12.11.2004 · Laute Trauer, Chaos und Tumulte haben die Beisetzung des verstorbenen palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat begleitet. F.A.Z. -Korrespondent Jörg Bremer berichtet aus Ramallah.
Von Jörg Bremer, RamallahEigentlich hat die Führung der Autonomiebehörde das Schießen verboten. Doch die Halbstarken lassen es knallen. Eigentlich sollte der Innenhof im halbzerstörten Hauptquartier des verstorbenen PLO-Chefs Arafat nur für besonders wichtige Gäste geöffnet werden.
Doch schnell brechen sich die Massen durch die knapp geöffneten Tore und überfüllen den Platz. Für die offiziellen Trauergäste gibt es da keinen Schutz mehr. Der päpstliche Nuntius quetscht sich im violetten Ornat des Erzbischofs durch die Massen. Wo soll da eigentlich noch Platz für den Sarg von Arafat bleiben?
Laute Trauer
Ramallah ist an diesem letzten Freitag im Ramadan eine schlafende Stadt; es ist Feiertag. Nun haben auch die Geschäfte geschlossen wegen des Todes Arafats, die Märkte sind verrammelt. Die Trauer ist nur laut in Arafats halbzerstörtem Hauptquartier zu hören, wo die jungen Leute an den zerstörten Wänden hochgeklettert sind, um den Himmel nach Hubschraubern abzusuchen.
Bei jedem Flugzeug - und sei es auch ein israelisches - klatschen sie Beifall. Niemand weiß Bescheid. Nur daß Arafat irgendwann aus Kairo eingeflogen werden soll, ist sicher. In Kairo hieß es, eine militärische Trauerfeier wäre ganz nach Arafats Geschmack, mit Pferdewagen und Marschmusik, Ehrengarde und Flaggengruß. Darauf muß Arafat in seiner Heimat Ramallah verzichten.
„Chaos bis zum Sieg“ ....
.....heißt ein palästinensisches Motto, und danach verläuft auch diese Beerdigung. Wohl gibt es einen Fanfarenzug palästinensischer Pfadfinder, der sich gerade noch den Weg zwischen den Massen bahnen kann. Im übrigen aber ist nichts geordnet. „Unsere Köpfe sind leer“, sagt eine Frau. „Ich weiß auch nicht, was ich denken soll.“ Die Frauen stehen am Rand im Schatten: „Ich bin gekommen, weil ich weiß, es geschieht etwas Wichtiges, was auch für mich Bedeutung hat, aber was wird dieser Tag uns bringen?“ Ein Jugendlicher mit schwarzer Fahne und der schwarz-weißen Keffije um den Hals sagt: „Unser aller Vater ist tot. Nun kann nur Allah helfen.“
Aber zu was hat es dieser Arafat für seine Nation gebracht? Schon die Reise von Jerusalem nach Ramallah ist Mühsal; führt an verschiedenen israelischen Kontrollpunkten vorbei, an Zäunen und Mauern, die seit einigen Monaten das Gebiet zwischen Jerusalem und Ramallah zerschneiden.
Die besetzten Gebiete sind nicht nur abgeriegelt; die Palästinenser sind nach Beginn des Friedensprozesses vor 10 Jahren ärmer und hoffnungsloser geworden: „Mich treiben gespaltene Gefühle um“, sagt eine Universitätsdozentin. „Dies ist ein Epochenwechsel, und so schlecht auch das Vergangene für uns Palästinenser war, mir ist bange um die Zukunft.“ Ihr Nachbar ergänzt: „Die meisten trauern hier gar nicht um Arafat; sie trauern um die verlorenene Chancen dieser Nation, um ihre eigene Misere und die letzten 40 Jahre ohne Zukunft.“
„Jassir, Jassir!“
Dieser Satz löst eine Debatte aus: „Ist es nun an der Zeit, offen Demokratie zu fordern und die Wahrheit zu sagen?“ meint ein älterer Herr. Die Dozentin erwidert, es gehe vor allem darum, die neue PLO-Führung zu stärken. „PLO-Chef Abbas und sein Ministerpräsident Qurei brauchen jede Hilfe“, sagt sie. Doch ihr Nachbar findet, man müsse keine Furcht vor dem neuen Fatah-Führer Qadumi haben, der als Oslo-Gegner stets im Exil geblieben war und offenbar lieber den Konflikt fortsetzen will. Es sei geschickt, diesen alten Arafat-Getreuen zum Fatah-Chef zu machen. Da müsse er scheitern; denn Fatah sei in einer schweren Krise, zerfallen in viele Flügel, und darum habe nun die PLO das Wort.
