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Anschlag in Pakistan „Ganz sicher war es kein Anfänger“

19.10.2007 ·  Klar ist bisher nur, dass der Anschlag in Karachi mit mehr als 130 Toten Benazir Bhutto galt. Über die Täter herrscht weiter Rätselraten. Sind es die Extremisten oder führen die Spuren zu der Regierung? Von Jochen Buchsteiner.

Von Jochen Buchsteiner, Delhi
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Warum ging das Straßenlicht nach Sonnenuntergang aus? Immer wieder stellt Benazir Bhutto diese Frage, als sie erstmals nach dem verheerenden Bombenanschlag in der Öffentlichkeit auftritt. Und mehr will sie wissen: Warum wurde auf ihren Wagen geschossen – und aus welchen Gewehrläufen?

Sichtlich berührt würdigt sie die mehr als 130 Todesopfer als Helden, die, wie sie sagt, für die Demokratie gestorben sind. Kämpferisch wirkt sie während ihrer langen, frei gehaltenen Rede, entschlossen, sich von der Tragödie nicht entmutigen zu lassen, sondern daraus Kraft für ihre politischen Ziele zu ziehen.

Kurz nach Mitternacht gingen die Bomben hoch

Stückchenweise kommen die Details ihrer Rückkehr zum Vorschein. Sie hatte sich gerade in den gepanzerten Paradewagen zurückgezogen, als nur wenige Meter entfernt der erste Sprengsatz gezündet wurde. Die Uhrzeiger standen auf kurz nach Mitternacht. Augenblicke später detonierte die zweite, deutlich stärkere Bombe. Wie knapp die Heimkehrerin dem Doppel-Anschlag entkommen war, lässt sich daran erkennen, dass drei ihrer Mitstreiter, die sich auf der Tribüne des Paradefahrzeugs befanden, umkamen; viele trugen Verletzungen davon.

Dass es der Attentäter auf Frau Bhutto abgesehen hatte, gehört zu den wenigen Tatsachen, die am Tag danach geklärt scheinen. Über fast alles andere herrscht Rätselraten, ja Uneinigkeit. Wie und wer zündete die tödlichen Bomben? Warum wurde der Anschlag nicht verhindert – und wer steckt dahinter? Und schließlich: Wo liegen die Motive für diesen schwersten Anschlag seit vielen Jahren, der mehr als 130 Menschen das Leben gekostet hat?

Der Kopf des Attentäters am Tatort

Die Regierung in Islamabad teilte schon früh am Freitag mit, dass in der Nacht ein Selbstmordattentäter seinen Sprengsatz gezündet habe, und verurteilte – wie so oft – den Extremismus im Land. Es gebe keinen Zweifel, dass dies die Tat eines „irregeleiteten Terroristen“ sei, sagte der Sprecher von Präsident Pervez Musharraf, Rashid Qureshi. Die Einzelheiten sollten binnen 48 Stunden in einem ersten Ermittlungsbericht zusammengefasst werden, kündigte er an.

Zur gleichen Zeit verbreiteten Behördensprecher schon einen Tathergang. Ein Unbekannter soll zunächst eine Granate in Richtung des Wagens von Frau Bhutto geworfen und wenig später seinen zwanzig Kilogramm schweren Sprengstoffgürtel gezündet haben. Die Polizei stützt sich bei dieser Darstellung unter anderem auf einen grausigen Fund: „Wir konzentrieren uns auf einige Beweise, die wir am Tatort gesammelt haben, so auch auf den Kopf eines mutmaßlichen Selbstmordattentäters“, sagte der leitende Ermittler, Munawar Mughal. Selbstmordattentäter konnten schon manches mal anhand eines – durch die Druckwelle des Sprengstoffgürtels – abgetrennten Kopfes identifiziert werden.

Morddrohungen waren bekannt

Laut Azhar Farooqi, Polizeichef von Karachi, deutet das Muster des Anschlags auf einen erfahrenen Täter hin. „Dies war ein akribisch geplanter Anschlag, der professionell durchgeführt wurde - ganz sicher nicht von einem Anfänger“, sagte er. Farooqi wollte sich nicht dazu äußern, ob weitere Täter beteiligt waren und ob Hinweise auf eine Organisation im Hintergrund vorliegen.

Noch am Tag zuvor hatte ein Sprecher des Innenministeriums, General Cheema, eingestanden, man wisse von Morddrohungen des Extremisten Baitullah Masud. Die Sicherheitskräfte seien in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden und bereiteten sich auf einen möglichen Selbstmordanschlag vor. General Cheema sagte, dass Frau Bhutto im Sinne der Amnestieregelung ein besonderer staatlicher Schutz zustehe. Unter anderem erhalte die Heimkehrerin nach ihrer Ankunft Personenschutz und ein gepanzertes Fahrzeug.

Menschliches Schutzschild um Bhuttos Wagen

Den ganzen Tag über warfen sich die Lager von Frau Bhutto und von Präsident Musharraf gegenseitig Fehlverhalten vor. Regierungsvertreter kritisierten, dass die Sicherheitsvorkehrungen für Frau Bhutto von deren eigenen Anhängern missachtet worden seien. Einige hätten Absperrungen durchbrochen. Auch sei die riesige Menschenmenge – zwischen 200.000 und 500.000 Anhänger hatten Frau Bhutto zugejubelt – schwer kontrollierbar gewesen, hieß es.

