Frank Chikane staunte nicht schlecht, als Adriaan Vlok ihm eine Bibel in die Hand drückte, ihn um Vergebung bat und sich anschließend anschickte, dem Generalsekretär des südafrikanischen Präsidialamtes die Füße zu waschen. Schließlich war der Weiße Vlok in den achtziger Jahren „Minister für Recht und Ordnung“ der Apartheidregierung in Südafrika gewesen und hatte in dieser Funktion 1989 versucht, den prominenten schwarzen Kirchenmann Chikane mit in Gift getränkter Unterwäsche zu ermorden.
Chikane, der den Anschlag vor beinahe 20 Jahren nur knapp überlebte, ließ den mit Waschschüssel und Handtüchern angereisten Vlok gewähren. Seitdem, das heißt: seit dem vergangenen Jahr, predigt der ehemalige Minister regelmäßig in Chikanes Kirche in Soweto. „Ich habe ihm verziehen“, sagt Chikane.
Oberflächlich verheilte Wunden
An diesem Freitag muss sich Vlok zusammen mit dem ehemaligen Chef der Sicherheitspolizei, Johann van der Merwe, sowie drei weiteren ehemaligen Polizisten vor einem Gericht in Pretoria wegen des versuchten Mordes an Frank Chikane verantworten. Zwar hatten sowohl Vlok als auch van der Merwe in den neunziger Jahren freiwillig vor der Wahrheits- und Versöhnungskonferenz ausgesagt und waren dafür mit einer Amnestie für die begangenen Menschenrechtsverletzungen entschädigt worden. Doch damals war nur die Rede gewesen von dem staatlich organisierten Bombenanschlag 1988 auf das Hauptquartier der Kirchenvereinigung in Johannesburg, der Chikane vorstand. Dass die beiden ein Jahr später einen Plan ausgeheckt hatten, um Chikane zu töten, war vor der Kommission nicht zur Sprache gekommen - und folglich strafrechtlich auch nicht zu den Akten gelegt worden.
Der Prozess gegen Vlok scheint indes geeignet, die alten, nur oberflächlich verheilten Wunden, die sich Weiße und Schwarze gegenseitig zugefügt haben, wieder aufzureißen. „Dann klagt mich doch ebenfalls an“, zürnte der Friedensnobelpreisträger Frederik de Klerk, als letzter weißer Präsident derjenige, der die Apartheid beendete und Nelson Mandela aus dem Gefängnis entließ. Die südafrikanische Boulevardpresse ließ die Chance natürlich nicht ungenutzt und holte einen wegen Mordes verurteilten ehemaligen Polizisten aus der Vergessenheit hervor. Der Mann bezeichnete de Klerk prompt als „Killer“.
„Hexenjagd auf Weiße“
Weiße Lobbygruppen aller Richtungen laufen derzeit Sturm gegen den Vlok-Prozess, den sie eine „Hexenjagd auf Weiße“ nennen. Ihre Forderung geht dahin, die Führer der ehemaligen Kampfgruppen des ANC ebenfalls vor Gericht zu stellen. Als Kronzeuge gilt ihnen dabei Dirk Van Eck, ein Farmer, der bei einem nachweislich vom ANC verübten Bombenanschlag 1985 seine Frau und zwei seiner drei Kinder verlor. Die Bemühungen, einen Freiheitskampf strafrechtlich mit Staatsterror gleichzusetzen, ernten mehrheitlich Kopfschütteln.
Dass nun ausgerechnet Vlok vor Gericht steht, der als einziger Politiker der damaligen Zeit seine Taten aufrichtig bereut hat, ist ohnehin eine Ironie des Schicksals. Die meisten seiner Kollegen hatten sich bei der Wahrheits- und Versöhnungskonferenz ihren Persilschein abgeholt und die ganz groben Verbrechen ihrer Untergebenen als deren „persönliche Initiative“ darzustellen versucht. Davon abgesehen, scheint allen Presseberichten über den Prozess zum Trotz außerhalb der Justiz niemand gewillt, das Apartheidfass wieder aufzumachen.
Glaubt man den großen Schlagzeilen der Zeitungen, hat das Land im Moment ganz andere Sorgen: Die Kriminalität ist unverändert hoch, Milch und Brot sind teurer geworden, und auch die Benzinpreise sind gestiegen.