Plötzlich sagt niemand mehr ein Wort. Zwei Hubschrauber werden am Horizont entdeckt, und schon skandieren die Massen: „Allah, Allah, niemand ist größer als Gott.“ So jedenfalls klingt es von der einen Seite, allmählich lauter werden dann die Jugendlichen gegenüber. Sie rufen: „Jassir, Jassir!“
Und während der eine der beiden Hubschrauber mit dem Sarg sich mitten in der Masse zu setzen versucht, so daß den Menschen der Sand in das Gesicht fliegt, erhebt sich aus allen Ecken ein Feuer aus Pistolen und Kalaschnikows, so daß Patronenhülsen umherfliegen und ein schwerer Geruch von Pulver und Rauch die würdigen Herren aus Kairo empfängt, die vor dem Sarg Arafats aus dem Hubschrauber steigen wollen. Der Mann neben dem Reporter sagt unaufgefordert: „Es ist eine unangenehme Eigenschaft von uns, daß wir immer schießen müssen.“
„Onkel Ahmed schießt für Arafat“
An seinem Kettchen um den Hals erkennt man ihn als Christ, der sich für die Schützen entschuldigen will. Dagegen findet ein anderer: „Schüsse gehören zu einer Beerdigung!“ Dabei stellt sich heraus, daß nun auch Uniformierte schießen, während es bisher nur die jungen Chaoten waren. Diese Jugendlichen tragen meist schwarz und die Keffije um den Hals. Gleichaltrige schauen dann zu ihnen auf und möchten auch gerne einmal eine Waffe haben.
Und so sagt tatsächlich ein Junge seinem Vater: „Guck mal, Onkel Ahmed schießt für Arafat“, und der Vater brummt: „Hätte Arafat ihm Arbeit gegeben, so bräuchte er nicht zu schießen.“ Und dann wird der Sarg auf einen offenen Jeep gehoben. Polizisten setzen sich auf die hintere Ladeklappe, aber auch auf den Sarg selbst, so daß die palästinesische Fahne verrutscht und man für einige Minuten das rote Holz des Sargs erkennen kann. Der Wagen kann sich kaum in Bewegung setzen und den Weg durch die Massen bahnen.
Schlichtes Grab
Die auf dem Sarg klammern sich daran fest, als wollten sich noch einmal Sicherheit bei Arafat holen. Irgenwo wird aus dem Koran gsungen; aber die Schüsse sind lauter. Als plötzlich der Jeep mit dem Sarg eine unvermutete Kurve macht, erinnert jemand daran, daß auch der Sarg des ägyptischen Präsidenten Saddat einst für Stunden verschwunden war. Dann fährt der Wagen mit Arafats Leichnam in das Hauptquartier ein und zur Moschee. Gegen die Planung wird der Sarg nicht vor der Moschee abgeladen.
Der Jeep kehrt vielmehr um und schiebt sich aus dem Hauptquartier Arafats wieder heraus. Die Stühle leeren sich rasch, aber zu der eigentlichen Beerdigungstelle schafft es niemand. Das Grab liegt draußen nicht weit von der Stelle entfernt, wo gerade noch der Hubschrauber stand: ein Loch, eine Umrandung aus Marmor und einige frisch gepflanzte Olivenbäume. Dort vergießt ein Mönch aus Betlehem eine Träne: „Wie wird es nun uns Christen gehen? Arafat hat unsere Minderheit immer geschützt“, schluchzt er. Auf dem Grab liegt längst Erde. Blumen und Kränze machen aus dem tristen Fleck einen bunten Hügel.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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