20.11.2007 · Bis zu 500 Säuglinge und Kleinkinder wurden während der Militärdiktatur in Argentinien entführt und zwangsadoptiert. Nun sind sie auf der Suche nach ihren Wurzeln und wollen mehr über Schicksal ihrer leiblichen Eltern erfahren. Victoria Donda ist eine von ihnen.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresErst seit vier Jahren weiß Victoria Donda, dass sie Victoria Donda ist. Wäre sie zuvor schon in den argentinischen Nationalkongress gewählt worden, hätte sie ihren Sitz noch als Claudia Analía Leonora Azic eingenommen. Mit ihren dreißig Jahren ist sie eine der jüngsten Abgeordneten - und die einzige, die eine doppelte Identität besitzt. Victoria Donda ist die Tochter eines in der Militärdiktatur „verschwundenen“ Paares. Sie ist das 78. von inzwischen 88 wiederaufgespürten Kindern, die während der Diktatur zwangsadoptiert wurden. Bis zu 500 ihrer Altersgenossen wurden damals nach einem systematischen Plan entführt.
Geboren wurde Victoria Donda in der „Mechanikschule“ (Esma) der argentinischen Marine am Stadtrand von Buenos Aires, vermutlich im August 1977. Die Esma war das größte Folterzentrum Argentiniens. Dort verlieren sich die Spuren von 5000 Menschen, auch jene von María Hilda Pérez, Victoria Dondas Mutter, die hochschwanger dorthin gebracht wurde, um das Kind zu gebären. Im Juli 2003 ging bei den „Großmüttern der Plaza de Mayo“ ein anonymer Anruf ein, der erste Hinweise auf das Schicksal der Tochter brachte. Die Menschenrechtsgruppe der „Großmütter“ nahm Kontakt zu Victoria Donda auf, die damals noch Claudia hieß. Sie hatte bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Verdacht, dass mit ihrer Herkunft etwas nicht stimmen könnte. Deshalb ließ sie einige Zeit verstreichen, bis sie sich näher mit dem Gedanken befasste, nicht Claudia Azic zu sein. Und erst nach einer weiteren mehrmonatigen Bedenkfrist erklärte sie sich zu einem Gentest bereit.
Eine komplettere Person
Victoria Dondas Onkel, Adolfo Donda Tigel, hatte als einer der maßgeblichen Schergen im Unterdrückungsapparat der Esma aktiv dazu beigetragen, dass ihre Eltern, die als „Montoneros“ im Untergrund gegen das Regime kämpften, festgenommen und vermutlich umgebracht wurden. In der Nähe seines „Arbeitsplatzes“ hatte ihre Mutter Victoria zur Welt gebracht. Vermutlich hat der Onkel persönlich das Neugeborene einem Marine-Unteroffizier, der ebenso als Folterer in der Esma sein Unwesen trieb, zur Adoption übergeben. Juan Antonio Azic und dessen Frau haben den Säugling, den die leibliche Mutter Victoria nennen wollte, dann als Claudia Analía Leonora aufgezogen. Vor vier Jahren hat Victorias Adoptivvater einen Selbstmordversuch unternommen und ist seitdem in einer psychiatrischen Anstalt der Marine untergebracht. Nach der Aufhebung der Amnestiegesetze wird gegen ihn ebenso prozessiert wie gegen den Onkel, der sich in Haft befindet.
„Ich fühle mich nicht wie zwei Personen, sondern als eine komplettere Person, weil ich jetzt meine biologische Herkunft kenne“, sagt Victoria Donda. Sie ist Mitglied der Fraktion der „Front für den Sieg“ des Präsidentenehepaars Kirchner. Sie kommt aus der Linksbewegung „Freie des Südens“ und macht kein Hehl aus ihren teilweise radikalen Anschauungen. In den „Kirchnerismus“ passe viel und eben auch das hinein, meint sie. Die Regierung des scheidenden Präsidenten Néstor Kirchner hat die Aufklärung zahlreicher in der Diktatur begangener Menschenrechtsverletzungen vorangetrieben, seine Ehefrau und Nachfolgerin dürfte das fortsetzen.
„Den Kampf fortzusetzen, den sie begonnen haben“
Victoria Donda hatte mit ihren politischen Aktivitäten schon begonnen, als sie noch gar nicht ahnte, dass ihr „offizielles“ Geburtsdatum, der 17. September 1977, gefälscht und ihr Name nicht der war, den ihr die leiblichen Eltern geben wollten. Mit 17 Jahren schon sei sie politisch aktiv gewesen, beteuert sie. Und immer links. Ob das eine Reaktion auf ihre in der Marine und damit auch tief in der Diktatur verwurzelte Adoptivfamilie war, ist von ihr nicht zu erfahren. Über ihre Zieheltern will sich Victoria Donda nicht äußern. Dafür verteidigt sie um so heftiger ihre leiblichen Eltern und billigt ausdrücklich, dass sie möglicherweise Gewalt angewendet haben, um ihre politischen Ziele zu verfolgen. „Jede Art des Kampfes war in den siebziger Jahren gerechtfertigt. Wenn ein Unterdrückungsstaat Terror anwendet, um ein Wirtschaftsprogramm durchzusetzen, das wenige bereichert, dann ist jede Methode des Kampfes erlaubt“, doziert Victoria Donda. „Ich fühle mich verantwortlich, den Kampf fortzusetzen, den sie begonnen haben.“
Hinter den Wortschablonen, mit deren Hilfe Victoria Donda ihre politischen Thesen formuliert, scheint es indes noch immer zu brodeln und zu gären. Die erste Begegnung mit ihrer Großmutter, die in Kanada lebt, hat sie aufgewühlt. Von ihr hat Victoria Donda erfahren, dass ihre Eltern zwei sehr gegensätzliche Charaktere gewesen sein müssen. Die Mutter war ungestüm und umtriebig, „wie ich es bin, bei mir muss alles schnell gehen“. Der Vater war eher nachdenklich, schweigsam, beobachtend. „Die Identität des Einzelnen muss jeden Tag aufs Neue erarbeitet werden“, sagt sie über ihre Suche nach sich selbst.
