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Anschlag in Pakistan Der Terror ist zurück

02.06.2008 ·  Die Atempause ist vorbei: Keine drei Monate nach dem letzten Anschlag ging in Pakistan wieder eine Bombe hoch. Der Versöhnungskurs Ministerpräsident Gilanis mit den militanten Islamisten könnte dadurch beendet werden.

Von Jochen Buchsteiner
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Im Sektor „F6“ leben die Reichen und wohnen die Beamten. Er liegt dort, wo eigentlich kein Anschlag mehr möglich sein sollte: im Zentrum Islamabads, gleich neben dem Regierungsviertel. Offenbar unbehelligt parkte um die Mittagszeit ein Auto vor dem Gelände der dänischen Botschaft, kurze Zeit später detonierte der Sprengsatz.

Ein Krater wurde in den Asphalt gerissen, parkende Fahrzeuge und umliegende Häuserfassaden zerstört. Acht Menschen kamen um, viele wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Etwa dreißig Kilogramm habe die Bombe gewogen, schätzten Sicherheitskräfte später.

Ende der Atempause

Mehr als zweieinhalb Monate – eine für Pakistan lange Zeit – hatte Ruhe geherrscht in Islamabad. Mit dem Anschlag auf ein italienisches Restaurant Mitte März sei der Terror in der Hauptstadt vielleicht an ein Ende gelangt, hatten viele Pakistaner gehofft. Grund für die Zuversicht waren die „Friedensgespräche“ gewesen, die die neue Regierung kurz danach mit den Islamisten begonnen hatte. An diesem Montag blieb Ministerpräsident Gilani nun nichts anderes übrig, als das zu tun, was seine Vorgänger so oft hatten tun müssen: einen weiteren Anschlag in Pakistan verurteilen.

Zwar hatte sich bis zum Abend noch keine Gruppe des Anschlags bezichtigt, aber die Größe der Bombe und das Ziel lassen die Handschrift radikaler Islamisten erkennen. Immer wieder hatten sie in den vergangenen zwei Jahren zu Aktionen gegen Dänemark aufgerufen. Als Grund dienten ihnen die Mohammed-Karikaturen, die die dänische Zeitung „Jylland-Posten“ Anfang 2006 veröffentlich hatte und die vor wenigen Monaten in einer Solidaritätsaktion noch einmal von mehreren Tageszeitungen nachgedruckt wurden.

Aber nicht nur die Dänen mussten sich bedroht fühlen. Auch die Botschaft der Niederlande wurde in den vergangenen Monaten mehrfach abgeriegelt, nachdem Islamisten Proteste gegen einen islamkritischen holländischen Dokumentarfilm angekündigt hatten.

Dialog mit den Islamisten

Gilani, der seit gut zwei Monaten im Amt ist, verfolgt gegenüber den Islamisten einen konzilianteren Kurs als die Vorgängerregierung. Seine von der Pakistanischen Volkspartei und Nawaz Sharifs Muslimliga getragene Regierung geht davon aus, dass erst die amerikafreundliche Militärdiktatur Musharrafs die Muslime radikalisiert und in antiwestlichen Aktionismus getrieben habe. Nicht Militär und Konfrontation sollen den pakistanischen Konflikt eindämmen, heißt die Devise, sondern wirtschaftliche Unterstützung und Dialogbereitschaft.

Doch die Gespräche, die seit Wochen hinter den Kulissen geführt werden, sind von Ungewissheiten und Rückschlägen begleitet. Stolz verweist die Regierung auf die Befriedung des Swat-Tals, aber das Abkommen ist jung und bislang haben vor allem die dortigen Islamisten um Maulana Faizlullah profitiert: Einer ihrer wichtigsten Führer wurde aus der Haft entlassen, die pakistanischen Truppen haben mit dem Rückzug aus dem Gebiet begonnen. Noch fragwürdiger stellen sich die Erfolge der Verhandlungen mit den militanten Muslimen in den semiautonomen Stammesgebieten dar.

Inmitten der Gespräche – ein Vertragsentwurf lag schon vor – ordnete der pakistanische Talibankommandeur Baitullah Mehsud Ende April einen Anschlag auf pakistanische Sicherheitskräfte in der Nordwestprovinz an. Als „notwendigen Racheakt“ verteidigte der Kommandeur den Mord und bekundete gleichzeitig sein Interesse an einem Fortgang der Regierungsgespräche. Dass es bei dieser Doppelzüngigkeit geblieben ist, zeigte sich erst in der vergangenen Woche, als Mehsud ausgewählte Journalisten in seinem südwasirischen Versteck empfing und ihnen seine Spielregeln mitteilte.

Kritik an konzilianter Haltung Gilanis

Mehsud, der die wohl schlagkräftigste Rebellenarmee Pakistans anführt, präsentierte sich als ernsthafter Verhandlungspartner, der darauf beharrte, dass seine Taliban „Wort gehalten“ und die Kampfhandlungen eingestellt hätten. Nun sei es an der Regierung, ihren Verpflichtungen nachzukommen, sagte er.

Darunter versteht Mehsud, den manche auch als Drahtzieher des Attentats auf Benazir Bhutto betrachten, die Aufkündigung der amerikanisch-pakistanischen Zusammenarbeit bei der Terrorbekämpfung. Sollte die Antiterrorallianz fortbestehen, hätten seine Männer keine andere Chance, als zum bewaffneten Widerstand zurückzukehren, sagte er. „Wir wollen Pakistan oder die Armee nicht bekämpfen, aber wenn sie weiterhin Sklaven der amerikanischen Forderungen bleiben, dann werden wir wieder zu den Waffen greifen.“ Mit den Vereinigten Staaten könne es „keinen Deal“ geben.

Nicht nur Washington, auch die Nato hat sich in jüngster Zeit kritisch über den innerpakistanischen Dialog geäußert. Verträge mit extremistischen Gruppen verschafften Letzteren sichere Rückzugsgebiete in den Stammesgebieten, sagte ein Nato-Sprecher schon Mitte Mai. Im Bündnis, das die internationale Schutztruppe im benachbarten Afghanistan befehligt, wird ein Zusammenhang zwischen der nachlassenden pakistanischen Kontrolle in den Stammesgebieten und den erstarkten militärischen Aktivitäten der afghanischen Taliban gesehen. Kritische Beobachter in Islamabad halten für möglich, dass der Rückzug des pakistanischen Militärs aus Wasiristan auch mehr Raum für antiwestliche Anschläge im eigenen Land gelassen hat.

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