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Terrorismus : Im Gewand des Feindes

Undurchsichtiger Krieg: Als UN-Soldaten getarnt griffen Terroristen an. Bild: dpa

Als UN-Soldaten getarnte Terroristen haben in Mali Blauhelme angegriffen. Der Krieg in der Wüste wird immer undurchsichtiger.

          Auf so einen Angriff waren die Soldaten der Vereinten Nationen nicht vorbereitet: In voller Blauhelmmontur und in zwei Fahrzeugen, von denen eines mit dem Schriftzug der UN und das andere in den Farben der malischen Armee bepinselt war, näherten sich am Samstag Dschihadisten zwei Stützpunkten nahe der Stadt Timbuktu.

          Thilo Thielke

          Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Einer der mit Sprengstoff beladenen Wagen explodierte kurz vor dem Quartier der UN-Truppen. Als das zweite Fahrzeug, das mit dem Logo der Vereinten Nationen versehen war, gestoppt wurde, kam es zu einem Feuergefecht – nach Angaben malischer Behörden wurden dabei von den Militanten Dutzende Raketen abgefeuert. Bilanz der Attacke: mindestens ein toter Blauhelm, mehr als ein Dutzend Verwundete, unter ihnen fünf Schwerverletzte. Unter den Opfern sollen sich nach malischen Angabe auch zehn Franzosen befunden haben.

          Der Tote vom Wochenende ist bereits das achte UN-Todesopfer, das der Konflikt in dem westafrikanischen Staat in diesem Jahr gefordert hat. Seit dem Beginn der Blauhelmmission vor fünf Jahren starben bereits 163 Angehörige der Mission. Seit damals ist auch die Bundeswehr in Mali im Einsatz – zunächst nur im Süden, im Rahmen einer EU-Ausbildungsmission, seit 2016 auch mit Kampftruppen im gefährlichen Norden des Landes, in dem seit Jahren Islamisten ihr Unwesen treiben und wo die UN-Stabilisierungsmission Minusma mit derzeit rund 13.000 Soldaten und fast 2000 Polizisten im Einsatz ist – darunter mehr als 1000 Deutsche. In dieser Gegend kamen im vergangenen Sommer auch zwei Bundeswehrpiloten ums Leben, als sie rund 70 Kilometer nordöstlich der Stadt Gao mit ihrem Tiger-Kampfhubschrauber abstürzten.

          Zwar warnt das Auswärtige Amt schon seit langem: „Insbesondere im Norden und im Zentrum Malis und in der Region Mopti kommt es zu Anschlägen und militärischen Kampfhandlungen; in den nord-östlichen und zentralen Landesteilen sind Terrorgruppen aktiv.“ Dennoch stellt der Anschlag vom Wochenende – Terroristen, die im Gewand des Gegners angreifen – eine neue Qualität dar. „Solch einen Überfall haben wir bislang noch nicht erlebt“, berichtete ein Mitarbeiter aus dem Gouvernement von Timbuktu.

          Der Drogenhandel in Mali blüht mehr denn je

          Lange Zeit galt Mali, wo 1992 zum ersten Mal demokratische Wahlen stattfanden, als Musterdemokratie – Touristen pilgerten in die Oasenstadt Timbuktu, um die jahrhundertealten Schriften oder einheimische Musiker beim „Festival au Désert“ zu bestaunen, oder sie strolchten durch die bizarren Dörfer der Dogon, die ihre Häuser zum Schutz vor Feinden einst direkt in die Felsen gebaut hatten. Das Chaos in Mali brach Ende 2011 aus, als im Norden des Landes die Tuareg eine „Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad“ gründeten (sie nennen den Norden Malis Azawad) und bald darauf einen Aufstand gegen die Zentralregierung in Bamako begannen. Unterstützung fanden die Rebellen aus dem Norden schnell bei rückkehrenden Söldnern, die nach dem Sturz des Diktators Muammar al Gaddafi Libyen verlassen hatten. Mit Hilfe dieser Desperados gelang es den Aufständischen, innerhalb kurzer Zeit große Teile des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen, darunter die Städte Gao und Timbuktu. Allerdings übernahmen schnell die Islamisten das Kommando, verdrängten die Tuareg und errichteten in den eroberten Gebieten einen Gottesstaat. Gestürzt wurden die Frömmler aus der Wüste erst, als Anfang 2013 französische Kommandos eingriffen und dem islamistischen Spuk mit der „Operation Serval“ ein Ende bereiteten.

          Seitdem versuchen ausländische Truppen, die Lage halbwegs unter Kontrolle zu bekommen und die malische Armee zu unterstützen. Seit 2014 führen rund 1000 französische Spezialkräfte der „Opération Barkhane“ in Mali den Kampf gegen Dschihadisten, haben sich dafür allerdings auch mit einer Reihe zwielichtiger Gestalten verbündet. Militärisch funktioniere der Kampf gegen die Islamisten halbwegs, glaubt der französische Militärexperte Roland Marchal, die Sicherheitslage habe sich dennoch verschärft: „Der Drogenhandel zum Beispiel blüht mehr denn je – Mali ist heute sehr viel weniger sicher als 2014, als die ‚Opération Barkhane‘ begann.“

          Der Afrika-Experte der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik, Denis Tull, bezweifelt gar, dass die Regierung in Bamako ein nennenswertes Interesse daran hat, die eigene Armee besser auszubilden und in den Kampf gegen die Dschihadisten zu schicken. Schon immer delegiere die malische Regierung gerne „staatliche Kernaufgaben“ an „intermediäre Akteure“. So seien Hilfsorganisationen weitgehend fürs Soziale zuständig und ausländische Truppen und Milizen fürs Militärische. Tull: „Der politische und militärische Rückhalt der internationalen Partner verleitet die lokalen Regierungen dazu, die Konsequenzen ihres Handelns bzw. Nichthandelns zu ignorieren.“

          Nicht allzu zuversichtlich ist auch die Mali-Expertin Charlotte Wiedemann, die kürzlich für die Heinrich-Böll-Stiftung eine Studie („Viel Militär – wenig Sicherheit“) erarbeitet hat. „Die Grenzen zwischen Terroristen und Partnern werden immer verschwommener“, zitiert sie einen deutschen Entwicklungshelfer. Es sei für niemanden ein Geheimnis, dass all das zum Tod vieler Blauhelme führe. In einem Minusma-Bericht von März 2017 heiße es zudem: „Die transnationale organisierte Kriminalität und der Schmuggel schaffen ein ständiges Einkommen für die gewalttätigen extremistischen Gruppen, die in Mali operieren und die Minusma angreifen.“

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