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Amerikanische Verhörmethoden Foltern fürs Vaterland

20.08.2007 ·  Einst half das psychologische Programm SERE gefangenen Soldaten zu überleben. Heute wird es zur mentalen Folter eingesetzt. Amerikanische Psychologen standen dem Geheimdienst bei, um Verdächtige zum Reden zu bringen.

Von Hubertus Breuer
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Im Frühjahr 2002 lagen in Amerika die Nerven blank. Ständig rechnete die Nation mit einer neuen Terroraktion. Wo sich Usama Bin Ladin aufhielt, war ungewiss; wer der planende Kopf hinter den Anschlägen vom 11. September war, ahnte niemand. Im April hatten amerikanische Geheimdienste aber erstmals einen großen Fisch in ihre Gewalt gebracht: Abu Zubaydah, ein führender Kopf des Al-Qaida-Netzwerkes. Gefangengesetzt in einem „Safe House“ in Thailand, barg sein Kopf womöglich Antworten auf drängende Fragen. Nur: Wie sollte man an sie herankommen?

An den Schusswunden, die ihm bei seiner Verhaftung zugefügt wurden, wäre der Terrorist beinahe gestorben. FBI-Agenten sorgten dafür, dass man ihn wieder aufpäppelte. Dem dankbaren Gefangenen entlockten die Geheimdienstler, wer der Planer des 11. Septembers war - Khalid Sheik Mohammed. Dann übernahmen, wie die Journalistin Katherine Eban vor wenigen Wochen aufdeckte, Agenten des CIA das Verhör, die allerdings eine etwas andere Vorstellung von effizienten Verhörmethoden hatten. Sie heuerten zwei Psychologen an, die in der Vergangenheit Spezialeinheiten der amerikanischen Luftwaffe darauf trainiert hatten, Folter zu überstehen. Nun sollten sie die Gefangenen psychisch brechen, bis sie wie Vöglein zwitschern - und ohne ihnen einen blauen Flecken zuzufügen.

Die Öffentlichkeit erfuhr von den Methoden nichts

Der Vogel sang zwar nicht weiter. Trotzdem schmückte sich der Geheimdienst mit dem Ruhmesblatt, den Strippenzieher des 11. Septembers identifiziert zu haben. Deshalb galten die von den Psychologen entwickelten Vernehmungstechniken vielen Geheimagenten als Schlüssel zu Geheimnissen renitenter Terroristen. Und die Psychologen standen bereit, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr.

Jetzt allerdings sind sie ins Zwielicht geraten. Seitdem in den letzten Monaten ruchbar wurde, in welchem Ausmaß sie beratend daran beteiligt waren, Terrorverdächtige „alternativen Verhörmethoden“ zu unterziehen, herrscht in der 180.000 Mitglieder zählenden „American Psychological Association“ (APA) heller Aufruhr. Die Psychiater sehen ihre moralische Verpflichtung, ihren Schutzbefohlenen zu helfen, systematisch verletzt. Bislang hat sich der Verband allerdings geweigert, eine unmissverständliche Resolution zu verabschieden, wie es die Organisationen der Ärzte, Krankenschwestern und Psychiater längst getan haben: deren Mitgliedern ist untersagt, an Verhören der Armee oder Geheimdienste teilzunehmen.

Demonstration gegen zwielichtige Rolle der Kollegen

Doch mit der stillschweigenden Duldung der Psychologen ist es demnächst allerdings wahrscheinlich vorbei. Auf der APA-Jahresversammlung in San Francisco an diesem Wochenende ist eine öffentliche Demonstration gegen die zwielichtige Rolle ihrer Berufskollegen bei den CIA-Fragestunden geplant. Vorträge und Podiumsdiskussionen greifen den ärztlichen Sündenfall auf. Hinter den Kulissen ringt man um jeden Satz einer Erklärung, die klare ethische Grenzen aufzeigen soll.

