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Ante Gotovina Als Kriegsheld gefeiert, als Kriegsverbrecher gesucht

09.12.2005 ·  Vom Fremdenlegionär zum Juwelendieb zum Anführer einer skrupellosen kroatischen Militäreinheit: Die kriminelle Karriere des nun verhafteten Generals Ante Gotovina.

Von Karl-Peter Schwarz, Rijeka
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Die Nachricht von der Festnahme Ante Gotovinas auf der Kanareninsel Teneriffa mag Carla Del Ponte, die Chefanklägerin des internationalen Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, überrascht haben: Sie hatte lange Zeit angenommen, der mutmaßliche Kriegsverbrecher halte sich in Kroatien auf oder befinde sich wenigstens „in der Reichweite der kroatischen Behörden“ - wozu sie auch die vorwiegend von Kroaten bewohnten Teile Bosnien-Herzegovinas zählte. Nicht überrascht hat die Nachricht über den Ort der Verhaftung jedoch in Kroatien. Seit Jahren vertreten dort Regierung, Opposition und Medien einhellig den Standpunkt, Gotovina halte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit außerhalb des Landes versteckt.

Der ehemalige sozialdemokratische Innenminister Sime Lucin hielt Del Ponte im Februar vergangenen Jahres öffentlich vor, Informationen der kroatischen Polizei und der kroatischen Nachrichtendienste nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Del Ponte und das Haager Kriegsverbrechertribunal seien mit sehr genauen Berichten über die Ermittlungsergebnisse im Falle Gotovina versorgt worden. Unter anderem hätten die kroatischen Behörden das Tribunal und die Nachrichtendienste der befreundeten Länder darauf aufmerksam gemacht, daß Gotovina Besuche in Spanien plane. Wenn Del Ponte die kroatischen Berichte studiert hätte, sagte Lucin, hätte sie nicht behaupten könne, Gotovina verbringe neunzig Prozent seiner Zeit in Kroatien.

Als Held gefeiert

Der Verdacht Del Pontes war allerdings nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Die Chefanklägerin verfügte über zahlreiche Hinweise, daß sich Gotovina in seiner Heimat großer Unterstützung erfreute, nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von offiziellen Stellen. Der General hatte sich im Sommer 2001 abgesetzt, als bekannt wurde, daß das Kriegsverbrechertribunal gegen ihn Anklage erheben werde. Kurz danach tauchten überall im Lande Plakate auf, in denen Gotovina als Held gefeiert wurde. Die Stadt Zadar verlieh ihm im November jenes Jahers sogar die Ehrenbürgerwürde, der Bürgermeister hängte ein gerahmtes Porträt in seinem Büro auf und ein riesiges Gotovina-Bild prangte auf der alten Stadtmauer.

In ganz Kroatien bekannten sich prominente Bürger zu Gotovina und beschuldigten das Haager Tribunal, sich für ein politisches Komplott gegen den kroatischen EU-Beitritt einspannen zu lassen. In Zadar und im dalmatinischen Hinterland, das bis 1995 in der Hand serbischer Rebellen war, ist die Erinnerung an den Krieg und an die von Serben verübten Massaker noch frisch. Gotovinas Namen steht hier für die Rückeroberung der „Krajina“ im Sommer und Herbst 1995. Von den Verbrechen, die damals und danach an serbischen Zivilisten begangen wurden, will man dort nichts wissen.

Furcht vor der rechten Opposition

Als die Affäre Gotovina begann, war in Zagreb eine linke Koalitionsregierung an der Macht. Zwar hatte Staatspräsident Mesic den General gemeinsam mit weiteren elf hohen Offizieren der Ära des ersten kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman zwangspensioniert, aber die Regierung zeigte aus Furcht vor der rechten Opposition und den Veteranenverbänden wenig Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Den Haag.

