Home
http://www.faz.net/-gpf-748wi
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Argentinien Zehntausende demonstrieren gegen Kirchner-Regierung

In Argentinien demonstrieren Zehntausende Menschen gegen Inflation, Korruption und die steigende Kriminalität. Außerdem steht Präsidentin Cristina Kirchner in der Kritik: Mit einer Verfassungsänderung will sie sich eine dritte Amtszeit ermöglichen.

© dpa Vergrößern Mit beschrieben Flaggen fordern die Demonstranten auf dem Platz des Obelisken in Buenos Aires Respekt vor der Verfassung.

Bei den massivsten Anti-Regierungs-Protesten seit mehr als zehn Jahren sind am Donnerstagabend (Ortszeit) Zehntausende Menschen in Argentinien auf die Straße gegangenen. Neben den Protesten in Buenos Aires und anderen argentinischen Städten kam es auch in mehreren weiteren Ländern zu Kundgebungen von Exil-Argentiniern - unter anderem in Spanien und Italien. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet auch von Protesten in New York, Washington, Paris und London. Die Regierungsgegner demonstrierten gegen Inflation, Korruption und die steigende Kriminalität im Land. Ihr Protest richtete sich zudem gegen eine geplante Verfassungsreform, nach der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner unbegrenzt im Amt bleiben könnte.

Nach Angaben der Polizei kamen zu der Kundgebung in Buenos Aires 30.000 Menschen, örtliche Medien bezifferten die Zahl der Teilnehmer mit mehreren Hunderttausend. Vor dem Präsidentenpalast auf der Plaza de Mayo schlugen die Demonstranten gegen Kochtöpfe und schwenkten die argentinische Flagge. Auf Transparenten war zu lesen: „Stoppt die Kriminalitätswelle, die Argentinier tötet, und die Korruption. Sagt Nein zur Verfassungsreform.“

Die Proteste hatten große symbolische Bedeutung für die Argentinier, die sich nur zu gut an das Wirtschaftsdebakel in ihrem Land Anfang der 2000er-Jahre erinnern. Die massiven Protestmärsche hatten damals in Argentinien mehrere Präsidenten aus dem Amt befördert und das Land de facto unregierbar gemacht, bis schließlich Cristina Kirchners verstorbener Ehemann Nestor Kirchner 2003 an die Macht kam.

Thousands of protesters demonstrate on 9 de Julio avenue next to the Obelisk of Buenos Aires Unter dem Stichwort „8N“ organisierten sich die Argentinier vor allem über soziale Netzwerke. © REUTERS Bilderstrecke 

Immer mehr gerät jetzt auch Cristina Kirchner unter Druck, die im vergangenen Jahr ohne Probleme mit 54 Prozent der Stimmen die Wiederwahl geschafft hatte. Viele sehen unter ihrer Regierung einen Zerfall des Landes mit massiv steigenden Verbrechenszahlen, einer hohen Geldentwertung und einer Präsidentin, die sich an die Macht klammert.

In einer Rede am Donnerstag nahm Kirchner nicht direkt zu den Protesten Stellung, betonte aber den Erfolg ihrer bisherigen Regierungsarbeit. „In Zeiten des Aufschwungs ist es leicht ein Land zu regieren, aber versucht es einmal, wenn alles den Bach hinuntergeht wie 2003, 2008 oder 2009“, sagte sie im Bezug auf den Amtsantritt ihres Mannes und die weltweite Wirtschaftskrise, durch die sie das Land hatte steuern müssen.

Nach zwei Amtszeiten dürfte sie nach argentinischem Recht bei der Wahl 2015 nicht noch einmal antreten, doch ihre Partei strebt eine entsprechende Verfassungsänderung an. Umfragen zufolge lehnen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung den Vorschlag ab. Kirchners Popularität ist seit ihrer Wiederwahl deutlich gesunken und liegt derzeit nur noch bei 30 Prozent.

Mehr zum Thema

Quelle: fani, FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Brasilien Hunderttausende fordern Rücktritt der Präsidentin

In Brasilien gehen Hunderttausende gegen die Regierung auf die Straßen. Sie prangern die korrupte Regierung an und verlangen, dass Präsidentin Rousseff sofort ihr Amt abgibt. Mehr

13.04.2015, 05:06 Uhr | Politik
Nach Staatsanwalt-Tod Argentiniens Präsidentin will Geheimdienst auflösen

Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner hat gut eine Woche nach dem ungeklärten Tod des Staatsanwaltes Alberto Nismann die Auflösung des argentinischen Geheimdienstes angekündigt. Mehr

27.01.2015, 09:44 Uhr | Politik
Smog in China Es liegt was in der Luft

Chinas Führung geht neuerdings härter gegen Luftverschmutzer vor. Damit beugt sie sich dem öffentlichen Druck. Auch der neue Minister sorgt für frischen Wind. Mehr Von Petra Kolonko, Peking

17.04.2015, 15:04 Uhr | Politik
Jorge Bergoglio Wer ist Papst Franziskus?

Wer ist Papst Franziskus? Jorge Mario Bergoglio ist 76, Argentinier mit italienischen Wurzeln, Jesuit - und in Buenos Aires als Kardinal der Armen beliebt. Der erste Papst aus Amerika spricht Deutsch, er hat in Deutschland studiert. Der bisherige Erzbischof der argentinischen Hauptstadt gilt als gemäßigter Konservativer und Gegner der Homo-Ehe. Umstritten ist unter anderem sein Verhalten während der Militärdiktatur in Argentinien. Mehr

13.03.2015, 10:52 Uhr | Gesellschaft
Krawalle in Athen Nieder mit der Demokratie!

Molotowcocktails fliegen, Steine treffen Polizisten, Autos gehen in Flammen auf - in Athen ist es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Der Protest richtet sich gegen die Regierung. Mehr

08.04.2015, 05:00 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.11.2012, 14:29 Uhr

Eine gute Armee ist unbezahlbar

Von Reinhard Müller

Klagen gegen den Hersteller des Sturmgewehrs G36 hätten kaum Aussicht auf Erfolg, auch weil etwaige Ansprüche verjährt sein dürften. Warum wurden die Verträge nie nachverhandelt? Mehr 19 16