Andrzej Lepper, Boxer, Bauer, Sträfling und Volkstribun, soll jetzt in Polen der Führungspartner der Brüder Kaczynski werden. Die Verbindung wirkt auf den ersten Blick abenteuerlich, denn der Gegensatz zwischen der kleinbürgerlichen, auf Recht und Gesetz erpichten Wählerschaft der Zwillinge einerseits und dem vorbestraften, randalierenden, bramarbasierenden Herrscher der bäuerlichen „Samoobrona“ (Selbstverteidigung) andererseits scheint unüberbrückbar zu sein.
Während ein Funktionär der Kaczynski-Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) seine Karriere im Idealfall in irgendeiner polnischen Kleinstadt im Kampf gegen den Sexualkundeunterricht oder als Organisator vaterländischer Gedichtwettbewerbe begonnen hat, stand Lepper nach der Wende an der Spitze wütender Bauernhaufen, die im Protest gegen die Europäische Union Straßen blockierten oder Geflügelfarmen stürmten, um das erbeutete Fleisch „an die Armen“ zu verteilen.
Einzug ins Parlament im Jahr 2001
Daß dabei dem einen oder anderen Gegner ein Davidstern ins Haar geschoren wurde, daß Leppers Stoßtrupps Agrarfunktionäre in der Schubkarre auf den Misthaufen fuhren oder ihnen öffentlich den Hintern versohlten, hat den Parteichef zwar schon einmal ins Gefängnis gebracht. Seine Partei aber schaffte dafür im Jahre 2001 den Einzug ins Parlament.
Trotz aller Unterschiede aber liegt auch Logik in jenem Pakt, den die Brüder Kaczynski jetzt, in Leppers 51. Lebensjahr, mit dessen Samoobrona schließen möchten. Beide Seiten repräsentieren je einen bestimmten Typus des Fundamentalprotests gegen die nachkommunistische „Dritte Republik“, wie sie 1989 als Kompromiß zwischen liberal gesinnter Opposition und kommunistischem Establishment entstand. Die Brüder Kaczynski haben dabei vor allem die christlich-patriotisch motivierte Dissidenz an sich gebunden - Leute, die unter dem altpolnischen Banner von „Gott, Ehre, Vaterland“ der Diktatur aktiv oder stillschweigend widerstanden hatten und welche der neuen Demokratie die Wiederkehr der gewendeten Kommunisten in den neunziger Jahren nicht verzeihen konnten.
Neigung zum patriarchalischen Sozialstaat
Lepper dagegen wandte sich weniger gegen die Wiederkehr des Alten als gegen die Härten des Neuen: gegen Entlassungen, Markt und „Liberalismus“, vor allem aber gegen die Not auf dem Lande. Die radikalen Reformen der frühen neunziger Jahre haben im Agrarland Polen zahllose Kleinbauern in den Ruin getrieben. Die Arbeitslosigkeit ist mit 18 Prozent immer noch die höchste in Europa und verschafft jedem, der wie Lepper für ein „soziales Minimum“ und „Solidarität“ eintritt, eine stabile Wählerbasis.
Der gemeinsame Protest gegen die „Dritte Republik“ könnte bei aller Unterschiedlichkeit ein brauchbarer Kitt werden zwischen den gesetzesfixierten „Sheriffs“ Jaroslaw und Lech Kaczynski und dem Rabauken Lepper. Selbst wenn er nicht ganz so fest im Schoß der Kirche ruht wie sie und wenn es nicht ganz ihrem auf Ehrbarkeit bedachten Stil entspricht, daß er Hitlers soziale Fürsorglichkeit lobt oder die des weißrussischen Diktators Lukaschenka - in ihrer Neigung zum patriarchalischen Sozialstaat unter straffer Führung finden die Kaczynskis und Lepper zusammen.
