http://www.faz.net/-gpf-8wpcj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 07.04.2017, 23:21 Uhr

Anschlag in Stockholm Mitten ins Herz

Der Anschlag in Stockholm trifft Schweden schwer. Das Land ist stolz auf seine Offenheit – zum Beispiel beim Thema Flüchtlinge. Und hadert doch auch mit ihren Folgen.

von und
© AFP Unter Tränen am Anschlagsort: Stefan Löfven, Ministerpräsident von Schweden

Drottninggatan, das heißt übersetzt: Königinstraße. Es ist die Straße, die mitten durch das Zentrum von Stockholm führt. Von der Altstadtinsel mit dem königlichen Schloss und dem Reichstag anderthalb Kilometer schnurgerade hinauf bis zur Sternwarte. Als Große Konigsstraße wurde sie im 17. Jahrhundert angelegt, aber schon wenig später zu Ehren von Königin Christina umbenannt. So früh beginnt in Schweden die Geschichte der Gleichberechtigung von Mann und Frau, derer sich das Land bis heute rühmt: Ein Vorbild für den Rest der Welt. So modern wollen die schwedische Gesellschaft und der schwedische Staat gerne sein.

Sebastian Balzter Folgen: Matthias Wyssuwa Folgen:

Heute ist die Straße, in ihrem südlichen Teil eine Fußgängerzone, die wichtigste Einkaufsmeile der schwedischen Hauptstadt. Im Sommer drängen sich hier die Touristen, es gibt Souvenirlädchen, Bars und Cafés. Und am Sergelsplatz mit seinen beiden Ebenen aus Beton, wo das Stadttheater steht und die Pendler morgens und abends zur größten U-Bahnstation der Stadt strömen, steht das größte Kaufhaus des ganzen Landes, Åhléns City. Hier kaufen nicht nur die Touristen ein, sondern auch die Stockholmer.

© AP, reuters Polizei nimmt Verdächtigen nach Lkw-Anschlag in Schweden fest

„Schweden ist angegriffen worden“

So ist es auch an diesem Freitagnachmittag. Bis um kurz vor drei Uhr ein Getränkelaster in den Eingang des Kaufhauses kracht. Kurz zuvor noch hatte er eine Tapasbar ein paar Ecken weiter beliefert. Dort hatte ihn ein Unbekannter gestohlen und war durch die Fußgängerzone gerast. Bis zum großen Kaufhaus. Bilder zeigen, wie Qualm aufsteigt. Mindestens vier Menschen sind tot, mehrere verletzt. Das Chaos in den Stunden danach ist groß. Die U-Bahn wird gesperrt, Polizeiautos warnen Passanten angeblich vor einem Terroranschlag. In schwedischen Medien tauchen bald Bilder auf. Körper liegen leblos auf der Straße. Die genauen Zahlen blieben zunächst unklar. Stattdessen präsentierte ein Sprecher der Sicherheitsbehörde am Abend das Foto eines Mannes, mit dem „man in Kontakt treten“ wolle. Ein junger Mann mit Kapuzenpulli. Er gilt anfangs als der Verdächtige. Später dementiert die Polizei.

Infografik / Karte / Stockholm Anschlag Ablauf © FAZ.NET, Google, AFP Vergrößern

Mittags war Stefan Löfven, der sozialdemokratische Ministerpräsident, noch auf dem Weg nach Stockholm. Er hatte in einer Schule im Südwesten des Landes den Angehörigen der bei einem Busunglück in der vergangenen Woche ums Leben Gekommenen sein Beileid ausgesprochen. Als er die Nachrichten aus der Hauptstadt hörte, brauchte er nicht lange, um zu einem Urteil zu kommen. „Schweden ist angegriffen worden“, sagte er. „Alles deutet auf einen furchtbaren Terroranschlag hin.“

Mehr zum Thema

Es ist nun schon mehr als sechs Jahre her, dass der islamistische Terror zum ersten Mal in die schwedische Hauptstadt kam. Eine Bombe explodierte am 12. Dezember in einer kleinen Seitenstraße der Drottninggatan. Nur wenige Meter vom Strom der Menschen entfernt, die ihre Weihnachtseinkäufe tätigten. Offensichtlich explodierte sie zu früh. Nur der Attentäter starb. Er war 28 Jahre alt und schwedischer Staatsbürger. Seine Wurzeln hatte er im Irak. Später wurde berichtet, der Mann habe sich in sozialen Netzwerken über das Engagement der Schweden im Afghanistan-Krieg erregt. In Drohbotschaften hatte er auch den Karikaturenstreit erwähnt – und Rache geschworen, für die Verhöhnung des Propheten durch den schwedischen Karikaturisten Lars Vilks. Der Karikaturenstreit 2007 hatte im Norden zu beträchtlichen Spannungen geführt. Und musste schon mehrmals als Begründung für islamistische Taten herhalten. Vor allem in Dänemark.

Schweden großzügig gegenüber Flüchtlingen

In Schweden aber schien der gescheiterte Anschlag von 2010 zunächst nicht viel zu verändern. Die Schweden sehen sich seit Jahrzehnten als humanitäre Weltmacht. Als solche blieben sie offen für Fremde und Flüchtlinge. Auch die Probleme, die seit vielen Jahren schon immer offensichtlicher zutage traten, änderten daran kaum etwas. Nur eine Partei sah sich schon 2010 bestätigt: Kurz vor dem Anschlagsversuch waren die Schwedendemokraten zum ersten Mal in den Reichstag eingezogen. In einem Land, das es nicht gewohnt war, kritisch über Integration und Einwanderung zu reden, traten sie offen fremdenfeindlich auf. „Sicherheit“ ist seitdem ein wichtiges Schlagwort. Sie veränderten langsam die Debatte, blieben aber gleichwohl politische Schmuddelkinder. Eine Koalition mit ihnen will keine der anderen Parteien eingehen. Bei der vergangenen Parlamentswahl 2014 erhielten sie fast 13 Prozent der Stimmen.

45753404 © EPA Vergrößern Legt Rosen am Anschlagsort nieder: der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven.

Damals zeichnete sich die große Flüchtlingskrise schon ab. Schweden ließ besonders großzügig Einwanderer ins Land, im Verhältnis zur Einwohnerzahl sogar noch mehr als Deutschland. Entsprechend schnell kam das Königreich an seine Grenzen. Überall gab es Berichte von überforderten Kommunen, die Betten in den Flüchtlingsunterkünften gingen aus, irgendwann wurde auch die Sicherheitsfrage gestellt. Die Schwedendemokraten stiegen in den Umfragen immer weiter. Bis Ministerpräsident Löfven reagierte: Innerhalb weniger Wochen beendete er die großzügige Asylpolitik. Selbst an der Öresund-Brücke zwischen Dänemark und Schweden, ein symbolträchtiges Zeichen der Offenheit und der Anbindung an den Rest Europas, wird nun die Grenze kontrolliert. Die Flüchtlingszahlen sind seitdem erheblich gesunken. Doch die Debatte über die Integration nicht abgeebbt. Auch Stunden nach dem Anschlag blieb die Lage in Stockholm am Freitag noch unklar. Am Abend nahm die Polizei einen Verdächtigen fest. Die Grenzkontrollen wurden verstärkt.

Vertraulich

Von Reinhard Müller

Eine Million für Helmut Kohl – weil Vertrauliches vertraulich bleiben muss. Davon leben gerade Autoren, die Missstände schonungslos aufdecken wollen. Mehr 1

Zur Homepage