Denn auch wenn die Methoden einem Schauder über den Rücken jagen - viele Psychologen stehen beim amerikanischen Militär im Dienst und sind daher auch dessen Zielen verpflichtet. „Manche meinen“, sagt Brad Olson, Psychologe an der Northwestern University und Mitgründer einer „Koalition für eine ethische APA“, „sie könnten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: bei Verhören ihrem Vaterland dienen und gleichzeitig auf die Einhaltung ethischer Maßstäbe achten.“

Teil eines ausgeklügelten Programms mentaler Folter

Berichte über körperliche und psychische Folter drangen über die Jahre immer wieder an die Öffentlichkeit: aus Guantánamo Bay, Afghanistan und natürlich bunt bebildert aus Abu Ghraib. Ein vor wenigen Monaten freigegebener Untersuchungsbericht des Pentagon-Ermittlers Shelton R. Young stellte dann klar, was etliche Beobachter längst vermutet hatten: Die Methoden sind Teil eines ausgeklügelten Programms mentaler Folter, das Psychologen im Dienste der amerikanischen Armee und der CIA seit 2002 weiterentwickelt haben, um Terrorverdächtige weichzuklopfen.

Noch während des Korea-Kriegs richtete die Luftwaffe ein Trainingsprogramm ein, das Piloten darauf vorbereiten sollte, was zu tun sei, wenn sie nach einem Abschuss in Kriegsgefangenschaft geraten sollten. Es heißt SERE: „Survival, Evasion, Resistance and Escape“ (Überleben, Ausweichen, Widerstand und Flucht). Es bereitet bis heute Armeeangehörige darauf vor, in der Gewalt von Feinden, die sich wenig um Menschenrechte scheren, körperliche und seelische Misshandlungen zu überleben.

„Nach dem 11. September Samthandschuhe abgelegt“

Nach dem Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon 2001 änderten sich jedoch die Prioritäten. Jetzt sollten die SERE-Erkenntnisse helfen. Die „ungesetzlichen feindlichen Kämpfer“ - jene juristisch obskure Kategorie jenseits von Zivilisten und Kriegsgefangenen, welche sich die Bush-Regierung eigens für Terrorverdächtige ausgedacht hat - sollten mit SERE-Behandlungstechniken traktiert werden. Der damalige Chef der CIA-Terrorbekämpfung, Cofer Black, umschrieb die Situation vor dem amerikanischen Kongress knapp: „Es gibt eine Zeit vor dem 11. September und eine danach; nach dem 11. September legten wir die Samthandschuhe ab.“

Die CIA griff rasch auf SERE-Experten zurück - allerdings ohne deren Methoden ethisch beurteilt und ihre Erfolgsaussichten eingeschätzt zu haben. Auch die Armee tat es ihr gleich. Wie Youngs Report vermerkt, fand im September 2002 in Fort Bragg in Alabama - einem SERE-Ausbildungslager - ein Treffen zwischen Psychologen des SERE-Programms und den für Guantánamo Bay zuständigen Verhörspezialisten statt. Zweimal reisten SERE-Ausbilder außerdem nach Guantánamo, um die dortigen Militärs zu schulen. Im Oktober bat der Kommandeur der Joint Task Force 170, welche für die Verhöre von Taliban- und Al-Qaida-Häftlingen zuständig war, die neuen Methoden auf „besonders starken Widerstand leistende Gefangene“ anwenden zu dürfen. Donald Rumsfeld erteilte im Dezember 2002 die Erlaubnis.

Donnernd laute Musik, Hundegebell, Todesängste

Die SERE-Methode umfasst mehrere Schritte, in deren Folge der Gefangene zunehmend mürbegemacht werden soll. Es beginnt mit einem massiven Generalangriff auf die Sinne: donnernd laute Musik, Hundegebell, Stroboskop-Licht. Hinzu kommen quälende starre Körperhaltungen - in den Anweisungen für Guantánamo bis zur vier Stunden. Im nächsten Schritt wird ein Gefangener psychisch erniedrigt: Er wird nackt verhört, er muss in Frauenunterwäsche posieren, er wird von weiblichen Aufsehern beleidigt oder zum Masturbieren gezwungen. Ebenso beliebt ist, dass strenggläubige Personen ihre heiligen Schriften geschändet sehen.

