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Anschläge in Madrid Ein Massaker

11.03.2004 ·  Der elfte März ist Spaniens elfter September. Madrid reagiert mit Ruhe, Kaltblütigkeit und Anteilnahme auf die brutalen Anschläge auf die Hauptstadt. Niemals hatte das Wort Morgengrauen an diesem Ort eine so düstere Bedeutung.

Von Leo Wieland, Madrid
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Es versprach, ein milder sonniger Frühlingsmorgen zu werden. Über Madrid wich die Dunkelheit der Röte des Horizonts, als ein seltsam beißender Geruch durch das halbgeöffnete Schlafzimmer in der Innenstadt drang. Es roch verbrannt, aber nicht wie aus den alten Kaminen der Nachbarhäuser. Noch vor den Nachrichten heulten die ersten Sirenen und bestätigten den Verdacht, daß Feuer und Sprengstoff in der Luft lagen. Was als Morgenspaziergang geplant war, wurde zu einem unsicheren Erkundungsgang durch die Verwüstung. Niemals hatte das Wort Morgengrauen an diesem Ort eine so düstere Bedeutung.

Eta, die moribunde Mordbande aus dem baskischen Norden, hatte in der Hauptstadt zugeschlagen. Das war jedenfalls die erste Stellungnahme des spanischen Innenministers Acebes. Ein halbes Dutzend Mal waren in den vergangenen Monaten baskische Terroristen, die hier ein Exempel statuieren und nach zahlreichen Verhaftungen und Verurteilungen scheinbar ihre bloße Existenz beweisen wollten, auf halbem Weg abgefangen und unschädlich gemacht worden. Nun aber gelang ihnen drei Tage vor den Wahlen, was die Sicherheitsbehörden befürchtet und in erhöhter Alarmbereitschaft zu verhindern versucht hatten: der größte Massenmord in der Geschichte der spanischen Demokratie, mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Diktators Franco. Zugeschrieben wurde er sogleich einer Organisation, die weder Demokratie noch Menschenrechte achtet, sondern mit allen Mitteln das Baskenland von Spanien "befreien" zu wollen vorgibt.

Ins Herz

Diese "Befreiungstat" tötete am Donnerstag mehr als 180 Menschen und forderte mehr als siebenhundert Verletzte. So wie der Rauch waren die Szenen des Schreckens zum Greifen nahe. Auf drei Madrider Bahnhöfen waren inmitten der Vormittagsstoßzeit Sprengladungen in vier Zügen explodiert. Die Namen Atocha, El Pozo und Santa Eugenia, die für jedermann alltägliche Verkehrsknotenpunkte waren, standen nun für wunde Denkmäler des fanatisierten Irrsinns. Atocha, wo die meisten umkamen, liegt dem Herzen Madrids am nächsten. Nur einen Steinwurf vom Prado und den anderen glanzvollen Museen der Stadt entfernt, war der Bahnhof plötzlich Schauplatz von Blut und Schreien, Toten und Verstümmelten und Eisenbahnwaggons, die von einem riesigen Dosenöffner brutal aufgerissen schienen.

Terrorerprobt bahnten sich die Rettungsmannschaften den Weg zu den Überlebenden, den unter Schock ins Freie taumelnden und - mit Plastiksäcken - den reglosen Opfern. Im nahen Retiropark und an der Puerta del Sol, dem Treffpunkt von Touristen aus aller Welt, wurden improvisierte Feldlazarette errichtet. Aus einer Messehalle wurde ein Leichenschauhaus, wohin Angehörige aus der ganzen Stadt und dem Umland strömten, um Familienmitglieder zu identifizieren. Am Empfang überfüllter Hospitäler sammelten sich tödlich Erschrockene, die Freunde oder Geschwister nicht erreichen konnten, weil die Mobiltelefone in den Attentatsvierteln vorübergehend nicht funktionierten.

Am Brunnen der Kybele

Der Straßenverkehr brach zeitweilig zusammen. Taxen und städtische Busse wurden zum Verletztentransport requiriert. U-Bahnlinien wurden unterbrochen. Die Polizei fand angeblich in einem Autotunnel eine weitere Bombe und brachte sie kontrolliert zur Explosion. Es dauerte Stunden, bis sich der weißgraue, die Nasenschleimhäute reizende Schleier über der Castellana, der Hauptarterie der Innenstadt, verzog. Dort, am Brunnen der Kybele, an dem Anhänger des Fußballklubs Real Madrid am Vorabend noch den knappen Sieg über Bayern München gefeiert hatten, war die griechische Göttin jetzt eingekreist von Ambulanzen, Streifenwagen und Feuerwehrautos.

