12.05.2009 · In amerikanischen Medien war von einer „öffentlichen Enthauptung“ die Rede: Die Absetzung des Heeres-Generals David McKiernan als Kommandeur der amerikanischen und Nato-Truppen in Afghanistan. Sein Nachfolger machte schon Saddam Hussein und Abu Musab al Zarqawi ausfindig.
Von Matthias Rüb, WashingtonIn amerikanischen Medien war von einer „öffentlichen Enthauptung“ die Rede: Darauf seien in Afghanistan gewöhnlich die Taliban spezialisiert, doch in diesem Fall habe der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates die grausame Prozedur vollzogen. Die Rede ist von der Absetzung des Heeres-Generals David McKiernan als Kommandeur der amerikanischen und Nato-Truppen in Afghanistan. Zuletzt, so wollen amerikanische Militärhistoriker und Pentagon-Fachleute herausgefunden haben, sei im Jahre 1951 ein General mitten im Krieg von der zivilen Führung in Washington gefeuert worden: Die Entlassung von General Douglas McArthur wegen dessen Kritik an der Strategie für den Korea-Krieg beschäftigt die Historiker bis heute.
Über die Ablösung des Afghanistan-Kommandeurs haben Verteidigungsminister Gates und seine Berater seit einiger Zeit nachgedacht. Der Streit zwischen Kabul und Washington über die jüngsten amerikanischen Luftangriffe mit zahlreichen getöteten Zivilisten dürfte die Bekanntmachung der Wachablösung beschleunigt haben. Damit endet die 37 Jahre währende Karriere eines angesehenen und von seinen Soldaten respektierten Offiziers vorzeitig. Die Nachfolge McKiernans, der erst vor elf Monaten das Kommando in Kabul über die derzeit 45.000 amerikanischen Soldaten sowie über die 32.000 Mann aus alliierten Staaten übernommen hatte, tritt Heeres-Generalleutnant Stanley McChrystal an. Er ist derzeit noch bei den Vereinigten Stabschefs im Pentagon unter Admiral Mike Mullen tätig; seine Bestätigung durch den Senat gilt als sicher.
Er machte Hussein und al Zarqawi ausfindig
McChrystal gilt als einer der begabtesten Führungsgestalten der mittleren Generation von Offizieren. Im Irak-Krieg befehligte er jene Einheiten, die den gestürzten Diktator Saddam Hussein in einem Erdloch nahe seiner Heimatstadt Tikrit aufspürten und verhafteten sowie den Führer des irakischen Ablegers des Terrornetzes Al Qaida, Abu Musab al Zarqawi, ausfindig machten und die Luftangriffe anforderten, bei denen Zarqawi getötet wurde. Ein dunkler Fleck in McChrystals Karriere ist der Tod des Football-Spielers Pat Tillman, der eine Profikarriere abgelehnt hatte, um mit in der Eliteeinheit der „Army Rangers“ in Afghanistan zu kämpfen und dort 2004 bei einer Aktion gegen die Taliban versehentlich von Kameraden erschossen wurde. McChrystal soll zunächst falsche Informationen über die Todesumstände Tillmans weitergegeben haben, damit diesem postum eine Tapferkeitsmedaille verliehen wird.
Die Berufung McChrystals für den Posten in Afghanistan deutet darauf hin, dass die amerikanischen Truppen, die bis Jahresende um 23.000 auf 68.000 Mann aufgestockt werden sollen, mehr mit Operationen von Spezialeinheiten gegen die Taliban vorgehen werden. Der bisherige Kommandeur McKiernan gilt als Verfechter einer traditionellen Heeresdoktrin und hatte eine Truppenaufstockung um mindestens 30.000 Mann gefordert, die aber im Weißen Haus und im Pentagon abgelehnt wurde.
„Neue Möglichkeiten“ für die Koalitionstruppen
Eine weitere Neuerung im Rahmen der strategischen Umorientierung für Afghanistan und auch Pakistan ist die Schaffung des Postens eines stellvertretenden Kommandeurs für die Koalitionstruppen in Afghanistan, der zudem Befehlshaber aller amerikanischen Soldaten am Hindukusch sein wird. Auf diesen Posten hat Gates Heeres-Generalleutnant David Rodriguez berufen, der bei früheren Einsätzen im Osten Afghanistans die 82. Luftlandedivision erfolgreich gegen die Aufständische einsetzte. Auch die Ernennung Rodriguez‘ bedarf der Bestätigung durch den Senat. Gates lobte die außerordentliche Erfahrung seiner künftigen Afghanistan-Kommandeure in der asymmetrischen Kriegsführung gegen Aufständische, die den Koalitionstruppen „neue Möglichkeiten eröffnen“ werde.
Aus dem Weißen Haus hieß es, die Durchsetzung der neuen Strategie für Afghanistan – mehr Soldaten aus Spezialeinheiten, ein besserer Schutz für die Zivilbevölkerung gegen die Taliban und weniger Angriffe, bei denen Zivilisten zu Schaden kommen könnten – habe auch einen Wechsel an der Führungsspitze der Truppen erfordert. Michael O‘Hanlon, Militärfachmann bei der linksliberalen Forschungseinrichtung „Brookings Institution“, beschreibt McChrystal und Rodriguez als „Superstars in Wartestellung“, die nach ihren Dienstzeiten in wichtigen Stäben im Pentagon nur darauf warteten, in die Schlacht gegen die wiedererstarkten Taliban in Afghanistan geschickt zu werden.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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