17.03.2004 · Vorwürfe über Versuche, Medien nach den Anschlägen in Madrid massiv zu beinflussen, an der These einer Eta-Tat festzuhalten, bringen den spanischen Ministerpräsidenten in Bedrängnis.
Neue Vorwürfe über eine systematische Manipulation der Medien nach den Madrider Anschlägen haben die scheidende Regierung von Ministerpräsident José María Aznar am Mittwoch weiter in Bedrängnis gebracht. Journalisten der spanische Nachrichtenagentur Efe sprachen von „Zensur“ und berichteten, sie hätten auf Anweisung der Chefredaktion Hinweise auf islamistische Täter zurückhalten müssen. Der Verein der Auslandskorrespondenten legte wegen versuchter Beeinflussung seitens der Regierung formell Beschwerde ein.
Mitarbeiter der Efe forderten den Rücktritt von Nachrichtenchef Miguel Platon, weil er eine objektive Berichterstattung über die Ermittlungen unterbunden habe. Er habe der Agentur „ein System der Manipulation und Zensur“ auferlegt, hieß es in einer am Dienstag in Madrid veröffentlichten Erklärung. Dies habe darauf gezielt, der konservativen Regierung zur Wiederwahl zu verhelfen. Efe habe seit Donnerstag morgen, dem Morgen der Anschläge, von einem verdächtigen in arabischer Sprache eingestellten Mobiltelefon gewußt, dies jedoch auf ausdrückliche Anordnung nicht veröffentlichen dürfen.
Anruf bei den Auslandskorrespondenten
Der Chef des Madrider Vereins der Auslandskorrespondenten, Steven Adolf, warf der Regierung vor, ausländische Journalisten mutwillig irregeführt zu haben. Am Abend des Anschlagstags hätten „mehrere offiziell akkreditierte Korrespondenten einen Anruf vom Informationsministerium erhalten mit der Bitte, in ihren Berichten ausdrücklich zu erwähnen, daß die Eta die Taten beging“, hieß es in Adolfs Protestnote. Einige Telefonate seien geführt worden, nachdem bereits ein verdächtiger Lieferwagen mit einer auf arabisch besprochenen Kassette gefunden war.
Der Herausgeber von „El Periodico“, Antonio Franco, schrieb, er sei von Aznar persönlich angerufen worden, als die Zeitung eine Sonderausgabe zu den Anschlägen vorbereitete. In dieser Ausgabe wurde die Eta für die Taten verantwortlich gemacht. Dies gehe auf eine Aussage Aznars zurück, so Franco. Der Ministerpräsident habe ihm wörtlich gesagt: „Es war die Eta. Haben sie daran nicht den geringsten Zweifel“.
Kritik kam auch von UN-Generalsekretär Kofi Annan. Angesichts der Verabschiedung einer offenbar auf falschen Informationen beruhenden Resolution gegen die Eta sollten „alle einschließlich der Mitglieder des UN-Sicherheitsrates daraus eine Lektion lernen“, sagte Annan in New York. Das oberste UN-Gremium hatte kurz nach den Anschlägen auf Drängen der spanischen Regierung die Eta verurteilt. Normalerweise verurteilt es nur Anschläge an sich. Angeblich soll sich Aznar bereits mit einem Brief bei Annan entschuldigt haben.