31.07.2010 · Die argentinischen Gerichtsanthropologen sind Pioniere in der Bergung und Identifizierung von Opfern aus den Massengräbern des Staatsterrors. Ihre Aufklärungsarbeit ermöglicht es den Verwandten und Freunden der während der Diktatur Verschwundenen, die Suche endlich abzuschließen.
Von Josef Oehrlein, Buenos Aires„Die Person hat einen Sturz aus sehr großer Höhe nicht überlebt“, sagt der Anthropologe Luis Fondebrider, während er zusammen mit einer Kollegin einen menschlichen Schädel gründlich untersucht. Auf der mit einem schwarzen Tuch ausgeschlagenen Bahre liegt ein nahezu vollständiges Skelett. Der Schädel besteht aus mehreren Bruchstücken. Ein Teil scheint zu fehlen. Auch die Fußknochen sind nicht ganz komplett. Die sterblichen Überreste eines jungen Mannes stammen aus der Provinz Santiago del Estero. Dort hat man sie auf einem Friedhof aus einem Namenlosengrab exhumiert. Nun warten die Gebeine im Labor der „Arbeitsgruppe der argentinischen Gerichtsanthropologen“, der EAAF, in Buenos Aires darauf, einem Menschen zugeordnet zu werden.
Im Labor des Instituts bestimmen die Wissenschaftler das „biologische Profil“ des Toten, sein Geschlecht, das Alter, die Statur. An den Knochen suchen sie nach anatomischen Besonderheiten und nach Spuren, die Krankheiten noch zu Lebzeiten, „ante mortem“, hinterlassen haben. Sie tragen alle Elemente zusammen, die bei der Identifizierung des namenlosen Toten hilfreich sein könnten. Dazu rekonstruieren sie vor allem die Struktur des Gebisses. Schließlich versuchen sie die Todesursache zu ermitteln. In vielen Fällen geben Schussverletzungen an den Knochen oder gar Reste von Projektilen eindeutige Auskunft.
Fachleute aus Anthropologie, Archäologie, Medizin und Genetik
Bei dem Skelett aus Santiago del Estero handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um jenen jungen Mann „mit dunklem Teint“, dessen Leiche 1975 von einem Polizisten in der Nähe des Dorfes Pozo Hondo in der Provinz Santiago entdeckt wurde. Damals, Monate vor dem Staatsstreich vom 24. März 1976, war die Unterdrückung aufständischer Gruppierungen in Argentinien schon voll in Gang. Der Körper war, wie der Polizist berichtete, aus einem Militärhubschrauber abgeworfen worden. Erst ein Jahr später wurde er geborgen und auf dem Friedhof des Dorfes als namenloser Toter begraben. Doch bis heute weiß niemand, wie der junge Mann hieß, woher er stammte und welches Schicksal er vor seinem gewaltsamen Tod erlitten hat.
Luis Fondebrider greift nach einem Oberschenkelknochen, aus dem ein etwa vier Zentimeter langes Stück herausgesägt worden ist. Zusammen mit einem Zahn wurde die Knochenprobe nach Córdoba geschickt. Dort befindet sich das gentechnische Labor. Seit 1991 ist die Genanalyse zum wichtigsten und präzisesten Hilfsmittel geworden, um die sterblichen Überreste in der Diktatur getöteter und als „verschwunden“ geltender Personen zu identifizieren. Die Proben von den Gebeinen werden mit den Genmustern der Familienmitglieder von Opfern abgeglichen, die bei der EAAF hinterlegt sind. Inzwischen ist aus den Blutproben und aus den Auskünften der Angehörigen über ihre vermissten Verwandten eine umfangreiche Datenbank entstanden.
Die Arbeitsgruppe ist ein interdisziplinärer Zusammenschluss von 50 Fachleuten aus Anthropologie, Archäologie, Medizin und Genetik. Vor 27 Jahren, kurz nach der Rückkehr Argentiniens zur Demokratie, haben sie sich zusammengefunden. Die Justiz, die damals die Juntamitglieder wegen der Menschenrechtsverletzungen und anderer in der Diktatur begangener Verbrechen zur Rechenschaft zog, ordnete in großem Umfang die Exhumierung von Opfern des Staatsterrors an.
