Home
http://www.faz.net/-gq5-pxkw
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 18. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Amtseinführung Mit einer Beziehung zum Herrn

20.01.2005 ·  Bei der pompösen Amtseinführung von George W. Bush feierte das amerikanische Volk vor allem sich selbst. Der Präsident wiederum verpaßte die Gelegenheit nicht, seine enge Beziehung zu Gott in all seinen Facetten darzustellen.

Von Matthias Rüb, Washington
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Großer Aufwand für einen einzigen Tag: Gut 40 Millionen Dollar haben die Inaugurationsfeierlichkeiten vom Donnerstag verschlungen, alles finanziert von Firmen und Privatleuten, nicht aus öffentlichen Mitteln. Was sogleich die Frage aufwarf, was ein Unternehmen wie die Hotelgruppe „Marriott“ mit Spenden des Stammhauses und verschiedener Tochterfirmen in Höhe von insgesamt 750 000 Dollar bezwecken könnte.

Die Demokraten monierten außerdem, man hätte mit dem Geld so viel Gutes in Amerika und in der Welt tun können. Die Republikaner erwiderten, Präsident Bill Clintons zweite Amtseinführung im Januar 1997 habe ebenfalls knapp 30 Millionen Dollar gekostet - zu schweigen von der im November feierlich eröffneten „Präsidentenbibliothek“ Clintons in Little Rock im Bundesstaat Arkansas, die gar 165 Millionen Dollar verschlungen habe.

Das Volk feiert sich selbst

Wahrscheinlich ist es unumgänglich, daß Amtseinführungen des demokratisch gewählten Präsidenten des mächtigsten Landes der Welt gemischte Gefühle verursachen. Denn es ist die weithin sichtbare Bekräftigung, daß sich hier der mächtigste Mann der Welt anschickt, die Geschicke des Menschengeschlechts (weiterhin) maßgeblich zu beeinflussen. Zugleich aber ist all die Macht, über welche der Präsident verfügt, vom Volk als dem eigentlichen Souverän nur geliehen. Zudem ist die Regierungszeit - seit 1951 - auf acht Jahre beschränkt, was für einen „Imperator“ eine recht kurze Herrschaftszeit ist.

Deshalb gilt der ganze Pomp, gelten Fahnen und Salutschüsse zwar vordergründig dem Mann, der hier seine Macht antritt, aber in Wahrheit und hintergründig doch dem amerikanischen Volk selbst, das sich in seiner Größe und Auserwähltheit feiert. Dieser Vorgang ist aber in sich paradox, weil die idolatrische Verehrung und Feier eines Herrschers eigentlich die Sache einer Monarchie oder einer Diktatur ist, in welcher die Potentaten ihre Legitimation entweder aus ihrem Status als Vertreter Gottes oder kraft gottgleicher Gewaltanmaßung beziehen.

„Kinderglauben“

Es ist nicht das einzige Paradox, das man im Zusammenhang mit der Amtseinführung von Präsident George W. Bush zu dessen zweiter und letzter Amtsperiode sowie mit Blick auf dessen Person und Amtsführung erkennen kann. Es ist zum Gemeinplatz geworden, daß dieser Präsident seine Kraft zum Regieren und Entscheiden zu guten Teilen aus seinem tiefen Glauben bezieht. Bush selbst bezeichnet sich - wie übrigens auch sein Amtsvorgänger Bill Clinton - als „wiedergeborenen Christen“, mithin als einen Menschen, der durch ein Erweckungserlebnis im Erwachsenenalter in seinem „Kinderglauben“, der verschüttet worden oder verloren gegangen sein mochte, neu bekräftigt wurde und den bewußten Weg zu Gott gefunden hat.

Jeden Arbeitstag beginnt der fromme Mann im Weißen Haus, der auch am Donnerstag wie üblich um halb sechs Uhr aufstand, mit Gebet und Bibellektüre. Und selbstverständlich stand am Donnerstag um kurz vor neun Uhr der Kirchgang zur „St. John's Episcopal Church“ - so etwas wie die „Dienstkirche“ amerikanischer Präsidenten in Sichtweise des Weißen Hauses - auf dem Programm. Auch bei der Amtseinführung selbst verlas der Pastor der Kirche, Reverend Luis León, auf Wunsch des Präsidenten das Fürbittgebet zu Beginn der Zeremonie.

Gebet oder nicht?

