17.01.2010 · Spät, aber nicht zu spät sind die Amerikaner eingetroffen: Die Regierung Haitis hat Washington das Kommando im eigenen Land übertragen. Nun versuchen die „Marines“, Ordnung in einem von Not gezeichneten Land zu schaffen.
Von Matthias Rüb, Port-au-PrinceImmer wenn sich die Dunkelheit über Port-au-Prince senkt, hallen Gesänge und laute Gebete von unzähligen kleinen Kirchen in die Nacht. Sie dauern bis in die Morgenstunden, und die Halleluja-Rufe schwellen immer dann besonders an, wenn ein leicht grollendes Nachbeben am Boden rüttelt. Allenfalls zwischen ein und drei Uhr in der Frühe ist es still. Sieht man vom Dröhnen der Frachtflugzeuge, dem Wummern der Hubschrauber und von einzelnen Gewehrsalven ab.
Die „Marines“ sind in Port-au-Prince angekommen. Bis zum Sonntag landeten etwa 4500 Mann in Haiti mit Frachtflugzeugen der Luftwaffe. An diesem Montag sollen weitere gut 6000 Soldaten eintreffen. Am Flughafen, wo sich bis zum Freitag chaotische Szenen vor dem einzigen Eingang in die Abfertigungshalle abspielten, derer die haitianischen Polizisten und Wachleute des Flughafens immer weniger Herr werden konnten, herrschten vom Samstag an geordnete Verhältnisse. Die Wartenden, die den Eingang belagert und fast die Glasscheiben eingedrückt hatten, um auf einen der Charterflüge nach Miami oder Santo Domingo in der Dominikanischen Republik zu kommen, wurden bestimmt, aber höflich von den amerikanischen Soldaten mit ihren geschulterten Sturmgewehren auf einen Parkplatz beordert. Dort harren sie jetzt aus, unter improvisierten Sonnendächern und im Schatten der wenigen Bäume.
Es gibt nur wenige Plätze in den gecharterten Passagierflugzeugen, mit denen Ausländer in Sicherheit gebracht werden. Die amerikanischen, brasilianischen, französischen oder spanischen Frachtflugzeuge, die Hilfsgüter und Rettungsmannschaften gebracht haben, nehmen nur eigene Staatsangehörige mit, oder es werden erschöpfte Suchtrupps mit Spürhunden wieder nach Hause geflogen, weil es am fünften Tag nach dem verheerenden Erdbeben praktisch niemanden mehr zu retten gibt.
Die Identifizierung der Toten dauert nicht lange
Schon am Samstag haben die Aufräumarbeiten in beträchtlichem Umfang begonnen. Die UN waren mit ihrem eigenen schweren Gerät weiter damit beschäftigt, aus den Trümmern ihres zusammengestürzten Hauptquartiers, dem früheren Hotel „Christophe“ in Pétionville, die sterblichen Überreste Dutzender Mitarbeiter ihrer Haiti-Mission Minustah zu bergen. Über dem Trümmerhaufen, der einmal ein sechsstöckiges Gebäude war, wehte an einem verbogenen Fahnenmast noch immer die blaue Flagge der UN im Wind. Wenn die chinesischen Suchtrupps, die auf dem Trümmerhaufen genau verfolgen, was der Bagger freilegt, einen Leichnam erspähen, wird ein Presslufthammer herbeigeholt, um ihn vollends freizulegen, wird der Leichnam mit Desinfektionsmittel eingesprüht, in einen Leichensack gehüllt, auf eine Trage gebettet und unter dem Schatten eins Baumes abgestellt.
Dort wird der Tote identifiziert. Das dauert meist nur wenige Minuten, weil derzeit aus den freigelegten Trümmern des Konferenzraums vor allem die Führungskräfte der Minustah um den tunesischen Missionschef Hédi Annabi und dessen brasilianischen Stellvertreter Luiz Dacosta geborgen werden, die jedem bekannt sind. Tagelang mussten Bagger eingesetzt werden, um überhaupt an den verschütteten Konferenzraum im Erdgeschoss heranzukommen.
Wenn zwei Tote identifiziert sind, nehmen die Suchmannschaften auf dem Parkplatz Aufstellung, salutieren vor den inzwischen wieder verschlossenen weißen Leichensäcken, die sodann in einem geschlossenen Kleinlastwagen weggebracht werden. So geht es seit Tagen am Ort der schwersten Tragödie in der Geschichte der UN. Am Sonntag wollte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon den Ort des Schreckens, über dem wie überall in der Stadt beißender Verwesungsgeruch liegt, selbst in Augenschein nehmen.
Nicht in der Lage, dem Chaos Herr zu werden
Von der vollständigen Zerstörung des Hauptquartiers der UN erfuhr die Welt schon am Abend der Katastrophe. Seit Dienstagabend war also klar, dass nicht nur die haitianische Regierung, sondern auch die Minustah nicht in der Lage sein würde, des Chaos in Haiti Herr zu werden und das Elend der bis zu drei Millionen Menschen zu lindern. Und doch dauerte es bis zum Freitag, bis sich Port-au-Prince mit Washington darauf einigte, dass Amerika die Verantwortung nicht nur für die Abwicklung des Flugverkehrs auf der völlig überlasteten einzigen Landebahn des internationalen Flughafens der Hauptstadt übernimmt - sondern faktisch auch die wesentlichen Teile der nationalen Regierungsverantwortung.