Initiative der „Mütter der Plaza de Mayo“
Mit völlig unzulänglichen Methoden wurde zunächst versucht, die sterblichen Überreste zu bergen und zu identifizieren. Manche Massengräber wurden mit Bulldozern ausgehoben; dabei gerieten die Gebeine verschiedener Toter durcheinander oder wurden zusammen mit anderen Beweismitteln zerstört. Die traditionelle Gerichtsmedizin war überfordert, außerdem galt sie als wenig vertrauenswürdig, weil sie Teil des diktatorischen Systems war.
Der renommierte amerikanische Gerichtsanthropologe Clyde Snow begann auf Initiative der „Mütter der Plaza de Mayo“, die Gruppe der argentinischen Forensiker eingehend zu schulen, die systematisch, mit wissenschaftlicher Sorgfalt und nach neuesten Methoden die Opfer bergen und identifizieren wollten. Er war auch bei der Gründung der EAAF behilflich. Sie nahm 1985 ihre Arbeit auf. Die Institution verstand sich von Anfang an als völlig unabhängig, und das ist sie bis heute geblieben. Immer wenn Hinweise auf Massen- oder Einzelgräber namenloser Opfer der Diktatur auftauchen, betrauen die Richter die EAAF und nicht die staatliche Gerichtsmedizin mit den Exhumierungen und der Identifizierung. Zahlreiche internationale Organisationen, darunter das deutsche Diakonische Werk und Misereor, finanzieren die Arbeitsgruppe. Erst seit 2003 leistet auch die argentinische Regierung ihren Beitrag. Die finanzielle Unterstützung aus dem In- und Ausland garantiert, dass für die Familien der Opfer die Identifizierung ihrer Angehörigen kostenlos ist.
Bisher in 350 Fällen Familien Gewissheit vermittelt
„Politische Gewalt ist etwas anderes als gewöhnliche Kriminalität“, sagt Luis Fondebrider. „Der Staat ist der Täter. Obwohl er eigentlich ihre Rechte verteidigen soll, bringt er seine Bürger um. Fast immer sind es massive Morde. Es geht um Hunderte, um Tausende Personen, nicht um einen Einzelnen.“ In Argentinien fielen dem Staatsterror schätzungsweise mehr als 9000 Menschen zum Opfer. Nach Aufhebung der „Gehorsamspflicht“- und „Schlusspunkt“-Gesetze und nach der Amnestie für verurteilte Juntamitglieder ist seit 2003 unter den Regierungen von Néstor Kirchner und seiner Gattin Cristina eine neue Prozesswelle in Gang gekommen. Der frühere Diktator Rafael Videla sitzt zusammen mit vielen seiner einstigen Handlanger wieder auf der Anklagebank. Einsicht oder Reue haben die Täter bisher nicht gezeigt. Sie hätten eine „marxistisch-leninistische Aggression“ abgewehrt, versuchen sie den Staatsterror zu rechtfertigen.
Videla hat kürzlich nonchalant die „volle Verantwortung“ für die Unterdrückung übernommen. Und der damalige militärische Oberbefehlshaber für die Provinz Córdoba, der soeben zum vierten Mal zu lebenslänglicher Haft verurteilte frühere General Luciano Benjamín Menéndez, sieht sich und seinesgleichen in der Opferrolle. Hinter den Urteilen steckten die einstigen Guerrilleros, die inzwischen in Regierungsämter gelangt seien, argumentierte er und behauptete sogar, dass sich Argentinien nach wie vor im Krieg befinde. Seinerzeit hatte er innerhalb der Streitkräfte einen Aufstand angezettelt, weil Videla ihm zu nachgiebig gegenüber der Guerrilla erschien.
