09.07.2009 · Seit Tagen greifen Hacker amerikanische und südkoreanische Websites an. Ein Fachmann sieht darin „einen Test, welche Behörden für Angriffe gewappnet sind“. Südkoreas Geheimdienst und eine Softwarefirma warnen vor einer dritten Angriffswelle.
Südkoreanische Internetseiten sind am Donnerstag den dritten Tag nacheinander Angriffen zum Opfer gefallen, die teils zu Ausfällen führten. Betroffen waren etwa ein halbes Dutzend Seiten, darunter die der Nationalversammlung, des Verteidigungs- und des Außenministeriums sowie des Geheimdienstes. Der Geheimdienst in Seoul schließt nicht aus, dass hinter dem Angriff Nordkorea oder nordkoreanische Sympathisanten stecken. Die Angriffe folgen auf Attacken auf Internetseiten in den Vereinigten Staaten, die am 4. Juli begonnen hatten.
Schon Dienstag und Mittwoch hatten ähnliche Angriffswellen südkoreanische Internetseiten, darunter populäre Portale und die Auftritte von Banken und einer Zeitung, in noch größerem Umfang lahmgelegt. Dabei bombardieren durch eingeschleuste Programme (Viren) infizierte Rechner die Server der Angriffsziele mit Anfragen, so dass diese nicht mehr erreichbar sind (sogenannte Denial-of-Service-Attacken). Mindestens 29.000 Computer sollen nach Angaben des Softwareunternehmens Ahn Lab Inc., das sich auf den Netzwerkschutz spezialisiert hat, in Südkorea mit dem Virus infiziert sein. Der südkoreanische Geheimdienst und Ahn Lab warnten am Donnerstag vorab vor der dritten Angriffswelle, nachdem in dem Computervirus entsprechende Hinweise entdeckt worden waren.
Auch Amazon und die „Washington Post betroffen“
Das Verteidigungsministerium kündigte an, schon im kommenden Jahr und damit ein Jahr früher als geplant ein Kommando gegen solche Attacken aus Nordkorea einzurichten. 489 Milliarden Won (rund 270 Millionen Euro) will das Ministerium im kommenden Jahr für die Verteidigung vor Cyber-Angriffen ausgeben. Nach südkoreanischen Angaben betreibt Nordkorea eine Einheit zur Kriegsführung im Cyberspace, die sich gegen Südkorea und die Vereinigten Staaten richte. Der Geheimdienst in Seoul teilte mit, die operativen Computernetze der Präsidialamtes und von Ministerien seien vor solchen Angriffen geschützt, da sie seit März vom Internet getrennt seien.
In Washington waren neben dem Finanz- und dem Verkehrsministerium, der Handelskommission und dem „Secret Service“ das Weiße Haus sowie das Außen-, Verteidigungs- und das Heimatschutzministerium betroffen. Außerdem wurden die Websites der Börse in New York, der Tageszeitung „Washington Post“ und des Internethändlers Amazon angegriffen.
In allen Fällen handelte es sich um technisch wenig anspruchsvolle Angriffe. Fachleute waren weiterhin uneins, ob das Regime in Pjöngjang in die Cyber-Attacken verwickelt sei oder ob es sich um herkömmliche Angriffe von Hackern handele. Obwohl nach Angaben der Behörden und Unternehmen bei den sogenannten Denial-of-Service-Angriffen kein finanzieller Schaden entstand und zumal keine Daten beschädigt oder gar entwendet wurden, zeigten sich Fachleute besorgt, dass schon mit technologisch wenig anspruchsvollen Mitteln ein erheblicher Effekt erzielt werden konnte.
James Lewis vom Washingtoner „Center for Strategic and International Studies“ äußerte die Ansicht, die Angriffe seien „ein Test, welche amerikanischen Behörden für Angriffe gewappnet sind und welche nicht“. John Wheeler, ein ehemaliger Fachmann für Informationstechnologie der amerikanischen Luftwaffe, sagte der „Los Angeles Times“, mit den scheinbar harmlosen Angriffen könnten Programme auf die attackierten Websites deponiert worden sein, die später aktiviert werden könnten. Jim Harper von der unabhängigen Forschungseinrichtung „Cato Institute“ bezeichnete die Angriffe dagegen als „so schlecht wie man sie sich nur vorstellen kann“; sie hätten allenfalls einige Unannehmlichkeiten verursacht und seien von der amerikanischen und auch der südkoreanischen Bevölkerung kaum wahrgenommen worden.
Andere Fachleute meinen, hinter den Angriffen könnten Informatiker stecken, die wie Cyber-Söldner in fremdem Auftrag handelten und für die Attacken bezahlt würden. Präsident Obama will im Weißen Haus den Posten eines Sonderbeauftragten für Netzsicherheit schaffen.