Auch die britische Labour Party hat Zaungäste zum Kongreß der Demokraten nach Boston entsandt, aber getarnt. Einige sind sogar nur auf Urlaub in Massachusetts, nutzen die mehrtägige Fernerholung aber zum Abstecher in die Hinterzimmer der Tagung. Denn Labour und die Demokraten sind zwar eigentlich Schwesterparteien, doch die aktuelle politische Brüderschaft bindet Premierminister Blair mit Präsident Bush zusammen, nicht mit seinem Konkurrenten Kerry. Deshalb hat Außenminister Straw die Minister und ihre Stäbe angewiesen, sich vom Wahlkampf der Demokratischen Partei fernzuhalten. Dennoch sucht London auch für den Fall vorzusorgen, daß Tony Blair demnächst "Schulter an Schulter" mit einem Präsidenten Kerry Politik machen muß.
Labours Reisende werden geführt von Douglas Alexander, dem Minister für das Kabinettsbüro. Als Staatsminister gehört Alexander nicht zum Kabinett, doch der junge Schotte vom Jahrgang 1967 gilt als einer von Blairs Nachwuchsstars. Außerdem ist er der Koordinator des nächsten Wahlkampfs. Für den informellen Leiter einer "Nicht-Delegation" scheint er ziemlich hochgestellt. Dafür ist er aber nur "in persönlicher Eigenschaft" nach Boston gereist, nicht auf Weisung der Labour-Partei oder gar der Regierung. Schon deshalb sind keine offiziellen Begegnungen mit Kerry vorgesehen.
Noch gründlicher getarnt ist Alexanders Begleiter Pat McFadden, der zum Stab der Sonderberater des Premierministers gehört. Denn McFadden ist gerade in Boston auf Urlaub. Zu den anderen diskreten Touristen aus der Labour Party gehört auch ein leitendes Mitglied der Presseabteilung der Downing Street. Offen tritt nur die Delegation der oppositionellen Liberal-Demokraten in Boston auf. Sie wird sogar von Parteichef Kennedy geleitet.
Begegnung mit Kerry vermieden
Labour möchte nicht den Fehler wiederholen, den 1992 die Konservativen gemacht hatten. Während des ersten Clinton-Wahlkampfs hatte Premierminister Major in den Archiven von Oxford nachforschen lassen, ob sich Stoff für den Wahlkampf der Republikaner gegen Clinton finden lasse. Der war einmal Austauschstudent in Oxford gewesen; unter anderem hatte er dort "nicht inhaliert". Das Einvernehmen Präsident Clintons mit der konservativen Regierung war deshalb zunächst getrübt. Im Wahlkampf von 2000 aber hatte auch Blair auf das falsche Pferd gesetzt und sich darauf eingestellt, daß Gore gewinnen werde. Entsprechend anstrengend war es nachher, die sogenannte Freundschaft mit Präsident Bush herzustellen; das beschreibt auch der damalige britische Botschafter in Washington, Meyer, in seinen Memoiren.
Bei seinem letzten Besuch in Washington hatte Blair eine Begegnung mit Kerry vermieden. Doch die Meinungsumfragen werden immer mehrdeutiger. Deshalb ist zumindest unter parlamentarischem Vorzeichen eine offene Begegnung geplant: Peter Hain, der Führer der Labour-Fraktion im Unterhaus, will im August Washington besuchen und mit "Mitgliedern des Wahlkampfteams" von Kerry sprechen. Labour-Abgeordnete, die das Einvernehmen mit den amerikanischen Neokonservativen mit wachsendem Mißmut beobachten, halten die Rücksicht ohnehin für übertrieben, denn Bush denke gar nicht daran, sich erkenntlich zu zeigen. Während seines Besuchs in London im vergangenen November hatte Karl Rove, ein führendes Mitglied von Bushs Planungsstab, die Parteizentrale der Konservativen besucht und dem Schattenminister Fox Hinweise gegeben, wie man "die Linken" besiegen könne.
Ideologische Schieflage
Jedem Ausgang der Wahl muß die Regierung Blair mit gemischten Gefühlen entgegensehen. Bleibt Bush im Amt, kann Blair zwar seinen vertrauten Umgang ohne Unterbrechung fortsetzen, doch die große Politik droht schwieriger zu werden. Denn in London ist man darauf gefaßt, daß Bush und seine Mannschaft in einer zweiten und letzten Amtszeit noch weniger Rücksicht auf die Interessen anderer nehmen würden. Blairs Wunschtraum und Großbritanniens vorgebliche Berufung, als "Brücke" zwischen Europa und Amerika zu wirken, würde noch schwieriger. Außerdem müßte Labour sich noch vier Jahre länger einer Führung genehm machen, die ideologisch auf der Gegenseite steht. Ein Labour-Abgeordneter sagte, Bush hänge "wie ein Albatros um den Hals Blairs und der Partei".
Gewinnt Kerry, entfiele die prekäre ideologische Schieflage, doch Blair müßte erst wieder eine neue aufrichtige Männerfreundschaft begründen, diesmal mit der politischen Unperson von ehedem. Allerdings zweifelt niemand, daß Tony Blair das aus dem Stand schaffen würde. Außerdem hätte die transatlantische Partnerschaft wahrscheinlich bessere Vorzeichen, Blairs politischer Spagat zwischen Amerika und Europa würde weniger schmerzhaft. Die gemeinsame Politik gegenüber dem besetzten Irak könnte freilich komplizierter werden. Und sollten die amerikanischen Wähler Bush tatsächlich entlassen, wäre Blair der einzige Regierungschef der kriegführenden Koalition, der politisch noch überlebt hätte. Die britischen Wahlen sind erst im nächsten Jahr.