Die Fachleute der EAAF sind Pioniere in der Bergung und Identifizierung von Opfern der Gewaltherrschaft. Mittlerweile ist ihr Rat überall dort gefragt, wo Menschen dem Terror des Staates oder aufständischer Organisationen zum Opfer gefallen sind. Die Arbeitsgruppe hat Ortskräfte in 40 Ländern ausgebildet und beraten, in lateinamerikanischen Ländern wie Mexiko, Guatemala, Kolumbien und Peru, in Afrika, Asien oder auf dem Balkan. In Argentinien haben sie bisher in 350 Fällen Familien nach der Identifizierung von Gebeinen die Gewissheit vermittelt, dass es sich um ihre seit der Diktatur vermissten Angehörigen handelt. Die sterblichen Überreste von 800 Personen warten noch darauf, zu ihrem Namen zu finden.
Sie wollen zumindest Gerechtigkeit
Manchmal dauert es wenige Monate, meist etliche Jahre, bis ein Opfer identifiziert ist. Jedes positive Ergebnis wird der Justiz übermittelt. Diese informiert die Familie. Darauf werden die sterblichen Überreste den Angehörigen übergeben. Es bleibt ihnen überlassen, wann und wo sie ihren Vater oder ihre Mutter, ihren Sohn oder ihre Tochter, ihren Bruder oder ihre Schwester zur letzten Ruhe betten. Die Suche nach dem aus ihrer Mitte gerissenen und jahrzehntelang verschollenen Mitglied der Familie ist ein traumatischer Prozess. „Für die Angehörigen ist es immer die gleiche Erfahrung“, sagt Luis Fondebrider. „Verzweiflung, Angst, Ungewissheit, das Fehlen von Antworten. Sie wollen zumindest Gerechtigkeit, vielleicht auch Entschädigung. Fast keiner spricht über Aussöhnung. Sie ist nicht in fünf, zehn oder 15 Jahren zu erreichen. Das dauert Generationen.“
Aus dem Versammlungsraum der EAAF dringt Stimmengewirr. Die Witwe von Rodolfo Ortiz, dem einstigen Generalsekretär der „Guevaristischen Jugend“, der am 29. März 1976 verschwunden ist, hat Familienangehörige, Verwandte, Freunde und ehemalige Kampfgefährten versammelt, um die Identifizierung der sterblichen Überreste ihres Mannes bekanntzugeben. Schon vor mehr als drei Jahren haben die Fachleute der EAAF die aus einem Namenlosengrab in Avellaneda, einer Vorstadt von Buenos Aires, stammenden Gebeine zweifelsfrei Rodolfo Ortiz zugeordnet. Doch erst jetzt hat sich Viviana Losada de Ortiz dazu durchgerungen, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Leichen in anonymen Gräbern beigesetzt
Sie hat versucht, akribisch zu erkunden, was mit ihrem Mann geschehen ist, seit er an jenem Märztag 1976 an einem geheimen Treffen des Zentralkomitees der „Revolutionären Arbeiterpartei“ auf einem Landgut teilgenommen hatte. Polizei und Militär hatten damals die Sitzung gesprengt. Mehrere Teilnehmer konnten fliehen. Rodolfo Ortiz wurde zusammen mit zwölf Gefährten festgenommen, einige sind vermutlich an Ort und Stelle getötet worden. Entgegen den Behauptungen von Polizei und Militär war kein Mitglied der Sicherheitskräfte zu Schaden gekommen. Ortiz wurde in das geheime Festnahmezentrum „El Vesubio“ (Der Vesuv) gebracht und dort wahrscheinlich gefoltert. Sein Leichnam wurde eineinhalb Monate später zusammen mit zwei weiblichen Leichen in dem Ort Bernal aufgefunden. Die Polizei hatte damals Ortiz' Identität festgestellt, die Leiche jedoch zusammen mit den beiden Frauen als namenlose Tote in Avellaneda vergraben lassen. „Jetzt ist er endlich bei uns und hat den Frieden, den er verdient“, sagt Ortiz' Tochter, die zum Zeitpunkt seines Todes noch ein Kleinkind war, bei dem Beisammensein der Verwandten und Freunde. Es wird auf eigentümliche Weise zum Ersatz für die eigentliche Totenfeier.
