12.08.2010 · Obamas ehrgeiziges Klimaschutzgesetz wurde vor kurzem im Senat beerdigt. Dafür treiben die Bundesstaaten nun die Klimawende voran. In Denver etwa befindet sich das Vorzeige-Zentrum für den grünen Umbau der amerikanischen Wirtschaft.
Von Matthias Rüb, DenverAuf ihr neues Forschungsgebäude sind sie alle mächtig stolz beim „National Renewable Energy Laboratory“ (NREL) in Golden im Bundesstaat Colorado. Golden ist ein liebens- und lebenswertes Städtchen mit gut 17.000 Einwohnern und liegt etwa 25 Kilometer westlich der Metropole Denver. Wie vielerorts in Colorado scheint auch in Golden die Sonne durchschnittlich an mehr als 300 Tagen pro Jahr von einem stahlblauen Himmel. Die Stadt liegt auf gut 1700 Metern Meereshöhe. Die Luft ist klar und frisch. Mancher Besucher, der aus tieferen Lagen auf der Hochebene am Fuß der mächtigen Rocky Mountains ankommt, braucht Stunden oder gar Tage, um sich an die dünne und trockene Luft zu gewöhnen. Man möge viel Wasser trinken und reichlich Haut-, Lippen- und auch Sonnencreme auftragen, wird den akut höhenkranken Neuankömmlingen geraten.
Das NREL in Golden wurde 1974 gegründet und ist die wichtigste staatliche Einrichtung zur Erforschung und Erprobung erneuerbarer Energiequellen in den Vereinigten Staaten. Sein Etat wird vom Energieministerium in Washington getragen. Joe Verrengia ist bei NREL für Öffentlichkeitsarbeit zuständig und mächtig stolz auf das neue Forschungsgebäude auf dem weitläufigen Campus des Nationalen Forschungslabors. Die Fenster blitzen im Sonnenlicht, die rötliche Fassade harmoniert mit den Farben der Berge, die sich am Horizont erheben. 800 Wissenschaftler und Techniker werden dieser Tage das 64 Millionen Dollar teure Gebäude mit gut 20 000 Quadratmetern Nutzfläche beziehen.
„Da zählt jedes Watt“
Der Bau in der schnörkellosen Form eines leicht gestauchten „H“ ist das derzeit größte Bürogebäude der Welt, welches das Prädikat „Net-Zero-Energy“ für sich beanspruchen kann. Das bedeutet, dass das Gebäude mindestens die gleiche Menge Energie erzeugt wie es verbraucht. Dieses Ziel erreicht das Forschungszentrum zugestandenermaßen nicht ganz ohne gewisse Rechenkunststücke: Auch die auf dem Campus des NREL durch Sonnen- und Windkraft erzeugte Energie fließt mit in die Rechnung ein, obwohl die Kollektoren und Windräder nicht alle zu dem neuen Forschungsbau gehören. Aber die ebenfalls an das Prädikat „Null-Energie“ geknüpfte Bedingung, dass pro Person nicht mehr als 250 Watt Energie verbraucht werden dürfen, erfüllt das Gebäude ohne Rechentricks. „Da zählt jedes Watt“, sagt Craig Robben, der für Informationstechnologie zuständige Projektmanager des neuen Forschungszentrums. Die zugelassene Menge Energie pro Person entspreche jener, die vier bis fünf Glühbirnen verbrauchen, sagt Robben, und darin müsse alles enthalten sein: der Strom für Computer und Server, die Energie für Heizung und Kühlung bis zum Betrieb des Fitnessraums.
Die Beleuchtung der Großraumbüros wird im Wesentlichen durch die großen Fenster erreicht, die zwar das Licht hereinlassen, aber dank einer Beschichtung die Sonnenwärme im Sommer zurückstrahlen. Spezielle, vom NREL entwickelte Solarkollektoren erzeugen an den kalten Tagen im Winter warme Luft, die dann in die Arbeitsräume geleitet wird. In labyrinthähnlichen Betongängen im Kellergeschoss wird in Sommernächten die kühle Nachtluft gespeichert und tags darauf ins Gebäude gepumpt, im Winter wird die Abwärme des Rechenzentrums zur Heizung der Büros und Labore genutzt. Die Zahl der Drucker, Faxgeräte und Kopierer wurde radikal reduziert und durch leistungsstarke Multifunktionsgeräte ersetzt, die großen Desktop-Computer durch Laptops ersetzt, telefoniert wird energiesparend über Internetprotokoll. Und so weiter.
Republikaner in geschlossenem Widerstand
Es ist kein Zufall, dass Amerikas Vorzeigebau für energieeffiziente, intelligente und umweltfreundliche Büro- und Wohngebäude der Zukunft ausgerechnet in Colorado steht - und nicht in Washington. Dort ist vor kurzem im Senat, der kleineren Kongresskammer, das von Präsident Barack Obama im Januar 2009 angekündigte, ehrgeizige Energie- und Klimaschutzgesetz faktisch beerdigt worden. Denn die erforderliche Dreifünftelmehrheit von 60 der insgesamt 100 Stimmen für die Einführung verbindlicher Obergrenzen beim Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen sowie des Handels mit Emissionsrechten ist vorerst nicht in Sicht. Die oppositionellen Republikaner leisten geschlossen Widerstand mit dem Argument, das geplante Energie- und Klimaschutzgesetz komme der Erhebung einer nationalen Energiesteuer gleich.
