu der Kundgebung in Buenos Aires 30.000 Menschen, örtliche Medien bezifferten die Zahl der Teilnehmer mit mehreren Hunderttausend. Vor dem Präsidentenpalast auf der Plaza de Mayo schlugen die Demonstranten gegen Kochtöpfe und schwenkten die argentinische Flagge. Auf Transparenten war zu lesen: „Stoppt die Kriminalitätswelle, die Argentinier tötet, und die Korruption. Sagt Nein zur Verfassungsreform.“

Die Proteste hatten große symbolische Bedeutung für die Argentinier, die sich nur zu gut an das Wirtschaftsdebakel in ihrem Land Anfang der 2000er-Jahre erinnern. Die massiven Protestmärsche hatten damals in Argentinien mehrere Präsidenten aus dem Amt befördert und das Land de facto unregierbar gemacht, bis schließlich Cristina Kirchners verstorbener Ehemann Nestor Kirchner 2003 an die Macht kam.

Thousands of protesters demonstrate on 9 de Julio avenue next to the Obelisk of Buenos Aires Unter dem Stichwort „8N“ organisierten sich die Argentinier vor allem über soziale Netzwerke. © REUTERS Bilderstrecke 

Immer mehr gerät jetzt auch Cristina Kirchner unter Druck, die im vergangenen Jahr ohne Probleme mit 54 Prozent der Stimmen die Wiederwahl geschafft hatte. Viele sehen unter ihrer Regierung einen Zerfall des Landes mit massiv steigenden Verbrechenszahlen, einer hohen Geldentwertung und einer Präsidentin, die sich an die Macht klammert.

In einer Rede am Donnerstag nahm Kirchner nicht direkt zu den Protesten Stellung, betonte aber den Erfolg ihrer bisherigen Regierungsarbeit. „In Zeiten des Aufschwungs ist es leicht ein Land zu regieren, aber versucht es einmal, wenn alles den Bach hinuntergeht wie 2003, 2008 oder 2009“, sagte sie im Bezug auf den Amtsantritt ihres Mannes und die weltweite Wirtschaftskrise, durch die sie das Land hatte steuern müssen.

Nach zwei Amtszeiten dürfte sie nach argentinischem Recht bei der Wahl 2015 nicht noch einmal antreten, doch ihre Partei strebt eine entsprechende Verfassungsänderung an. Umfragen zufolge lehnen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung den Vorschlag ab. Kirchners Popularität ist seit ihrer Wiederwahl deutlich gesunken und liegt derzeit nur noch bei 30 Prozent.

Mehr zum Thema

Quelle: fani, FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Parteitag der Republikaner Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, Donald?

Donald Trump redet viel, gerne – und vor allem laut. In seiner Rede verspricht er keine Lügen. Wir haben die Fakten überprüft. Mehr Von Aziza Kasumov

22.07.2016, 14:19 Uhr | Politik
Türkei Erdogan behält sich Verlängerung des Ausnahmezustands vor

Der türkische Präsident Erdogan behält sich eine Verlängerung des zunächst auf drei Monate befristeten Ausnahmezustands in seinem Land vor. Es gebe keine Hindernisse für eine Verlängerung, wenn sich dies als nötig erweisen sollte, sagte Erdogan am Donnerstag in Ankara in seinem ersten Interview seit Verhängung des Ausnahmezustands. Mehr

22.07.2016, 17:43 Uhr | Politik
Türkei nach Putschversuch Tausende Erdogan-Anhänger wollen in Köln demonstrieren

Am übernächsten Sonntag wollen Tausende Unterstützer des türkischen Staatspräsidenten in Köln auf die Straßen gehen. Für die Polizei bedeutet das den Ausnahmezustand in der Domstadt. Mehr

22.07.2016, 11:56 Uhr | Politik
Nach Putschversuch in Türkei Erdogan greift nach der absoluten Macht

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bringt die türkische Gesellschaft immer mehr unter seine Kontrolle. Er ordnete per Dekret die Schließung von Schulen, Universitäten, Stiftungen und Gewerkschaften an. Über 1000 Wohltätigkeitsorganisationen, Gewerkschaften und Stiftungen wurden aufgelöst. Zuvor waren rund 60.000 Soldaten, Polizisten, Beamte und Lehrer suspendiert oder festgenommen worden. Mehr

24.07.2016, 17:37 Uhr | Politik
Olympia ohne Russland? Vergiftete Spiele

Erstmals könnte an diesem Sonntag eine ganze Nation wegen Dopings von Olympia ausgeschlossen werden. Der sportliche Größenwahn Russlands stürzt das IOC in die tiefste Krise seiner Geschichte. Und die Attacke kommt nicht von außen. Mehr Von Evi Simeoni

24.07.2016, 11:08 Uhr | Sport