Auf die wichtigste Brücke, die Argentinien und Uruguay miteinander verbindet, drei Autostunden von Buenos Aires, ist wenig Verlass. Drei Jahre lang, von 2007 bis 2010, war sie permanent blockiert. Argentinische Umweltschützer hatten so gegen den Bau einer Zellulosefabrik auf der uruguayischen Seite protestiert. Mit dem Flugzeug den Río de la Plata zu überqueren ist aber auch mühsamer geworden: Die uruguayische Gesellschaft Pluna, die eine Art Pendelverkehr anbot, ist bankrott.
Eine von den Regierungen beider Länder finanzierte „binationale“ Eisenbahnverbindung mit einem pompös auf den Namen „Zug der freien Völker“ getauften Triebwagen wiederum ist wegen technischer Probleme und geringer Nachfrage wenige Monate nach der Eröffnung eingestellt worden. Die Fahrt im Schnellschiff von Buenos Aires nach Montevideo ist noch immer die einzige halbwegs zuverlässige Verbindung zwischen den beiden Nachbarstaaten. Drei Stunden dauert die Reise.
Dabei bilden Argentinien und Uruguay kulturell eine Einheit. „Eine Gesellschaft mit zwei Staaten“, sagte der frühere argentinische Präsident Roque Saenz Peña. Die Bewohner beider Länder haben die gleichen Gewohnheiten, im Spanisch der gebildeten Schichten gibt es keine Unterschiede, lediglich im Dialekt der einfacheren Bevölkerungsgruppen haben sich Besonderheiten herausgebildet. Die meisten Argentinier und Uruguayer pflegen freundschaftlichen Umgang miteinander. Doch die politischen Beziehungen sind von jeher konfliktträchtig.
Gelassene Analyse nach zwei Amtszeiten
„Die Rivalitäten gehen bis in die Kolonialzeit zurück, als wir alle zu Spanien gehörten“, sagt der frühere uruguayische Präsident Julio María Sanguinetti. Der Politiker von der sozialdemokratisch ausgerichteten Colorado-Partei hat sein Land 1985 als erstes frei gewähltes Staatsoberhaupt nach der Diktatur in die Demokratie zurückgeführt. Nach seiner ersten Amtszeit von 1985 bis 1990 regierte er noch einmal zwischen 1995 und 2000. Nun analysiert er gelassen von seinem beschaulichen Wohnsitz in Montevideo aus das konfliktreiche Verhältnis zu dem von Krise zu Krise schlitternden Argentinien.
„In der Kolonialzeit war Buenos Aires, die größere und wichtigere Stadt mit dem schlechteren Hafen, neidisch auf das kleinere Montevideo mit dem besseren Hafen“, sagt Sanguinetti. An dieser Rivalität hat sich im Prinzip kaum etwas geändert.
Er sei in den neunziger Jahren mit seinem argentinischen Widerpart Carlos Menem zwar ganz gut ausgekommen, doch das Verhältnis zwischen den Staatschefs beider Länder sei inzwischen wieder „miserabel“, sagt Sanguinetti. Sein Nachfolger Tabaré Vázquez redete nicht mit dem damaligen argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner, der die Brückenblockade wegen des Baus der Zellulosefabrik ausdrücklich guthieß. Der seit März 2010 regierende uruguayische Präsident José „Pepe“ Mujica hat sich zwar um eine Besserung bemüht. Immerhin ist es ihm gelungen, die Brücke wieder freizubekommen. Doch die radikale Abschottungspolitik der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner mit den von ihr zuletzt eingeführten Handels- und Devisenkontrollen haben die Beziehungen von neuem schwer belastet.
Gute Miene zum bösen Spiel
Mujica mache gute Miene zum bösen Spiel und versuche mit Umarmungen und Grillfesten, Cristina Kirchner umzustimmen. Doch damit solle er aufhören, rät Sanguinetti seinem Nachfolger von dem schillernden Linksbündnis „Breite Front“. Argentinien und Uruguay sind aber im Wirtschaftsbund Mercosur auf eine Abstimmung ihrer Handelspolitik angewiesen. Uruguay fühlt sich als kleinstes Mitgliedsland zwischen Argentinien und Brasilien ohnehin benachteiligt. Es gibt nicht wenige Stimmen im Land, die einen Ausstieg Uruguays aus dem Handelsbündnis befürworten.
