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Nach Anschlag auf Ex-Spion : Spuren von Nervengift in zwei Lokalen

  • Aktualisiert am

Die britische Polizei ermittelt im Haus des ehemaligen Doppelagenten Sergei Skripal, der in Salisbury Opfer eines Anschlags mit Nervengift wurde. Bild: dpa

Bei den Ermittlungen im Fall des vergifteten früheren russischen Spions Skripal führt die neueste Spur in eine Pizzeria und einen Pub. Die britischen Behörden raten den anderen Restaurantgästen zu Vorsichtsmaßnahmen.

          Nach dem Giftanschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter haben britische Ermittler Spuren von Nervengift in zwei Lokalen in der südenglischen Kleinstadt Salisbury gefunden. „Es gab Spuren der Verunreinigung mit dem Nervengift sowohl im Pub ’The Mill’, als auch im Restaurant ’Zizzi’ in Salisbury“, sagte die englische Gesundheitsbeauftragte Sally Davies am Sonntag dem Sender BBC.

          Es sei davon auszugehen, dass bis zu 500 Menschen die beiden Örtlichkeiten im kritischen Zeitraum zwischen dem 4. und 5. März aufgesucht hätten, sagte Davies. „Ich bin zuversichtlich, dass dies nicht die Gesundheit von denjenigen beeinträchtigt, die das Pub ’The Mill’ oder ’Zizzi’ aufgesucht haben“, sagte sie. Es gebe jedoch Menschen, die besorgt seien, dass ein langfristiger Kontakt „mit diesen Substanzen“ über Wochen oder Monate zu Gesundheitsproblemen führen könne. Als Vorsichtsmaßnahme sollten die Betroffenen ihre Kleidung und persönlichen Sachen deshalb waschen.

          Die Gesundheitsbehörden erklärten, das Risiko für die Bevölkerung sei gering, die Ratschläge dienten lediglich als Vorsichtsmaßnahme. „Es ist möglich, aber unwahrscheinlich, dass eine solche Substanz, die mit Kleidung oder Sachen in Kontakt gekommen ist, noch in geringen Mengen vorhanden sein könnte und damit die Haut kontaminieren kann“, hieß es in einer Mitteilung. „Mit der Zeit könnte ein wiederholter Hautkontakt mit verunreinigten Dingen ein geringes Risiko für die Gesundheit darstellen.“

          Besuchern des Pubs und des Restaurants wurde empfohlen, ihre Kleidung in der Waschmaschine zu waschen. Kleidung, die nur in der Reinigung gesäubert werden könne, sollte in zwei zusammengebundene Plastiktüten gelegt und „bis auf Weiteres sicher verwahrt werden“. Handys und andere elektronische Geräte sowie Handtaschen sollten mit Feuchttüchern abgewischt werden, die dann im Hausmüll entsorgt werden sollten. Schmuck und Brillen sollten per Hand mit warmem Wasser und Spülmittel gereinigt und anschließend mit kaltem Wasser abgespült werden.

          Der 66 Jahre alte Skripal und seine 33 Jahre alte Tochter Yulia sollen am vergangenen Wochenende in dem Restaurant gegessen haben. Nur wenige Stunden später brachen sie auf einer Parkbank zusammen. Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass andere Gäste mit dem Nervengift in Zusammenhang stünden, teilten die Ermittler mit.

          Mehr als 250 Polizisten an Ermittlungen beteiligt

          Der ehemalige Spion Skripal und seine Tochter waren am vergangenen Sonntag mit Vergiftungserscheinungen in Salisbury aufgefunden worden. Sie wurden der Polizei zufolge Opfer eines Attentats mit Nervengift. Die beiden befanden sich nach Angaben der Innenministerin Amber Rudd am Samstag weiterhin in einem kritischen Zustand. Ein ebenfalls verletzter Polizist ist demnach „schwer krank“, aber ansprechbar.

          Rudd hatte am Samstag in London eine Sitzung des britischen Sicherheitskabinetts geleitet. Ob die Ermittler bereits eine heiße Spur zu den Tätern oder Hintermännern der Tat verfolgten, sagte sie aber nicht. „Wir müssen der Polizei und den ermittelnden Einheiten um sie herum den Raum geben, voranzukommen“, sagte Rudd und mahnte Geduld. Auch um was für ein Gift es sich genau handelt, wollte Rudd mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen noch nicht sagen.

          An den Ermittlungen beteiligt seien mehr als 250 Polizisten der Antiterroreinheit, so Rudd. Sie hätten etwa 200 Zeugen identifiziert und 240 Beweismittel sichergestellt. Auf die Frage nach möglichen Reaktionen Londons, sollte sich herausstellen, dass Russland seine Finger im Spiel hat, wollte sich die Ministerin nicht einlassen. Es gehe jetzt darum, Beweise zu sichern, damit eine Zuordnung der Tat klar erfolgen könne. Sicherheitsstaatssekretär Ben Wallace hatte zuvor angekündigt, Großbritannien sei bereit, mit „voller Macht“ zu antworten, sobald die Verantwortlichen ausgemacht seien.

          Die Polizei hatte am Freitag die Unterstützung des Militärs angefordert und die Ermittlungen ausgeweitet. Am Samstag war auf Fernsehbildern zu sehen, wie Spezialeinheiten der Streitkräfte, mehrere Rettungswagen zur Dekontamination abtransportierten. Neben dem Fundort der Verletzten und dem Wohnhaus Skripals kam auch ein nahegelegener Friedhof in den Fokus der Ermittler. Dort sollen Medienberichten zufolge Skripals Ehefrau und Sohn begraben liegen.

          Quelle des Gifts weiterhin unklar

          Unklar ist weiterhin, wie die Opfer mit dem Nervengift in Kontakt kamen. Medien berichteten unter Berufung auf Ermittlerkreise, die Quelle des Gifts könne sich im Haus Skripals befunden haben.

          Der Fall erinnert an den Mord an dem früheren Agenten und Kremlkritiker Alexander Litwinenko, der 2006 in London mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde. Die Spuren der Täter führten damals nach Moskau. Das hat zu Spekulationen geführt, der Kreml könnte abermals seine Hände im Spiel haben. Der britische Außenminister Boris Johnson kündigte eine „angemessene und robuste“ Reaktion an, sollte sich herausstellen, dass Russland hinter der Tat steckt. Moskau streitet jede Beteiligung an dem Attentat ab und klagt über antirussische Propaganda.

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