Der bekennende Atheist Michael Newdow aus Kalifornien hatte mit einer Eingabe beim Obersten Gericht bis zuletzt zu verhindern versucht, daß ein Gebet für den Präsidenten gesprochen wird, weil dies den Verfassungsgrundsatz der Trennung von Kirche und Staat verletze. Die neun Richter lehnten das Gesuch ohne Begründung ab. Und so kam es, daß León, ein kubanischer Immigrant mit linksliberalen Ansichten, mit welchem der Präsident in den ersten vier Jahren seiner Amstzeit eine offenbar recht tiefe Freundschaft geknüpft hat, das Bittgebet für George W. Bush sprach.

Welches Geschrei hatte sich unter den bitter enttäuschten linksliberalen Kommentatoren nach dem Wahlsieg Bushs vom 2. November erhoben: Bush habe „einen Dschihad in Amerika geführt, um einen im Irak führen zu können“, schrieb die Kolumnistin Marueen Dowd in der „New York Times“. An gleicher Stelle warnte Tom Friedman, Bush und seine Wähler wollten „ein ganz anderes Amerika“, während Garry Wills fragte, wo es sonst in westlichen Demokratien einen „solchen fundamentalistischen Eifer, solchen Zorn auf Säkularismus, so viel religiöse Intoleranz sowie Angst vor und Haß auf Modernität“ gebe. Kurzum, so lautete die Diagnose der einheimischen Berufsbesorgten, George W. Bush sei „ein theokratischer Präsident“ (Robert Kuttner in „The American Prospect“), es stehe eine Art Kampf der Zivilisationen „zwischen moderner Zivilisation und Anti-Modernisten“ bevor (so Präsident Bill Clintons früherer Arbeitsminister Robert Reich.

Bushs Beziehung zu Gott

Dazu paßt scheinbar, daß Bush in mehreren Interviews kurz vor der Amtseinführung die fundamentale Rolle seines Glaubens für sein Leben bekräftigte. Er glaube fest an Gott, schöpfe Kraft aus der täglichen Bibellektüre und aus dem Gebet sowie aus den Gebeten anderer für ihn. „Ich kann nicht erkennen, wie man Präsident sein kann, ohne eine Beziehung zum Herrn zu haben“, sagte Bush im Gespräch mit Redakteuren der konservativen Tageszeitung „The Washington Times“. Der folgende Satz freilich wurde seltener zitiert: „Ich verstehe vollkommen, daß es Aufgabe des Präsidenten ist und immer sein wird, das großartige Recht der Menschen zu schützen, ihren Glauben zu prakitizieren, wie sie es wünschen - oder auch keinen Glauben zu prakitizieren.“

Amerika ist „die Nation mit der Seele einer Kirche“ und „das einzige Land, das auf einen Glauben gegründet wurde“, wie es der britische Schriftsteller G.K. Chesterton formuliert. Es ist aber auch das Land des bis zur vollständigen Unübersichtlichkeit vielfältigen religiösen Lebens, zu dem allerlei Sekten wie eben auch der praktizierte Atheismus gehören. Und es ist das Land, dessen staatliches Postunternehmen zur Adventszeit Sonderbriefmarken herausgibt, auf denen jeweils Weihnachten, das jüdische Hannukah-Fest, das muslimische Eid zum Fastenbrechen nach dem Ramadan sowie auch das Kwanzaa-Fest - ein seit Mitte der sechziger Jahre vom 26. Dezember bis zum 1. Januar zelebriertes afrikanisch-amerikanisches und pan-afrikanisches Fusionsfest aus Elementen verschiedener Weltreligionen und dem Erntedankfest der Yoruba - gewürdigt werden.

Gottglaube gehört zum Amt

In seiner zweiten Inaugurationsrede am Fuße des Kapitols hat Präsident Bush abermals von Gott und dessen Geschenk der Freiheit an alle Menschenkinder gesprochen. Vor ihm haben an dieser und anderer Stelle von Abraham Lincoln, der nie einer Kirche angehörte, über Woodrow Wilson, Franklin D. Roosvelt und Harry Truman bis zu Dwight D. Eisenhower, John F. Kennedy und Bill Clinton viele Präsidenten von Gott geredet. Ein Gottesstaat ist Amerika trotzdem nicht geworden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2005, Nr. 17 / Seite 3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jenseits des Rubikon

Von Berthold Kohler

Wulffs Präsidentschaft begann mit großen Worten - und verlor sich im Winkeladvokatischen. Mehr 85 172