Die PPP-Politikerin Sherry Rehman, die in der Bombennacht selbst leichte Verletzungen erlitten hatte, kritisierte hingegen die Untätigkeit der Sicherheitskräfte. Nicht sie hätten das Leben von Frau Bhutto beschützt, sondern Hunderte ihrer Anhänger, die ein „menschliches Schutzschild“ um den Paradewagen gebildet hätten, sagte sie.

Anschlag unter Duldung öffentlicher Stellen?

Am frühen Abend ging Frau Bhutto dann noch einen Schritt weiter. Ihre Frage, warum das Straßenlicht ausgeschaltet worden sei, insinuierte, dass öffentliche Stellen das Geschäft des Mörders betrieben haben könnten. Ihre Sicherheitsleute seien dafür ausgebildet gewesen, Scharfschützen und Selbstmordattentäter zu identifizieren, sagte sie.

In der Dunkelheit hätten sie ihrer Aufgabe dann nicht mehr nachkommen können. Überrascht zeigen sich Beobachter auch von ihrer Mitteilung, dass Schüsse gefallen seien. Angeblich hatte die Polizei die Spalier stehenden Menschen durchsucht; nur Sicherheitskräfte durften Waffen tragen.

„Der Anschlag wurde vom Geheimdienst verübt“

Asif Ali Zardari, der Ehemann von Frau Bhutto, war der erste, der öffentlich den unfassbaren Vorwurf erhob: „Dies war nicht der Anschlag eines Selbstmörders, vielmehr wurde er von einem Geheimdienst verübt“, sagte er einem pakistanischen Fernsehsender und fuhr fort: „Ich habe Dokumente, die beweisen, dass die Anschläge von Elementen in der Regierung ausgeführt wurden.“ Mehr noch, er kenne die Personen, die zum Teil Ministerposten in Islamabad innehätten, würde das Preisgeben ihrer Namen aber seiner Ehefrau überlassen wollen.

Frau Bhutto soll noch in der Bombennacht gefordert haben, den Chef des „Intelligence Bureau“, General Ijaz Shah, zu entlassen. Das berichtete der Sprecher der Pakistanischen Volkspartei (PPP), Senator Farhatullah Babar. Es war allerdings nicht klar, ob Frau Bhutto dem General vorwirft, in den Anschlag verwickelt zu sein, oder, ihn nur nicht verhindert zu haben. Vor ihrer Rückkehr aus dem Exil hatte sie mehrfach zu Protokoll gegeben, dass ihr Extremisten nach dem Leben trachteten, die über Verbindungen in die Armee, in den Geheimdienst und in die Regierung verfügten.

Frau Bhuttos konkreter Verdacht

Eine französische Reporterin zitierte Frau Bhutto mit einem konkreten Verdacht: „Ich weiß genau, wer mich zu töten versucht: Es sind Staatsbedienstete des ehemaligen Regimes Zia ul-Haqs, die heute hinter dem Extremismus und dem Fanatismus stehen“, zitierte sie die Zeitschrift „Paris Match“. Zia ul-Haq hatte Frau Bhuttos Vater, Premierminister Zulfikar Ali Bhutto, aus dem Amt geputscht und 1979 hinrichten lassen.

Nach dessen dubiosen Flugzeugabsturz im Jahr 1988 ging Benazir Bhutto erstmals als Siegerin aus Parlamentswahlen hervor und übernahm die Regierung. Einer seiner Söhne, Ijaz ul-Haq, ist heute Religionsminister unter Musharraf und gilt als islamistischer Hardliner in der Regierung. Bis zuletzt hatte er die militanten Islamisten unterstützt, die im Sommer die Rote Moschee zu einer Extremisten-Festung ausgebaut hatten, bevor Musharraf sie stürmen ließ.

Viele hundert Terrortote in Pakistan

Pakistan spielt im internationalen Anti-Terror-Kampf eine widersprüchliche Rolle: Es ist ein wichtiger Verbündeter des Westens und gleichzeitig ein besonders gefährlicher Teil des Problems. Viele Terrorgruppen sind im Land aktiv; ihren Anschlägen sind in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 1800 Menschen zum Opfer gefallen. Al Qaida und ihre Unterstützer spielen in Pakistan ebenso eine Rolle wie der Aufstand nationalistischer Stammesgruppen in Belutschistan im Süden, Auseinandersetzungen mit der schiitischen Minderheit und der (die Grenze zu Indien überschreitende) Kaschmir-Konflikt. Hier ein Überblick über die schlimmsten Anschläge der vergangenen Jahre:

3. Oktober 2007: Ein Bus fährt in Nordwasiristan auf eine Mine. 14 Fahrgäste sterben.

13. September: In Islamabad werden 19 Mitglieder einer Eliteeinheit der Sicherheitskräfte bei einem Anschlag getötet. In Karachi sterben bei einem Angriff auf einen Bus sieben Menschen.

