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Anschläge im Irak „Wer die Explosion hört, hat überlebt“

08.12.2009 ·  Acht Anschläge an fünf Orten, mehr als hundert Tote: Unser Korrespondent Rainer Hermann verließ um 10.25 Uhr gerade das irakische Außenministerium, als die Bomben in Bagdad explodierten. Er berichtet über eine gespenstische Stille zwischen den Detonationen, das Chaos und die Verzweiflung danach.

Von Rainer Hermann, Bagdad
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„Das ist das Projekt Tod“, sagt fassungslos ein Passant. Ohnmächtig blicken die Menschen um sich. An mehreren Orten steigen dunkle Rauchwolken in den wolkenverhangenen Bagdader Winterhimmel. Es war sehr schnell gegangen.

Um 10.25 Uhr verlassen wir gerade das irakische Außenministerium, da zerreißt der erste Knall wie ein Kanonenschuss die Luft. Drüben in Dora, jenseits des Tigris, steigt die erste Rauchwolke auf. Es vergeht keine Minute, noch ist kein Sirenengeheul zu hören, als aus der entgegengesetzten Richtung ein zweiter Knall ertönt, auf den gleich ein dritter aus derselben Richtung folgt. Später erfahren wir, dass die Maghrebstraße das Ziel war. Noch haben wir nicht den Ausgang des Ministeriums erreicht, da folgt im Westen der Stadt eine noch wuchtigere Detonation. Die Menschen zucken zusammen. Für einen Augenblick steht in der lauten Stadt das Leben still, gespenstische Stille legt sich über die. Hilflos laufen auch die Sicherheitsleute auf und ab, ihre Kalaschnikows anschlagbereit in der Hand. „Wer die Explosion hört, hat überlebt“, tröstet einer sich selbst und die anderen auf dem großen Hof. Wieder knallt es, diesmal stärker, der Boden bebt, Sirenengeheul setzt ein. Rechts neben der Rauchwolke senkt sich eine irakische Flagge.

Wir gelangen an die Straße, die rechts hinunter in die Grüne Zone führt. Sie ist schon gesperrt. Die Sicherheitsmänner schieben uns hinter die mehr als fünf Meter hohen Betonquader zurück, die das Außenministerium seit dem verheerenden Anschlag vom 19. August schützen. „Geht hinter die Sandsäcke und ja nicht in die Nähe von Fensterscheiben“, rufen sie. Sie behalten Recht. Weitere Explosionen folgen im Minutentakt. Mit acht Anschlägen an fünf Orten haben Terroristen die Iraker am Dienstag wissen lassen, dass sie mitten unter ihnen sind, überall.

Acht Anschläge an fünf Orten, mehr als hundert Tote: Unser Korrespondent Rainer Hermann verließ um 10.25 Uhr gerade das irakische Außenministerium, als die Bomben in Bagdad explodierten. Er berichtet über eine gespenstische Stille zwischen den Detonationen, das Chaos und die Verzweiflung danach.

Nach den Explosionen kommen die Fragen:

Wo haben die Terroristen zugeschlagen? Wie viele mussten sterben? Sind Verwandte und Freunde unter den Opfern? Das Mobilfunknetz ist überlastet, Gespräche kommen nicht zustande. Die Polizei hat Straßen in der Nähe wichtiger Regierungsgebäude und der Anschlagsorte umgehend gesperrt. Der ohnehin dichte Verkehr wälzt sich noch langsamer durch die anderen Straßen, für die Krankenwagen werden Gassen freigemacht, um Verletzte zu retten und Tote zu bergen.

Noch immer haben wir das Außenministerium nicht verlassen. Später erfahren wir, dass die meisten Ziele der Terroristen Einrichtungen der Regierung waren. Das Außenministerium hat seinen Blutzoll schon am 19. August entrichtet. Damals zerriss eine gewaltige Bombe die Fassade und zerstörte die unteren der zehn Stockwerke. Die Fassade ist jetzt fast wieder hergestellt, für die leeren Büros werden neue Möbel angeliefert. Aber die Lifte haben noch keine Türen, und in der Lobby des Hauptgebäudes erinnern die Bilder von 42 der 53 getöteten Diplomaten an den Tag des Schreckens.