In gutem Glauben adoptiert
Für die meisten der wieder aufgetauchten „Enkel“ ist die Organisation der „Großmütter“, die kürzlich ihr dreißigjähriges Bestehen gefeiert hat, noch immer die wichtigste Anlaufstelle. Aber auch untereinander halten sie Kontakt und stehen einander bei.
Tatiana Sfiligoy hat die Verarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen bei der Integration zweier Identitäten weitgehend hinter sich gebracht. In ihrem Fall war das in mancher Hinsicht einfacher als bei Victoria Donda, und sie hatte auch mehr Zeit dazu. Sie ist das allererste, schon 1980 von den „Großmüttern“ wiederentdeckte Kind Verschwundener. Als ihre Mutter von der Staatsgewalt entführt wurde, war Tatiana schon vier Jahre alt. Damals, als das Greifkommando anrückte, waren sie und ihre acht Monate alte Schwester einfach auf einem öffentlichen Platz zurückgelassen worden.
Die beiden Kinder wurden nach mancherlei Wirrungen als namenlose Findlinge von einem Ehepaar adoptiert. Die Französischlehrerin und der Brückenbauingenieur, die kinderlos geblieben waren, zogen die Mädchen in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Tatiana wusste ihren Namen und konnte ihn auch behalten. Ihre Schwester wurde Mara genannt. Beide erhielten den Nachnamen der Adoptiveltern, Sfiligoy. „Es war sehr seltsam, da begann ein ganz neues Leben“, sagt Tatiana Sfiligoy über die Zeit, als Licht in die „irreguläre“ Situation kam, in der sie aufwuchs. Ihre Pflegeeltern beschönigten und verbargen nichts, sie wussten aber auch nichts über die wahre Herkunft der beiden Kinder und hatten sie angeblich in gutem Glauben adoptiert.
Erschrocken über die Vergangenheit der Eltern
Erst mit 18 Jahren fühlte sich Tatiana Sfiligoy stark genug, sich selbst auf die Suche nach Vater und Mutter zu machen und deren Lebensgeschichten zu erkunden. Dabei kam ihr der Zufall zuhilfe. In einer Zeitung entdeckte sie eine Anzeige mit einer Liste von 26 in der Diktatur „verschwundenen“ Schauspielern. Dort standen die Namen ihrer Eltern: Oscar Ruarte und Mirta Britos. Bei der Vereinigung der Schauspieler erfuhr sie, dass ihre Eltern tatsächlich Theaterleute waren, hauptsächlich in Córdoba gelebt hatten und in einem Elendsviertel am Stadtrand ein Kulturzentrum aufbauen wollten.
Tatiana Sfiligoy reiste nach Córdoba. Aus den Begegnungen mit Personen, die ihren Vater und ihre Mutter gekannt hatten, entstand bei ihr das Bild eines jungen, enthusiastischen Paares, das die Lebensverhältnisse der verarmten Bevölkerung verbessern wollte. Als sie aber erfahren habe, dass sich ihre Eltern für den bewaffneten Kampf entschieden hatten, sei sie doch erschrocken, sagt Tatjana Sfiligoy. Beide waren Mitglied im „Revolutionären Volksheer“ (ERP), dem militärischen Arm der Kommunistischen Partei, und lebten zuletzt im Untergrund. „Sie waren völlig von dem überzeugt, was sie taten“, sagt Tatiana Sfiligoy, „sie hatten ihre Prinzipien und glaubten, dass sie die Verhältnisse tatsächlich würden ändern können und dass der entscheidende Augenblick nahe sei.“
Mit der Identität arrangiert
Oscar Ruarte, Tatianas Vater, war 1977 schon einige Wochen vor ihrer Mutter in Córdoba von einem Greifkommando entführt worden und ist seitdem verschollen. Zur Zeit der Festnahme hatten ihre Eltern schon getrennt gelebt. Tatiana hat sich entschlossen, den Familiennamen ihrer Adoptiveltern beizubehalten. Sie hat inzwischen selbst zwei Töchter und lebt zusammen mit ihrem Mann, einem Fotografen, ein ganz normales bürgerliches Leben. Sie hat Psychologie studiert und zeitweise bei den „Großmüttern“ Altersgenossen beraten, die dort anrufen, weil sie Zweifel an ihrer Herkunft haben.
Victoria Donda und Tatiana Sfiligoy haben sich, jede auf ihre Art, mit ihrer Identität arrangiert. Was ihnen fehlt ist aber nach wie vor das Entscheidende: das Wissen um den Verbleib ihrer Eltern. Beide haben den argentinischen Gerichtsmedizinern, die sterbliche Überreste möglicher Mordopfer des Staatsterrors untersuchen, eine Blutprobe für Gentests überlassen. Sollten Gebeine ihrer Eltern gefunden werden, wird man sie unterrichten. Tatiana hat immerhin eine Hoffnung. Sie glaubt, dass ihre Mutter auf das Militärgelände „Campo de Mayo“ im Großraum Buenos Aires verschleppt worden sein könnte. „Auf diesem riesigen Areal könnte noch eine große Zahl von Toten unter dem Rasen liegen.“
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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