4. September: Bei zwei Anschlägen in Rawalpindi werden 25 Menschen getötet.

10. Juli: Nach der Stürmung der von Islamisten besetzten Roten Moschee in der Hauptstadt Islamabad kommen in den folgenden Tagen bei etwa einem Dutzend Selbstmordanschlägen mehr als 140 Menschen ums Leben.

8. November 2006: Bei einem Selbstmordanschlag auf ein Armeelager in der North-West Frontier Province sterben mehr als 40 Soldaten.

11. April: Bei einem Selbstmordanschlag während einer Feier anlässlich des Geburtstags des Propheten Mohammed werden in Karachi 57 Menschen getötet.

20. März 2005: In Belutschistan kommen bei Gefechten und Anschlägen mehr als 60 Soldaten und Zivilisten ums Leben.

3. März 2004: In Quetta werden bei Anschlägen auf Schiiten, die das Aschura-Fest begehen, 47 Menschen getötet. Die Terrorgruppe Lashkar-e-Jhangvi soll die Anschläge verübt haben.

4. Juli 2003: Bei einem Angriff auf eine schiitische Moschee der Hazara-Minderheit in Quetta sterben 53 Menschen. Hinter der Tat werden sunnitische Extremisten vermutet.

Karachi - Hafenstadt und Unterschlupf

Wie viele Menschen in Karachi leben, kann niemand genau sagen. Statistiker sprechen von mittlerweile mehr als zwölf Millionen Einwohnern. Damit gehört die Metropole zu den größten der Welt. Sie ist so riesig, dass sie beim besten Willen nicht zu kontrollieren ist. Pakistans wichtigste Hafenstadt bietet daher auch radikalen Islamisten Unterschlupf und so viel Bewegungsfreiheit wie nur wenige andere Orte.

11. September - Offiziell heißt es, Khalid Scheich Mohammed, der als Planer der Anschläge des 11. September 2001 gilt, sei in Rawalpindi verhaftet worden, angeblich aber geschah das zuvor in Karachi. Dort wurde auf jeden Fall der Jemenit Ramzi Binalshib verhaftet, der als einer der Piloten der entführten Flugzeuge für die Anschläge auf New York und Washington vorgesehen war, aber kein Visum für Amerika erhalten hatte. Nach Karachi führte auch der erste Weg mehrerer Briten pakistanischer Herkunft, als sie ihre Anschläge auf den Londoner Nahverkehr im Juli 2005 vorbereiteten. Es halten sich auch Gerüchte, Usama Bin Ladins Stellvertreter Aiman al Zawahiri halte sich in der Hafenstadt auf. Von dort aus falle es ihm leichter, seine Medienbotschaften zu verbreiten, die sich zuletzt auffällig gehäuft hatten.

Daniel Pearl - Im Januar 2002 entführten Al-Qaida-Terroristen in Karachi den amerikanischen Journalisten Daniel Pearl. Sechs Tage lang hielten sie ihn fest, ohne dass es der Polizei gelang, das Versteck ausfindig zu machen. Schließlich wurde er vor laufender Kamera enthauptet. Der Hollywood-Film "A Mighty Heart - Ein mutiger Weg", der in diesem Herbst in die deutschen Kinos kam, erzählt die Geschichte seines Todes in Karachi. In diesem März behauptete der Al-Qaida-Führer Khalid Scheich Mohammed, der sich im Gefangenenlager von Guantánamo befindet, er habe den Journalisten ermordet. Pearls Familie bezweifelt das; es gibt Spekulationen, dass die Drahtzieher des Mordes im Geheimdienstumfeld Pakistans zu suchen sind.

Flüchtlinge - Schon lange zog es Flüchtlinge aus aller Welt in die Stadt am Westrand des Indus-Deltas. Mehr als eine Million Afghanen sollen sich dort mittlerweile niedergelassen haben. Auch viele Bewohner ländlicher Gebiete zieht es in die chaotische Hafenstadt, wo es Arbeit und Geld zu verdienen gibt.

Industriezentrum - Gut sechzig Prozent aller Steuer- und Zolleinnahmen des ganzen Landes stammen aus diesem Finanz- und Industriezentrum am Arabischen Meer: Neben den wichtigsten Banken gibt es dort Zement- und Textilfabriken und Raffinerien. Die Villenvororte zeigen im Kontrast zu den Slums in der Innenstadt den Reichtum in der Stadt. Aus einer reichen Familie in der Provinz Sindh, in der Karachi liegt, stammt auch Benazir Bhutto.

Geschichte - Die Geschichte Karachis ist eng mit der Pakistans verbunden. Nach der Teilung Britisch-Indiens strömten 1947 indische Muslime in die Stadt, die bis 1959 auch Hauptstadt der neuen Islamischen Republik war. Ihr Gründer Mohammed Ali Jinnah ist dort begraben. Zum Quaid-e-Azam-Mausoleum, wo er unter einen hohen Kuppel begraben liegt, war Benazir Bhutto unterwegs, um ihm nach ihrer Ankunft ihre Reverenz zu erweisen, als in der Nacht zum Freitag die Sprengsätze explodierten.

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