In einem dritten Schritt werden schonungslos Todesängste bloßgelegt: etwa, indem ein Verhörexperte den Gefangenen davon überzeugt, dass ihm sein Ende oder zumindest äußerst schmerzhafte Erfahrungen unmittelbar bevorstünden. Als einsamen Höhepunkt jedoch genehmigten Pentagon und CIA sogar das berüchtigte „Waterboarding“: Dem Gefangenen wird ein nasses Handtuch über den Kopf gelegt, über das man Wasser fließen lässt - der Delinquent glaubt zu ertrinken. Derlei bleibt nicht auf Guantánamo beschränkt. Die Methoden gelangten, wie Youngs Bericht konstatiert, ebenso nach Afghanistan und in den Irak.

„Man unterschätzt die Gruppendynamik der Situation

Damit haben sich Psychologen freilich womöglich strafbar gemacht. Ein von der Menschenrechtsorganisation „Physicians for Human Rights“ Anfang August veröffentlichter Bericht legt dar, dass die als „innovativ“ beschönigten SERE-Praktiken mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen geltendes amerikanisches Recht verstoßen. Denn obwohl die Regierung es ablehnt, psychischen Terror als Folter zu bezeichnen, führt er, ebenso wie körperlicher Missbrauch, oft zu irreparablen seelisch-körperlichen Traumata. In den Vereinigten Staaten falle diese Handlungsweise unter das Gesetz gegen Kriegsverbrechen, außerdem unter das gegen Folter und schließlich unter das Gesetz über die Behandlung von Inhaftierten - vom internationalen Recht ganz zu schweigen.

Zudem sei es, wie der Sozialpsychologe Philip Zimbardo aus San Francisco erklärt, für einen Psychologen ein Spiel mit dem Feuer, sich auf Verhöre einzulassen. „Man unterschätzt die Gruppendynamik solcher Situationen“, erklärt der frühere Präsident der APA. „Wird der Psychologe einschreiten, wenn ihm gesagt wird, Tausende Menschenleben hängen von einer bestimmten Information ab?“ Zudem verleihe die Anwesenheit des Psychologen dem Prozess erst Legitimität: „Es ermöglicht den Vernehmungsbeamten, bis an die Grenze des Erlaubten zu gehen.“

Zwangsmaßnahmen führen nicht immer zum Ziel

Und die scheinen sich nun zu verschieben. Per Dekret hat Präsident Bush im Juli die CIA-Verhörpraktiken aus seiner Sicht in Einklang mit der Genfer Konvention gebracht. Das Dokument legt fest, welche Verhörtechniken die CIA nicht anwenden darf. Darunter sind Verstümmelung und Mord, aber immerhin auch SERE-Spezialitäten wie sexuelle und religiöse Erniedrigung. Der Erlass regelt freilich auch, was weiterhin gestattet ist. Doch diese Liste ist streng geheim - und ihre ethische Bewertung somit offen. Für die Armee gilt seit knapp einem Jahr die aktualisierte Version ihres Handbuchs. Scheint hartes Durchgreifen geboten, kann der Präsident aber eine „Sondererlaubnis“ erteilen.

Ob dies der Wahrheitsfindung dient, ist sehr umstritten. Bekannt ist, dass Zwangsmaßnahmen regelmäßig zu unzuverlässigen Ergebnissen führen. Nach fünf Runden „Waterboarding“ gestand Khalid Sheik Mohammed, an sagenhaften 31 Terrorplänen und Attentaten beteiligt gewesen zu sein. Zweiflern halten CIA-Experten entgegen, dass sich auch Wahres unter dem Wust unverlässlicher Informationen fände. Auch das ist eher ein Erfahrungswert, keine wissenschaftliche Aussage. Und darin liegt das eigentliche Problem, meint der forensische Psychologe Robert Fein von der Harvard University: „Wir wissen zu wenig. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat kaum jemand Verhörtechniken erforscht. Und so kam es, dass seit 2001 viele Geheimagenten improvisierten.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.08.2007, Nr. 33 / Seite 51
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