Der 11. März war zu Spaniens 11. September geworden, und die Madrider reagierten wie damals die New Yorker oft mit bewundernswerter Ruhe, überlegter Kaltblütigkeit und großzügiger Anteilnahme. Die Stadt, die niemals schläft, war zugleich von unwirklicher Stille, sobald das Sirenengeheul verklang. Die Sanitäter taten ihre Arbeit mit flinken Händen und scheinbar ohne Furcht. Dem schnellen Aufruf zu Blutspenden folgte bald ein zweiter, wonach so viele Freiwillige dem ersten gefolgt seien, daß mehr nicht mehr nötig sei. Aus den Häusern nahe den verwüsteten Bahnhöfen kamen die Anwohner mit Decken, Getränken und Lebensmitteln. Schulen boten sich spontan als Notaufnahmelager an. In die entsetzten, ungläubigen, auch wütend-unbeugsamen Gespräche auf den Straßen mischten sich Informationsfetzen aus den Transistorradios, die sich viele Passanten ans Ohr hielten. Sie hörten die Solidaritätsbekundungen aus Europa und dem Rest der Welt mit Befriedigung. An diesem Tag waren alle Spanier, alle Madrider.

Spekulationen über „arabischen Widerstand“

Tatsächlich hatten die "Etarras" ja nicht nur die "verhaßten Unterdrücker" getroffen. Im Schmelztiegel Madrid waren unter den Toten und Verletzten neben Spaniern aus allen Regionen auch Polen oder Marokkaner. Auffallend war in den Gesprächen mit Betroffenen, Angehörigen oder bloßen Umstehenden, daß niemand danach fragte, welchen "Sinn" denn diese Anschläge wohl gehabt haben könnten. Nicht einmal die Begriffe "Anschläge" oder "Attentate" ließen die Madrider gelten. Es sei einfach ein "Massaker" gewesen, für das es weder Sinn noch Motiv geben könne außer den wirren, ranzigen, nationalistischen Gedanken in den Köpfen einer geschrumpften baskischen Terrororganisation. Daß Eta der Urheber war und nicht, wie vereinzelt spekuliert wurde, vielleicht Al Qaida mit einem Racheakt für die spanische Rolle im Irak-Krieg, stand auch für die Politiker in der Hauptstadt sowie die im Baskenland außer Frage. Nur der Sprecher der verbotenen radikalen Batasuna-Partei, Arnaldo Otegi, der zum ersten Mal überhaupt einen Terrorakt verurteilte, äußerte Zweifel und sagte, es könne auch sonst jemand "aus den operativen Sektoren des arabischen Widerstands" gewesen sein.

Aber schon die stümperhaften Jugendlichen, die für Madrid eine "Weihnachtsüberraschung" vorbereitet hatten und zum Jahreswechsel einen Schnellzug bei der Einfahrt in die Hauptstadt sprengen wollten, waren nicht aus Afghanistan, sondern eben aus dem Baskenland gekommen. Die Madrider schauderte es noch wochenlang später bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn der Nordbahnhof Chamartin mit seinen Pendlern und Festeinkäufern zum Terrorziel geworden wäre. Nun übertrafen die nach Al-Qaida-Vorbild simultan ausgeführten Verbrechen nicht nur jenes gedachte Horrorszenarium, sondern alle bislang verwirklichten Scheußlichkeiten von Eta, darunter in Barcelona, wo vor zehn Jahren Dutzende von Todesopfern zu beklagen waren.

Schützendes Sympathisantenfeld der Eta

Anders als bei früheren Eta-Attentaten gab es diesmal aber weder eine Vorwarnung noch ein eiliges Bekennerschreiben. Damals, nach Barcelona, hatte die Führung der Bande aufgrund der nationalen Empörung derlei als "strategisches Element" für die Zukunft angekündigt. Auch dieses Fehlen wurde am Donnerstag von den spanischen Behörden eher als Zeichen für den Verfall, die interne Konfusion und Desintegration einer Organisation gewertet, deren führende Köpfe zum größten Teil dank der Zusammenarbeit der französischen Polizei gefaßt und eingesperrt werden konnten. Zwar fehlt es Eta inzwischen spürbar an Geld, Waffen, Logistik und "qualifiziertem" Nachwuchs. Aus dem Reservoir der jugendlichen Straßengewalttäter, jener "kale boroka", deren Weg verbrannte Papierkörbe und verbrannte städtische Busse markieren, konnten indes noch immer willige "Amateure" rekrutiert werden, die sich allerdings zunehmend selbst bei versuchten Attentaten verletzten, umbrachten oder ergreifen ließen.