Als 2003 auf dem Friedhof eines Städtchens nahe dem Badeort Mar del Tuyú an der Atlantikküste Gräber von namenlosen Toten entdeckt wurden, identifizierten die Fachleute der EAAF die Skelette von fünf Frauen, unter ihnen die sterblichen Überreste von Azucena Villaflor, einer der Initiatorinnen der „Mütter der Plaza de Mayo“, die auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern regelmäßig auf dem benannten Platz protestierten, und von Léonie Duquet, einer von zwei bis dahin als verschwunden geltenden französischen Nonnen. Die Frauen und drei weitere Opfer gehörten zu einer Gruppe von Personen, die zwischen dem 8. und 10. Dezember 1977 entführt und in die „Esma“ gebracht worden waren, das größte Folterzentrum der Diktatur, in dem allein schätzungsweise 5000 Personen verschwanden. Am 20. Dezember desselben Jahres wurden bei starkem Wind die Körper an die Küste geschwemmt. Die Frauen waren ganz offensichtlich bei den „Todesflügen“ wie viele ihrer Leidensgenossen lebend, allenfalls betäubt, über dem Atlantik abgeworfen worden. Die Leichen wurden ohne nähere Untersuchungen in den anonymen Gräbern beigesetzt.
Auch das Schicksal eines deutschen Opfers aufgeklärt
Die EAAF hat auch das Schicksal eines deutschen Opfers des argentinischen Staatsterrors aufgeklärt. Der damals 20 Jahre alte Rolf Stawowiok war am 21. Februar 1978 verschwunden, als er die Fabrik verließ, in der er als Chemiker arbeitete. Er gehörte einer studentischen Gruppierung an, die der Guerrilla der „Montoneros“ nahestand. Sein Vater, der für den argentinischen Rüstungskonzern „Fabricaciones Militares“ tätig war, hat über den Verbleib seines Sohnes trotz intensiver Nachforschungen nie etwas erfahren. Die deutsche Justiz, die wegen der in der Diktatur entführten, gefolterten und getöteten Deutschen die Auslieferung des früheren Diktators Videla und anderer Machthaber erwirken wollte, stellte das Verfahren vorübergehend ein, weil der Leichnam von Rolf Stawowiok nicht auftauchte und deshalb nicht nachgewiesen werden konnte, dass er wirklich ermordet worden war.
Im August 2004 hat die EAAF in dem Ort Lomas de Zamora aus dem Grab Nummer 110 im Sektor 31 K die Gebeine von fünf unbekannten Personen, drei Männern und zwei Frauen, geborgen. Als die Genproben der Skelette mit den Genmustern von Angehörigen verglichen wurden, stellte sich heraus, dass es sich bei einer der drei männlichen Personen um Rolf Stawowiok handelte. Sein Vater, der mittlerweile sehr alte Desiderius Stawowiok, hatte bei einem seiner Besuche in Buenos Aires der Arbeitsgruppe eine Blutprobe hinterlassen. Überdies trafen die Merkmale des Skeletts auf die Beschreibung der Person des Deutschen zu, wie sie im Archiv der EAAF hinterlegt war.
Rolf Stawowiok ist vor seiner Ermordung vermutlich im „Vesubio“ festgehalten und gefoltert worden, wie Rodolfo Ortiz und wie die weiblichen Toten, die mit ihm zusammen in Lomas de Zamora begraben worden waren. Bei einer der identifizierten Frauen handelt es sich um die damals gerade 18 Jahre alte Alicia Margarita Guerrero Moncayo. Mit einer Todesanzeige in einer argentinischen Zeitung hat die Familie der am 24. Februar 1978 Verschwundenen kürzlich die Fachleute der EAAF für deren „wissenschaftliche und humanitäre Tätigkeit“ auf anrührende Weise geehrt. Auf dem Foto ist eine hübsche, lebensfroh lachende junge Frau zu sehen. „Dass man dich aus der Einsamkeit, der Anonymität der vergangenen 32 Jahre gerettet hat, ermöglicht es uns, dich zu bestatten und dich wiederzufinden, wir, die wir dich lieben und die wir dich noch immer vor uns sehen. Heute und für immer bist du uns nah. Deine Schwester Laura, dein Bruder Eduardo, dein Vater, die Familienangehörigen und deine Freunde.“
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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