Die haitianische Armee wurde im Januar 1995 vom damaligen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide unter Bruch der Verfassung aufgelöst, weil er berechtigte Angst vor einem Putsch gegen seine zunehmend korrupte Herrschaft hatte. Zu dem bewaffneten Aufstand - allerdings von marodierenden Banden statt von Offizieren - kam es dann in Aristides vollends von Nepotismus, Diebstahl und dem Terror seiner eigenen bewaffneten Banden gezeichneter zweiter Amtszeit im Jahr 2004 trotzdem. Eine haitianische Armee gibt es bis heute nicht, obwohl sich der seit Mai 2006 regierende Präsident René Préval für den Wiederaufbau der Armee oder wenigstens einer Nationalgarde eingesetzt hat.
Obama hat die Gunst der Stunde erkannt
Die haitianische Polizei verfügt über 9000 Mann - bei einer geschätzten Einwohnerzahl von zehn Millionen Menschen. Der New Yorker Polizeichef Raymond Kelly, der erst vor kurzem in Haiti war, um die Regierung Prévals zu beraten, äußerte noch am Tag des Bebens in amerikanischen Nachrichtensendern, dass einzig die Vereinigten Staaten in der Lage seien, Haiti und seine Menschen in der beispiellosen Not zu helfen, ja, es zu retten. Präsident Barack Obama versicherte das Volk Haitis in einer kurzen Fernsehansprache am Mittwoch der uneingeschränkten Solidarität des amerikanischen Volkes. Wie aus der haitianischen Regierung zu erfahren ist, unterbreitete Washington aber erst am Freitag Port-au-Prince das Angebot, den Flughafen zu übernehmen und den Transport von Hilfsgütern und auch der Rettungsmannschaften mit Suchhunden zu regeln. Präsident Préval und seine Regierung nahmen das Angebot dankbar und ohne Zögern an.
Spät, aber nicht zu spät sind die „Marines“ eingetroffen - und der übliche Tross von amerikanischen Berichterstattern und Nachrichtenmoderatoren, die Amerikas Hilfsaktion für das heimische Publikum aufarbeiten. Fernsehbilder dürfte es in den kommenden Tagen zuhauf geben: etwa von Hillary Clinton, die schon am Samstag kam, Robert Gates, der in dieser Woche in Port-au-Prince erwartet wird, und auch vom Präsidenten selbst im Weißen Haus. Offenbar hat Obama erkannt, dass der humanitäre Großeinsatz in Haiti seine erste Amtszeit prägen könnte - wenigstens in außen- und sicherheitspolitischer Hinsicht.
Es gibt nur die amerikanische Lösung
Die „Marines“ versuchen nun, Ordnung zu schaffen. In ihren Humvee-Jeeps, in wüstenbrauner Farbe lackiert, fahren sie durch die Straßen von Port-au-Prince. Anders als bei den Einsätzen im Irak und in Afghanistan müssen die Fahrzeuge nicht gepanzert sein. Freilich drängen sich die chaotischen haitianischen Fahrer schon einmal in einen Konvoi des amerikanischen Militärs, weil sie das Signal der geballten Faust der amerikanischen Soldaten, das unmissverständlich zum Anhalten auffordert, nicht verstehen - oder nicht verstehen wollen. Als unlängst ein Humvee von einem wie üblich rücksichtslosen haitianischen Autofahrer abgedrängt wurde, steuerte das schwere Fahrzeug, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, auf einen Mann auf der Straße zu, der sich nur mit einem Sprung in den Straßengraben in Sicherheit bringen konnte.
Obwohl die „Marines“ schon bei den Interventionen von 1994 und 2004 nach politischen Unruhen beim ersten und beim zweiten Sturz Aristides in Port-au-Prince für Ordnung sorgten, reicht das kollektive Gedächtnis der Haitianer nicht weit genug in die Vergangenheit zurück, um noch geübt zu sein für den Umgang mit den im Allgemeinen freundlichen, aber auch entschlossenen blutjungen Soldaten. Dass amerikanische Soldaten auf den Straßen patrouillieren, um die Verteilung von Hilfsgütern, den Aufbau von Notunterkünften und Lazaretten zu sichern, dass Marinehubschrauber von einem Kriegsschiff vor der Küste aufsteigen und über der Stadt kreisen, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass nun eine Ordnungsmacht auf den Plan tritt.
Was die amerikanisch-haitianische Vereinbarung genau umfasst, ist nicht bekannt. Sie soll allgemein gefasst sein, sie gilt als unbefristet und läuft faktisch auf ein humanitäres Protektorat der Vereinigten Staaten über Haiti für die kommenden Jahre hinaus. Dieses Protektorat Washingtons führt offenbar zu Eifersüchteleien mit Paris und den Europäern. Außenministerin Hillary Clinton wies am Samstag bei ihrem Besuch in Haiti Kritik zurück, wonach die amerikanische Militärbürokratie bei der Abfertigung und Verteilung der Hilfsgüter nicht viel effizienter sei als die haitianische Regierung oder auch die schwer getroffene UN-Mission. Der New Yorker Polizeichef Raymond Kelly hat eine eindeutige Meinung zu der Frage, ob es eine andere als eine amerikanische Lösung für Haiti gibt. „Only we can do it, and we must do it“, lautet sein Mantra seit der Nacht der Katastrophe.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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