So wie es trotz aller Fahndungserfolge der Polizei und einer in den letzten Jahren unter der Regierung von Ministerpräsident Aznar zupackenderen Justiz um die Terroristen noch immer ein nährendes und schützendes Sympathisantenfeld auf beiden Seiten der Pyrenäen gibt, so fehlt es der Bande nach einigen gezielten Überfällen auch noch nicht an Sprengstoff. Ihre Fähigkeit, Schaden anzurichten, hat sie nun auf spektakuläre Weise demonstriert. Aber politisch ist Eta zunehmend auch im Baskenland isoliert. Die nationalen Wahlen am Sonntag werden die ersten nach den kommunalen im vorigen Mai sein, an denen kein "verlängerter Arm" der Terroristen mehr teilnehmen wird. Das Batasuna-Verbot wurde von beiden großen Kräften, der konservativen Volkspartei (PP) wie der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) getragen und vom Obersten Gericht bestätigt. Der politische Sumpf im Baskenland, in dem die Extremisten lange noch mit parlamentarischen Subventionen blühten, ist ausgetrocknet. So blieb Otegis Partei bislang nur der Appell, am 14. März aus Protest nicht zur Abstimmung zu gehen.

„Wem nützt es?"

Die spanischen Politiker aller Couleur und regionaler Herkunft reagierten mit einmütigem Abscheu. Der Wahlkampf wurde abgebrochen. Neben den Äußerungen des Schmerzes, des Beileids und den Aufforderungen zur Besonnenheit standen die Aufrufe zu nationalen Großdemonstrationen wider den Terrorismus an diesem Freitag im Vordergrund. Auf eine dreitägige Staatstrauer folgt am Sonntag dann, so wollen es alle Parteien, der Wahltag.

Die Frage "Wem nützt es?" wurde zunächst nur zurückhaltend gestellt. Sie bestimmte aber das politische Räsonnement in den Köpfen der Wähler wie in denen der Kandidaten. Aznar, der sich schon vor dem 11. September beim amerikanischen Präsidenten Bush als dezidierter Antiterrorpolitiker eingeprägt hatte und diesen Ruf danach nur noch festigte, ist in den Augen wohl der meisten Spanier vor allem durch den Kampf gegen Eta hervorgetreten. Die Kehrseite ist, daß er und seine zuletzt mit absoluter Mehrheit regierende Volkspartei das Hauptfeindbild für die Terrorbande darstellen. Nach ihrer krausen Logik dürften auch die Madrider Anschläge mit Genugtuung in den Verstecken als gelungene "Kriegserklärung" gewertet werden. Eta - das Kürzel steht für Euskadi Ta Askatasuna (Baskenland und Freiheit) - will weder einen "Dialog" mit einer ihr windelweich erscheinenden Linken oder mit friedlich gesonnenen regionalen Separatisten, sondern lieber eine Konfrontation mit den regierenden Rechten, und sei es zur Stärkung des inneren Zusammenhalts einer geschwächten Gruppierung auf den Trümmern ihrer alten Rechtfertigungsideologie.

„Rote Tage“

So war der Zeitpunkt mit Bedacht gewählt. Der Wahltag, ebenso wie die geplante Hochzeit von Kronprinz Felipe am 22. Mai, waren für die Polizei "rote Tage". König Juan Carlos, der am Donnerstag alle geplanten offiziellen Termine absagte und sich bereit hielt, zu den Entscheidungen des Krisenkabinetts unter Aznar das Seine beizutragen, wird jetzt wieder als nationale versöhnliche Stimme gebraucht werden. So besuchte die königliche Familie am Donnerstag erst ihre Kapelle und dann die Spitäler, und der Monarch zeigte sich wie beim Versuch altfrankistischer Putschisten im Jahr 1981 als Hüter der Verfassung.