Im Falle des früheren kroatischen Generalstabschefs und mutmaßlichen Kriegsverbrechers Janko Bobetko hatte die Regierung Racan die Anklageschrift erst nach montelangem Zögern zugestellt, was ihr den Vorwurf eintrug, die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal zu sabotieren. Die Affäre Bobetko endete erst, als ein Haager Ärzteteam den greisen und schwerkranken General für verhandlungsunfähig erklärte. Bobetko starb im April 2003. Seither rückte Gotovina an die dritte Stelle der Fahndungsliste des Tribunals - nach den Serben Radovan Karadzic und Ratko Mladic.

Ante Gotovina ist am 12. Oktober 1955 auf der Insel Pasman geboren, die zur Gemeinde Zadar gehört. In den siebziger Jahren ging er ins Ausland, schloß er sich der Fremdenlegion an, wurde dort Unteroffizier, nahm die französische Staatsbürgerschaft an und trat in Kontakt mit rechtsextremen Kreisen und mit der französischen Unterwelt. In den achtziger Jahren stand er in Frankreich wegen Juwelendiebstahls vor Gericht, büßte eine Haftstrafe ab und war in einen Entführungsfall verwickelt. 1990 wurde ihm der Boden in Frankreich zu heiß. Er ging er zurück nach Kroatien, schloß sich den kroatischen Streitkräften und machte rasch Karriere.

Massaker an Zivilisten

Während der Befreiung der Krajina während der „Aktion Sturm“ im August 1995 war Ante Gotovina Befehlshaber des Militärbezirkes Split im Sektor Süd der Schutzzone der Vereinten Nationen, zu der ein Abschnitt der Adriaküste von Sibenik bis Zadar und ein großer Teil des dalmatinischen Hinterlands gehörte. Als die kroatische Armee vorrückte, räumten die serbischen Aufständischen das Gebiet und bewegten die Bevölkerung zur Flucht. Nur eine Minderheit der Serben folgte der Aufforderung des damaligen Präsidenten Tudjman und blieb in ihrer Heimat. Nach der Rückeroberung kam es bis November 1995 zu zahlreichen Massakern unter diesen Zivilisten, denen laut Anklageschrift mindestens 150 Serben zum Opfer fielen.

Häuser wurden geplündert und niedergebrannt, ganze Dörfer zerstört. Der Terror wurde systematisch durchgeführt, um die Verbliebenen in die Flucht zu treiben und ihnen die Rückkehr unmöglich zu machen. Vor dem Tribunal ist Gotovina angeklagt, diese Verbrechen „in Abstimmung mit anderen, unter ihnen Präsident Tudjman“, geplant und befohlen zu haben. Zugleich habe er die Befehlsverantwortung gehabt und sei damit auch für die Verbrechen seiner Untergebenen verantwortlich, die er geduldet und nicht geahndet habe. 1996 ernannte der Tudjman Gotovina zum Chefinspektor der Armee. Damals hörte man bereits, daß eine Anklageschrift des Haager Tribunals gegen ihn in Vorbereitung sei. Eine Einvernahme durch die Ermittler des Tribunals lehnte Gotovina 1998 ab. Kurz vor seiner Flucht ließ er sich in Zagreb noch seinen französischen Paß erneuern.

Erst nachdem die konservative HDZ im Herbst 2003 nach den Parlamentswahlen die Regierung bildete, wurden die Ermittlungen gegen Gotovina und seine Helfershelfer in Kroatien intensiviert. Ministerpräsident Sanader legte sich auf die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal fest. Im Juni vorigen Jahres wurde Kroatien der Status eines EU-Kandidaten zuerkannt, aber der Beginn der Verhandlungen wurde zweimal verschoben, weil Kroatien nach Ansicht des Haager Tribunals nicht alles in seiner Macht stehende tat, um Gotovina zu fassen. Die Blockade endete erst, als Carla Del Ponte vor zwei Monaten der EU mitteilte, die Zusammenarbeit der Kroaten lasse nicht mehr zu wünschen übrig.

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Jahrgang 1952, Korrespondent für die Tschechische Republik, die Slowakei, Rumänien, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien mit Sitz in Wien.

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