17.11.2006 · Allzuoft schon verglichen Bushs Kritiker die Lage im Irak mit der traumatischen Niederlage Amerikas in Vietnam. Jetzt schlug Bush beim Apec-Gipfel in Hanoi selbst diese Brücke, aber mit anderen Schlüssen. Mit dem kommunistischen Vietnam sucht er indes die Versöhnung.
Der amerikanische Präsident George W. Bush wurde in Vietnam von Anfang an mit Symbolen der bisher bittersten Niederlage der Vereinigten Staaten konfrontiert. Auf der Fahrt vom Flughafen nach Hanoi passiert er nicht nur zahllose rote Fahnen mit dem gelben Stern, die Karawane der Staatskarossen fährt auch an jenem See vorbei, über dem der jetzige amerikanische Senator John McCain 1967 als Marineflieger mit seinem Kampfflugzeug abgeschossen wurde - und dann für Jahre in Gefangenschaft geriet. „Unglaublich, daß wir hier sind“, entfuhr es dem Präsidenten.
Noch in den ersten Stunden des dreitägigen Vietnam-Besuchs macht Bush, wie es sich in kommunistischen Diktaturen gehört, dem Parteivorsitzenden seine Aufwartung. Der amerikanische Präsident zollt einer kommunistische Führung Respekt, die mit unübersehbarem Stolz auf eine blühende Wirtschaft in diesen Tagen voller Selbstbewußtsein die Staatsmänner aus der halben Welt zum transpazifischen Apec-Gipfel empfängt.
Brückenschlag zwischen Vietnam und dem Irak
Bush ist darauf vorbereitet, daß er sich auf dem für Amerika besonders symbolträchtigen Boden Vietnams unbequemen Fragen stellen muß. Besonders nahe liegend ist die Frage nach schmerzlichen Parallelen zum Irakkrieg. Aber er muß auch erklären, wieso er auf der ganzen Welt den Siegeszug von Freiheit und Demokratie propagiert, im Fall Vietnam aber - nach Ansicht mancher amerikanischer Demokraten - den Eindruck erweckt, ein Ein-Parteien-System ohne jede Meinungsfreiheit zu hofieren.
Bush, nach seinem Vorgänger William Jefferson Clinton der zweite amerikanische Präsident, der Vietnam nach dem Krieg besucht, hat in Hanoi fast auf alles eine Antwort. Natürlich mache auch er selbst den Brückenschlag zwischen Vietnam und dem Irak, sagt Bush.
Allerdings kommt er zum Schluß, daß vor allem Ungeduld und mangelnde Zielstrebigkeit der Vereinigten Staaten zum Desaster in Vietnam geführt hätten - einem Desaster, das die amerikanische Gesellschaft tief spaltete und über 56.000 amerikanische Soldaten das Leben kostete. „Wir werden erfolgreich sein, wenn wir nicht einfach aufgeben“, beschwor er den Durchhaltewillen Amerikas - wo jüngste Umfragewerte zeigen, daß das Vertrauen seiner Landsleute in den Irakkurs immer weiter sinkt.
Die Domino-Theorie und der Terrorismus
Sein Sicherheitsberater Stephen Hadley hatte gemeint, der Unterschied zwischen Vietnam und Irak sei, daß Ende der 1960er Jahre viele Amerikaner und Soldaten nicht hinter dem Vietnamkrieg gestanden hätten. Heute sei das anders, die Amerikaner seien grundsätzlich für den „Krieg gegen den Terror“. Zudem hätte der amerikanische Abzug aus Vietnam die Sicherheit der Vereinigten Staaten nicht gefährdet.
Heute wüßten die Amerikaner, daß eine amerikanische Niederlage den Irak zu „einem sicheren Hafen für Terroristen“ machen würde und den Vereinigten Staaten „Angriffe wie am 11. September 2001“ drohten. Hadley erwähnt nur nebenbei, daß vor 40 Jahren der berühmten Domino-Theorie Washingtons zufolge ein Fall Vietnams in kommunistische Hände alle Staaten Südostasiens in rote Diktaturen verwandelt hätte - was sich als falsch erwiesen hatte.
Lebendiges Land mit „großartiger Zukunft“
Nun protestieren in den Vereinigten Staaten Menschenrechtsgruppen und Demokraten gegen zu viel Nachsicht und Handelszugeständnisse gegenüber Vietnam. Bush dagegen schwärmt von diesem „jungen Land“, von der „großartigen Zukunft“, der „unglaublichen Lebendigkeit“ Vietnams. Nur noch ganz beiläufig spricht er von Problemen mit der Freiheit von Glauben und Politik.
Bush sieht in Vietnam einen Beleg dafür, daß die Geschichte sich auch zum Guten wenden könne, daß Gesellschaften und das Verhältnis der Länder sich ändern könnten. Besonders beeindruckt sei er davon, daß der vietnamesische Ministerpräsident Phan Van Khai, der noch als Vietkong gegen die Amerikaner kämpfte, seine Kinder auf eine Schule in die Vereinigten Staaten geschickt habe. „Das zeigt, wie hoffnungsvoll die Welt sein kann und wie Völker sich versöhnen können“. Manche in der amerikanischen Delegation fürchten, daß von dem Apec-Gipfel und den anderen Gesprächen Bushs in Vietnam nicht unbedingt so positive Botschaften und Signale ausgehen werden.
Kein Wunder
Jan Hlavac (Olav1)
- 18.11.2006, 04:28 Uhr