Die blutigsten Kämpfe nach dem Sturz von Saddam Hussein hatten in der Provinz Anbar stattgefunden. Hier rief Al Qaida im Sommer 2006 den „Kalifatstaat“ aus. Zwei Jahre danach ist die Provinz eine der ruhigsten im ganzen Irak. Am Montag übergab Generalmajor John Kelly, der Kommandeur der amerikanischen Truppen in Anbar, die Kontrolle über die Sicherheit in der Provinz an die irakische Regierung. Sie ist damit nun in elf der 18 Provinzen für die Sicherheit verantwortlich.
In Anbar, das an Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien grenzt, sind 28.000 amerikanische Soldaten stationiert. Sie werden in der Öffentlichkeit nur noch dann in Erscheinung treten, wenn der Gouverneur ihre Unterstützung anfordert. Ihre Aufgaben übernehmen 37.000 irakische Soldaten und Polizisten. Vor drei Jahren waren es gerade einmal 3.000. Seit Monaten arbeiten die irakischen Einheiten bereits unabhängig. Die Übergabe war ursprünglich für den 28. Juni vorgesehen. Wegen eines Sandsturms und interner Auseinandersetzungen unter den Sunniten wurde sie zweimal verschoben.
Von gefeierten Aufständischen zu einfachen Kriminellen
Noch immer finden in Anbar jede Woche acht bis zehn Anschläge statt. Doch das gilt als wenig in der größten, allerdings ölarmen Provinz des Iraks, in der 1,2 Millionen Menschen leben. Heute funktionieren die staatlichen Institutionen. Die einst gefeierten Aufständischen sind nur noch Kriminelle. Die Provinz liegt im Herzen des „sunnitischen Dreiecks“. In ihr wohnen nahezu ausschließlich sunnitische Araber, die überwiegend dem Großstamm der Dulaim angehören.
Der war einer der verlässlichsten Stützen des Regimes von Saddam Hussein gewesen. Daher brach unmittelbar nach dem Sturz von Saddam Hussein der heftigste Widerstand gegen die Besatzer in Falludscha und Ramadi aus. Wiederholt versuchten amerikanische Einheiten, die Kontrolle über die beiden Städte wiederherzustellen. Bei der ersten Schlacht um Falludscha im Jahr 2004 wurden mehrere hundert Zivilisten getötet, bei der zweiten wurden weite Teile der Stadt in Schutt und Asche gelegt.
Aufständische und Dschihadisten füllten das Vakuum
Anbar, das bekannt ist für seine starken Stammes- und religiösen Bindungen, wurde zum Zentrum der Aufständischen. Keine andere Provinz forderte die hoch überlegene amerikanische Armee stärker heraus. Ein Drittel der amerikanischen Soldaten, die im Irak ihr Leben lassen mussten, wurde in Anbar getötet. In ihr setzten die Aufständischen erstmals die „unkonventionellen Sprengkörper“ ein, die danach überall zur wichtigsten Waffe der Aufständischen wurden. Am 15. Oktober 2005 lehnten 97 Prozent der Wähler der Provinz die neue Verfassung ab. Dschihadisten des Terrornetzes Al Qaida, die aus dem Ausland in den Irak einsickerten, fanden in der Provinz ihr Rückzugsgebiet. Unter Führung von Abu Musa al Zarqawi operierten sie aus den großen und auch aus den kleineren Städten heraus, die nahe der Grenze zu Syrien liegen.
Funktionierende Institutionen gab es nicht mehr, Aufständische und Dschihadisten füllten das Vakuum. Sie hatten die Provinz fest unter ihrer Kontrolle. Die Lage änderte sich, als sich die lokale Bevölkerung gegen die Dschihadisten wandte. Sie war deren Brutalität überdrüssig und lehnte die puristische Auslegung des Islams von Al Qaida ab. Eine Rolle spielte dabei die Unterstützung des schiitischen Irans für Al Qaida, eine andere der Versuch der Dschihadisten, über Ehen mit Töchtern der Stammesführer langfristige Loyalitäten zu schaffen. Die sunnitischen Stammesführer lehnten solche Ehen mit Gebietsfremden ab.
„Modell Anbar“
Die Folge war, dass sich die Stammesführer unter Leitung von Scheich Abdulsattar Abu Rischa im Spätsommer 2006 an die Amerikaner wandten und ihnen anboten, Al Qaida gemeinsam zu bekämpfen. Rischa stand an der Spitze der im September 2006 gegründeten „Rettungsfront Anbar“, der sich 42 sunnitische Stämme anschlossen. Ende 2006 waren sich beide Seiten einig. Nun gingen „Erwachungsräte“ (Sahwa) gegen die Dschihadisten vor. Nach nur einem Jahr war Anbar eine der sichersten Provinzen. Die amerikanische Armee übertrug das „Modell Anbar“ nun auf andere Provinzen und ließ dort lokale Polizeigruppen gemeinsam mit den offiziellen irakischen Sicherheitskräften patrouillieren, Straßenkontrollen errichten und gegen Extremisten vorgehen.
Dieses Vorgehen trug entscheidend zum Rückgang der Gewalt bei. Abu Rischa wurde aber am 13. September 2007 bei einem Vergeltungsanschlag von Al Qaida getötet. Seit ein paar Monaten klagen nun die Führer der Erweckungsräte, dass sich die Regierung Maliki weigere, ihre Mitglieder in die irakischen Sicherheitskräfte zu übernehmen. Jüngst argumentierte Maliki, die Erweckungsräte hätten ihren Dienst getan und würden nicht länger gebraucht.
M o d e l l provinz ?
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 02.09.2008, 04:14 Uhr
"die Unterstützung des schiitischen Irans für Al Qaida"
Klaus Meyer (deutschlaender2)
- 02.09.2008, 06:29 Uhr
Wer trauert um die irakischen Opfer?!
Anne Frazer (Anne.Frazer)
- 02.09.2008, 11:42 Uhr
An Fr.Frazer,Warum interessieren Sie sich jetzt auf einmal für die irak.Opfer?
Jan Skalski (Skalski)
- 02.09.2008, 13:49 Uhr
Die Studie ist mir bekannt @Frau Frazer
Antonio Rivas (arivas)
- 02.09.2008, 16:02 Uhr
