12.11.2004 · Auf der Trauerfeier für Arafat in Kairo herrscht eine eigentümliche Leere. Die Sicherheitsvorkehrungen waren außergewöhnlich streng. Keine Rede wurde gehalten, es gab keine Zeremonie.
Von Rainer Hermann, IstanbulArafats Sarg stand unmittelbar vor dem Mihrab, der Gebetsnische, die in Richtung Mekka zeigt. In den vergangenen Tagen waren die Kronleuchter und die Teppiche der Moschee, die nach dem saudischen König Faisal benannt ist, noch erneuert worden.
Gehüllt war der Sarg in die palästinensische Flagge. Punkt zehn Uhr stimmte Muhammad Sayyid Tantawi, der Großscheich al Azhar, zum kurzen Totengebet an. Er forderte die hinter ihm aufgereihten offiziellen Gäste auf, für Arafats Seele zu beten, und er empfahl den Verstorbenen Gottes Gnade. Tantawi sagte, Arafat habe seinem Volk sein ganzes Leben gedient, bis er nun vor Gott getreten sei.
Gespenstische Leere
Nur wenige Minuten dauerte das Gebet in der Moschee nahe dem Flughafen, in die ein Hubschrauber am Morgen den Sarg Arafats aus dem Militärkrankenhaus al Galaa gebracht hatte, wo er die Nacht über aufgebahrt war. Dann trugen acht dunkelgekleidete Zivilisten den Sarg aus der Moschee, draußen übernahmen acht Soldaten der Ehrengarde in Paradeuniform. Ein Konvoi setzte sich in Bewegung, lautlos und ohne Geräusche, aber in einer würdevollen Prozession. Pferde zogen den offenen Leichenwagen die von Palmen gesäumte Allee entlang. Nur wenigen gelang es aber, in die Nähe des Konvois zu kommen. Die Szenerie wirkte gespenstisch leer.
Denn die großen Straßen im Norden von Kairo um den Flughafen und den Militärkomplex al Galaa waren völlig gesperrt, ebenso die Allee, die sie verbindet. Abgeriegelt waren aber auch die angrenzenden kleineren Straßen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren außergewöhnlich streng. Auf Häusern nahmen Scharfschützen Stellung. Die ägyptischen Sicherheitskräfte wollten kein Risiko eingehen. Auch am zentralen Tahrir-Platz war die Polizeidichte größer als sonst. Denn der Tod Arafats hatte auch in Ägypten, wo ihn nicht wenige wegen seiner mangelnden Flexibilität kritisiert hatten, Emotionen freigesetzt. Da die Trauerfeier aber hermetisch abgeschirmt stattfand, verfolgten sie die Ägypter vor dem Fernsehgerät.
Ägypten bietet alle militärischen Ehren
Dort hatten sie gesehen, wie am späten Donnerstagabend, es war eine Stunde vor Mitternacht, der Sarg auf dem Flughafen von Kairo eingetroffen war. Ägypten, das mit der Ausrichtung der Trauerfeier seine führende Stellung in der arabischen Welt, aber auch die Nähe zu Arafat demonstrieren wollte, bot für den Toten alle militärischen Ehren auf. Die Regierung verkündete drei Tage Staatstrauer. Mit der Trauerfeier in Kairo wollte Ägypten auch ermöglichen, daß arabische Politiker, die nicht nach Ramallah fliegen können oder wollen, Abschied von Arafat nehmen können.
Präsidentengattin Suzan Mubarak kam zum Flughafen, um Arafats Witwe Suha und den Sarg zu empfangen. Eine Militärkapelle spielte Trauermusik, und die beiden Frauen lagen sich lange in den Armen. Schulter an Schulter standen sie, als der Sarg an ihnen vorbeigetragen wurde. Acht Soldaten hoben ihn auf einen Leichenwagen, der den Sarg in das vier Kilometer entfernte Militärkrankenhaus al Galaa brachte, wo er die Nacht über aufgebahrt wurde.
Es gab keine Zeremonie
Der Militärkomplex al Galaa liegt in Heliopolis, einem der vornehmsten Stadtteile Ägyptens. Er beherbergt Kriegsakademien und das große Krankenhaus, Freizeiteinrichtungen für die Offiziere und Pensionärswohnungen, aber auch die Residenz von Mubarak sowie, hinter hohen Mauern, eben den wichtigsten Offiziersklub Ägyptens, al Galaa. Der Name erinnert an den Rückzug Großbritanniens 1953 aus Ägypten.
In einem großen, mit rotem Tuch bespannten Zelt begrüßte Staatspräsident Mubarak am Freitag die Gäste aus aller Welt. Als sich der Leichenwagen dem Militärkomplex näherte, schlossen sich die Staatsgäste aus mehr als 50 Ländern dem Zug an, und sie schritten zu den Klängen einer Militärkapelle feierlich zur nahe gelegenen Militärbasis al Maza. Der Teppich führte über Hunderte von Metern auf das Flugzeug zu, gerade auf die offene Klappe des ägyptischen Militärflugzeugs. Keine Rede wurde gehalten, es gab keine Zeremonie. Nur die Trauermusik der Militärkapelle war zu hören, als Arafats Sarg über das Rollfeld des Flughafens getragen wurde. Auf der einen Seite des roten Teppichs salutierte die ägyptische Ehrengarde, auf der anderen reihten sich die Staatsgäste auf, um Arafat die letzte Ehre zu erweisen. Als sich die Klappen des Flugzeugs schlossen, erscholl der Ruf des Muezzins zum Freitagsgebet. Noch bevor das Flugzeug abhob, fuhren die schwarzen Protokollwagen vor und nahmen die Gäste mit. Während Mubarak und andere muslimische Staatsgäste am letzten Freitagsgebet im Fastenmonat Ramadan teilnahmen, hob das Flugzeug ab, und Arafat verließ zum letzten Mal Kairo, wo er wahrscheinlich 1929 geboren worden war. Der Flug nach Arisch dauerte 75 Minuten. Dort warteten Hubschrauber auf ihn, die die letzte Etappe nach Ramallah zurücklegten.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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