Das Leben hat es bisher meist gut gemeint mit Antonis Samaras. Materielle Not, unter der nun viele seiner Landsleute leiden, hat er jedenfalls nie kennenlernen müssen. Samaras stammt aus Verhältnissen, die man einst großbürgerlich nannte. Für ihn war selbstverständlich, was sich anderen erst nach Entbehrungen eröffnet oder ihnen gänzlich versagt bleibt: Der Studienplatz auf einer ausländischen Eliteuniversität, der Zugang zu sogenannten höchsten Kreisen der Gesellschaft, Geld. Viele der Vorfahren von Antonis Samaras spielten eine bedeutende Rolle im öffentlichen Leben Athens.
Samaras´ Urgroßmutter war die aus Alexandria stammende Schriftstellerin Penelope Delta, Tochter des in Griechenland legendären Baumwollhändlers, Industriellen, Politikers und Mäzens Emmanouil Benakis. Penelope Delta schrieb patriotische Romane und setzte ihrem Leben 1941 an dem Tag ein Ende, als die Wehrmacht in Athen einmarschierte. Samaras´ Vater war ein herausragender Kardiologe, der seinen Sohn in Harvard und am Amherst College studieren ließ.
Sein Zimmergenosse am College war Giorgos Papandreou
Dort teilte Antonis Samaras sich ein Zimmer mit Giorgos Papandreou, dem späteren griechischen Ministerpräsidenten. Im vergangenen Jahr setzte der „Boston Globe“ einen Reporter auf die Spuren der beiden berühmten Studenten. Papandreou sei „entspannt und sanftmütig“ gewesen, Samaras dagegen „konzentriert und leidenschaftlich“, ließ sich der Reporter berichten. „Er war sehr an Märkten interessiert und daran, wie sie besser funktionieren könnten“, sagte ein ehemaliger Professor von Samaras. Während Papandreou unentschlossen schien, ob er überhaupt wie sein Vater und sein Großvater eine politische Karriere einschlagen solle, habe Samaras schon in seinem zweiten Studienjahr Kabinettslisten für eine von ihm geführte griechische Regierung zusammengestellt, behauptete ein anderer.
Ob diese Anekdote Dichtung oder Wahrheit ist, lässt sich nicht beurteilen, aber sie passt gut in das Bild, das Weggefährten, Freunde und Feinde letztlich alle von Samaras zeichnen. Stets geht es dabei um einen sehr ehrgeizigen Mann, der sein Heimatland verändern, zumindest aber regieren will. Mitte der neunziger Jahre wähnte sich Samaras, geboren 1951 in Athen, schon fast am Ziel. Von 1989 bis 1992 war er Außenminister Griechenlands und einer der populärsten Politiker der Nea Dimokratia.
Im April 1992, nachdem Samaras die Schließung der griechischen Grenzen zu Mazedonien gefordert hatte, bis der kleine Balkanstaat seinen Namen ändere, wurde er als Außenminister entlassen und gründete eine eigene Partei, den extrem nationalistischen „Politischen Frühling“. Der „Frühling“ war zwischenzeitlich sehr populär, Samaras galt schon als nächster Ministerpräsident. Dann sanken die Werte für die Partei aber rasch, und die Karriere von Antonis, dem Himmelsstürmer, schien zu Ende. Es dauerte Jahre, bis er wieder zur Nea Dimokratia zurückkehren durfte. Seit 2009 ist er ihr Vorsitzender, und seit Sonntag steht ihm nun die Macht offen, nach der er sich so verzehrt hat. Was er damit anfangen wird, ist eine andere Frage.
Nun steht er kurz vor dem Ziel …
Werner Eickhoff (WernerEickhoff)
- 19.06.2012, 16:51 Uhr