Auch aus dem ebenso kleinlichen wie lautstarken Parteiengezänk, das in Spanien nicht anders ist als anderswo in Europa, erwuchs am Donnerstag eine Solidarität der Demokraten. Die Spitzenkandidaten werden alle dabei sein, wenn es an diesem Freitag darum geht, die Toten zu betrauern, die Verletzten zu trösten und die immense Provokation zu verurteilen. Dabei dürfte es aber nicht bleiben. Jede Regierung, die am Sonntag gewählt wird - sei es eine konservative mit absoluter Mehrheit, eine Mitte-rechts-Koalition mit Hilfe einiger Regionalisten oder ein breites Mitte-links-Bündnis aus Sozialisten, ehemaligen Kommunisten und gemäßigten baskisch-katalanischen "Nationalisten" - hat angesichts von Eta die gleiche Aufgabe. Die Wahl wird jetzt vor allem die Frage beantworten, wem die Spanier ihre Lösung weiterhin am meisten zutrauen.

Abrupt haben sich die innenpolitischen Parameter abermals verschoben. Eta war schon Wahlkampfthema, als herauskam, daß der neue Juniorpartner des sozialistischen Ministerpräsidenten Maragall in Katalonien, der Führer der "katalanistischen" Partei Esquerra Republicana (ERC), Carod-Rovira, sich nach Amtsantritt im Januar heimlich mit Mitgliedern der Terrorbande in Frankreich getroffen hatte. Dort, so die - von Carod-Rovira bestrittene - Vermutung, soll von einer einseitigen, auf Katalonien beschränkten, "Terrorpause" die Rede gewesen sein. Dieser Politiker, der Eta schon bei früheren Gelegenheiten nahegelegt hatte, doch vor einem Anschlag einmal "auf die Landkarte zu schauen", um zu realisieren, daß seine Region eigentlich gar nicht zu Spanien gehöre, hatte außerhalb Kataloniens indes wenig Glaubwürdigkeit. Letztere schmolz ziemlich restlos dahin, als Eta dann als eigentümlichen "Wahlkampfbeitrag" tatsächlich ankündigte, rückwirkend zum 1. Januar in Katalonien keine Attentate mehr zu begehen.

Die Bars füllten sich

Von da an galt Carod-Rovira außerhalb seiner Heimatregion als bester Wahlhelfer Aznars. In Katalonien erhielt er aber erstaunlichen und, laut Umfragen, wachsenden Zuspruch von Wählern, welche es "gar nicht so schlimm" fanden, daß einer wie er mit den radikalen Basken einen "friedlichen Dialog" zu führen versucht habe. In welchem Maß dies nun an den Urnen beispielhaft bestraft oder zumindest korrigiert wird, ist eine der Fragen, die sich das Land besonders erwartungsvoll stellt.

Die demokratischen Trotzreaktionen der Spanier und ihr Beharren, inmitten dieser Barbarei an der Südwestflanke Europas ihren Rechtsstaat zu verteidigen, ist ein gutes Zeichen für die Stabilität und das Selbstbewußtsein dieses prosperierenden Mitglieds der Union. Sie zeigten sich am Donnerstag nicht nur in den empörten und zugleich doch maßvollen Reden aller politischen Repräsentanten (die baskischen eingeschlossen), sondern auf bewegende Weise in den Straßen Madrids. Meinungsfreudig und im Schock dennoch unerschrocken schalten die Hauptstädter die "Feiglinge", die am Ende ihr Ziel doch nicht erreichen würden. Während im Bahnhof von Atocha die Bergungsmannschaften noch mit Schweißbrennern die Toten aus den zerfetzten Stahlwracks schnitten und behutsam nach Überlebenden suchten, gewann das Leben ein Stück seines gewohnten Madrider Rhythmus zurück.

Nur wenige Schritte von den Sperrzonen der Polizei entfernt mühte sich, als sich der Rauch verzogen hatte, eine geschundene, aber nicht eingeschüchterte Bevölkerung um ihren Teil der Normalität. Die Bars füllten sich. Die Schuhputzer und die Losverkäufer bezogen ihre Stammplätze. Vor dem Prado bildete sich erst zaghaft und dann mit immer größerem Zulauf eine Schlange, um drinnen vor den Bildern von Goya und Velazquez in der Kunst ein kleines Gegengewicht zu den Schrecken eines privaten Bürgerkrieges von Terroristen zu sehen. Auch eine Blumenverkäuferin nahe dem Museum öffnete, als die Sonne schon hoch über Madrid schien, ihren Stand und schenkte einem nach Worten ringenden Besucher aus dem Norden Europas zum Dank für seine Anteilnahme eine Handvoll gelber Gladiolen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. März 2004
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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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