„Das haben wir von der Demokratie“

Am Montag hatte das Parlament einem neuen Wahlgesetz zugestimmt, und am Dienstagmorgen hatte sich der Präsidialrat auf den 6. März als neuen Termin für die Parlamentswahl geeinigt. Dann gingen die Bomben hoch. „Das haben wir von der Demokratie“, klagt eine Frau. Die Terroristen von Al Qaida lehnen jegliche Form von Demokratie ab und zerbomben sie.

Dieser blutige Dienstag indes war sicher nicht nur eine Reaktion auf das Wahlgesetz, die acht Explosionen waren eine koordinierte Aktion, langfristig geplant. Der Anschläge am Dienstag hat sich Al Qaida zwar noch nicht bezichtigt, wohl aber jener am 19. August und am 25. Oktober gegen Einrichtungen es Staats und der Regierung. Erst vor einer Woche hatte die Justiz drei Helfer jener Anschläge vorgeführt. Entgegen den Beteuerungen der Regierung, dass Iraker anderer Iraker nicht töteten, waren die drei Helfer Iraker.

Regen setzt ein, die Temperatur fällt. Der Verkehr wird noch dichter, die Staus werden unerträglich. Unser Fahrer bleibt unerreichbar. Er wollte tanken, an einer Tankstelle, in deren Nähe die größte Detonation zu hören war. Später erfahren wir, dass ihm nichts zugestoßen war. Wir finden ein leeres Taxi, und nähern uns einer Rauchwolke. Die Straße dorthin ist gesperrt, Militärfahrzeuge kommen uns entgegen. Scharfer Geruch von Verbranntem und versengtem Metall liegt in der Luft. Wieder ist eine Straße gesperrt und wir müssen umkehren. „Das machen sie nach jedem Anschlag so, und das ist doch keine Lösung“, schimpft der Taxifahrer.

„Was ist das für ein Zweck, Menschen zu töten?“

Einmal, vor zwei Jahren, war er in einen Anschlag geraten, erzählt er. Die Wucht der ersten Detonation habe ihn unverletzt zu Boden geworfen, vor der zweiten Bombe habe ihn nur der hohe Bordstein geschützt. „Was ist das für ein Zweck, Menschen zu töten?“, fragt er, und blickt dem Fremden ratlos in die Augen. Im Autoradio ist gerade zu hören, dass die Polizei nach zwei weiteren verdächtigen Autos sucht, die offenbar auch für Selbstmordattentäter vorgesehen waren, die ihre Bomben aber nicht zündeten. Die Schlangen vor den unzähligen Kontrollpunkten werden noch länger. Noch nervöser setzen dort die irakischen Soldaten ihre Spürgeräte für Sprengstoff ein.

Ein Augenzeuge kommt müde aus der Maghrebstraße. Er ist blass vor Schrecken. Vor seinen Augen sei erst eine Bombe in einer Seitengasse hoch gegangen, erzählt er. Glassplitter, spitz wie Mordwaffen, hatten Menschen getötet, Verletzte seien blutüberströmt gewesen. Mit anderen sei er gleich zu Hilfe geeilt, da sei hinter ihnen vor der Kunstakademie eine zweite Bombe detoniert. Sie wollten helfen, wussten aber nicht weiter. Denn die zweite, mächtigere Bombe ließ die Strommasten einknicken. Nun hatten sie Angst, dass alles unter Strom stehe. „Die Bomben sind doch nicht vom Himmel gefallen“, gestikuliert er und weitet seine Arme. Die Polizei, ja die Polizei sei doch käuflich, schimpft er. Für etwas Geld arbeiteten sie doch für beide Seiten. Nein, er traut den Polizisten nicht.

Der blutige 8. Dezember erinnert daran, dass der Irak von Normalität noch weit entfernt ist. Normalität bedeutet hier fünf bis zehn Vorfälle am Tag allein in Bagdad. Zu ihnen zählen auch vereitelte Anschläge. Der November war der Monat mit der niedrigsten Zahl von Terroropfern seit dem Fall von Saddam Hussein. Im Dezember steigt die Zahl wieder steil. Das Terrornetz Al Qaida hatte schon mit den Anschlägen im August und Oktober gezeigt, dass es den Staat und die mit Billigung Washingtons eingesetzte Regierung treffen will. Der Dienstag bestätigt, dass die Zahl der kleinen Anschläge zurückgeht, dass Al Qaida an seinem „Projekt Tod“ mit koordinierten, großen Anschlägen aber hartnäckig festhält.

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