Noch mehr sind beide Länder in der Finanzpolitik aufeinander angewiesen. Die schwere Krise in Argentinien der Jahre 2001 und 2002 hat auch dem früher gern als „Schweiz“ Südamerikas angesehenen Uruguay erheblich zugesetzt. Ebenso bekommt das Land die Auswirkungen der jüngsten krisenhaften Entwicklung im Nachbarland, die hauptsächlich eine hohe Inflation verursacht, zu spüren. Mit allerlei Vergünstigungen versucht Montevideo in der aktuellen Sommersaison argentinische Touristen anzulocken, obwohl es für diese fast unmöglich geworden ist, offiziell an Devisen heranzukommen. Allerdings profitiert Uruguay auch von den internen argentinischen Problemen. Es konnte seinen Rindfleischexport erheblich steigern. Was in Europa als „argentinisches“ Steak angeboten wird, kommt oft aus Uruguay.
Während in Argentinien Präsidentin Kirchner unverhohlen dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez nacheifert, bleibt Uruguays Präsident Mujica eher auf Distanz zur „bolivarischen Revolution“, obwohl er Chávez gleichfalls bewundert. Frau Kirchner und Mujica haben aktiv daran mitgewirkt, dass Venezuela als Vollmitglied in das Bündnis aufgenommen wurde.
Mehr denn je aufeinander angewiesen
Das sei eine rein politische Entscheidung gewesen, sagt Sanguinetti, denn in einem Freihandelsbündnis habe Venezuela eigentlich nichts zu suchen - schließlich sei die Wirtschaft in dem Land keineswegs frei, sondern werde „verwaltet“. Der Beitritt Venezuelas werde das Bündnis, das vor allem wegen argentinischer und brasilianischer Handelsbeschränkungen ohnehin in der Krise stecke, weiter schwächen.
Trotzdem seien gerade Uruguay und Argentinien mehr denn je aufeinander angewiesen. „Wir müssen das akzeptieren, ob wir wollen oder nicht, den Río de la Plata und den Uruguay-Fluss müssen beide Länder verwalten, sie betreiben gemeinsam Elektrizitätswerke, Brücken und andere Handelsverbindungen, unser Hafen in Montevideo arbeitet zur Hälfte für Argentinien, von dort stammen 50 Prozent der Container. Die Produktion aus den südlichen Provinzen Argentiniens wird von Montevideo und nicht von Buenos Aires verschifft“, sagt Sanguinetti. „Es gibt viele Gründe, weshalb wir weitermachen und den Mercosur ertragen müssen. Aber es muss sich etwas ändern. Wir brauchen mehr Handelsfreiheit.“
Die argentinische Präsidentin Kirchner steuert nach Ansicht des früheren uruguayischen Staatschefs einen entgegengesetzten, zudem einen unberechenbaren Kurs. Zur Überraschung der Argentinier wie der Mercosur-Partner ändert sie oft einseitig die Spielregeln. Sanguinetti kritisiert besonders heftig die argentinische Praxis, von Staats wegen statistische Daten wie etwa zur Inflationsrate zu fälschen und bedrohliche Entwicklungen zu negieren. „Statt das Fieber zu messen und zu bekämpfen, zerbricht man das Thermometer.“
Suche nach Harmonie
Während die Kirchner-Regierung die argentinische Gesellschaft nach dem Vorbild Venezuelas immer weiter spaltet, politische Gegner als Feinde abstempelt und offenkundige Fehler als Erfolge ausgibt, beschreibt Sanguinetti Uruguay als ein Land, in dem zwar auch gern gestritten werde, in dem die Regierung jedoch immerhin Fehlentwicklungen eingestehe und zu beheben versuche.
Obwohl Präsident Mujica und sein heikles Regierungsbündnis der „Breiten Front“ einem völlig anderen politischen Lager als die Colorado-Partei angehören, charakterisiert Sanguinetti seinen Nachfolger vergleichsweise freundlich. „Mujica ist eine Art Moderator oder Animator des politischen Dialogs, er redet ständig, verkündet Projekte und Ideen, hat Einfälle, über die groß debattiert wird.“ Mujica sei kein Sozialist, sondern ein alter Anarchist. „Er hat keinen Hang zur Verwaltung, zur effektiven Machtausübung und Staatsführung, er predigt unaufhörlich, sein Redestil ist volkstümlich, aber auch vulgär.“ Das komme zwar gut bei seinen Gefolgsleuten an, doch habe Mujica mehr als einmal mit unbedachten Äußerungen seine Regierung einer Zerreißprobe ausgesetzt.
Als treffendsten Beweis dafür, dass die Politiker aller Richtungen in seinem Land letztlich Konsens und Harmonie suchten, führt Sanguinetti ein Treffen an, bei dem die vier seit dem Ende der Diktatur demokratisch gewählten Präsidenten Uruguays - außer ihm selbst Luis Alberto Lacalle, Jorge Batlle und Tabaré Vázquez - über kontroverse Themen heftig, doch zivilisiert diskutiert hätten. „So etwas“, sagt er überzeugt, „wäre in Argentinien undenkbar“.