Eine solche Steuer aber werde die ohnedies hartnäckige Rezession verlängern und zudem zur Verlagerung von zehntausenden Arbeitsplätzen nach China oder Indien führen, wo die Umweltauflagen für Energieerzeuger und Industriebetriebe viel laxer seien. Die regierenden Demokraten müssen bei den am 2. November stattfindenden Kongresswahlen ohnedies mit Verlusten in beiden Kammern rechnen und wollen sich in der heißen Phase des Wahlkampfes nicht vorwerfen lassen, eine Energiesteuer einführen zu wollen. Nach den Kongresswahlen werden die Aussichten für eine nationale Energiewende wohl weiter schwinden, weil die Republikaner aus einer Position der wiedergewonnenen Stärke das moribunde Energie- und Klimaschutzgesetz vollends beerdigen dürften.
„Der Impuls kommt nicht aus Washington“
Das bedeutet aber nicht, dass der nationale Konsens über den allmählichen ökologischen Umbau der amerikanischen Volkswirtschaft, der sich noch unmittelbar vor der Krise am Finanzmarkt vom Herbst 2008 und der darauffolgenden Rezession abgezeichnet hatte, binnen zweier Jahre schon verflogen wäre. Vielmehr sind es die einzelnen Bundesstaaten - zumal jene im Westen sowie an der Pazifik- und Atlantikküste -, die trotz des faktischen Stillstands der Energiegesetzgebung in Washington die ökologische Wende vorantreiben.
„Der Impuls kommt nicht aus Washington“, sagt Kevin Cory, Manager im Rotorblätterwerk des dänischen Windkraftspezialisten „Vestas“ in Windsor nördlich von Denver über die Wachstumsaussichten erneuerbarer Energiequellen. Im Juni 2007 hat „Vestas“ mit dem Bau des Rotorblätterwerks in Windsor begonnen, das Ende dieses Jahres die volle Kapazität von 2000 Flügeln für Windräder pro Jahr erreichen wird. Im Werk in Pueblo im Süden von Colorado stellt „Vestas“ seit 2008 die Türme für die riesigen Windräder her. Mit einer Jahreskapazität von 1000 Stück ist es das größte Werk dieser Art weltweit. Das politische Klima in Colorado, dazu Steueranreize und die Konzentration von Forschungseinrichtungen an den Universitäten sowie beim NREL gaben den Ausschlag für die Standortentscheidung bei „Vestas“ wie auch zahlreichen anderen Unternehmen, die im überproportional wachsenden „Cleantech“-Wirtschaftszweig tätig sind.
Genau betrachtet gibt es gar keine gesamtamerikanische Energie- und Klimapolitik. Während in den Bundesstaaten Alaska oder Wyoming - wo es Öl, Gas und Kohle in Fülle gibt - der Energieverbrauch pro Kopf weit über dem nationalen Durchschnitt liegt, sind das schon sprichwörtlich umweltfreundliche Kalifornien sowie der neuenglische Bundesstaat Rhode Island selbst im internationalen Vergleich Musterknaben beim Abgasausstoß. Die einzelnen Bundesstaaten haben höchst unterschiedliche Umweltgesetze, wobei Kalifornien - mit rund 37 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste und wirtschaftsstärkste aller 50 Bundesstaaten - auch unter dem Anfang 2011 nach zwei Amtszeiten ausscheidenden republikanischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger seine Vorreiterrolle behalten hat.
Nicht alle haben es eilig mit den Umweltauflagen
Schon Ende 2005 schlossen sich sieben Bundesstaaten im Nordosten Amerikas zusammen und gründeten die „Regionale Treibhausgas-Initiative“ (RGGI), die eine Reduktion des Kohlendioxidausstoßes in den Staaten Delaware, Connecticut, Maine, New Hampshire, New Jersey, New York und Vermont bis 2018 um zehn Prozent vorsieht. 2006 hat sich auch Kalifornien der Initiative angeschlossen, die auch den Emissionsrechtehandel mit dem Ausland erlaubt. Die Gouverneure von Kalifornien, Oregon und Washington hatten schon 2004 eine ähnliche Initiative zum Kampf gegen den Klimawandel vereinbart, die allerdings weniger konkrete Vereinbarungen umfasst als die RGGI.
Dagegen haben es Bundesstaaten wie West Virginia, wo die Kohleförderung das Rückgrat der Wirtschaft ist, sowie Louisiana, Mississippi oder Alaska nicht übermäßig eilig mit der Verschärfung der Umweltauflagen. Hier verfügt die Ölindustrie über beträchtlichen Einfluss auf die politischen Entscheidungen. Daran hat auch die beispiellose Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko nichts geändert: Am lautesten wird eine Aufhebung des von Washington erlassenen Verbots von Ölbohrungen in tiefen Gewässern in Louisiana gefordert - gerade dort, wo das Öl aus dem leckgeschlagenen Bohrloch in gut 1500 Metern Meerestiefe die meisten Schäden angerichtet hat.
In Colorado entschieden die Bürger schon 2004 bei einer Volksabstimmung, dass bis 2010 zehn Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Energiequellen stammen müssen. Es war die erste klimafreundliche Entscheidung in einem amerikanischen Bundesstaat. Das ausgegebene Ziel wurde schon rund ein Jahr vor Fristablauf erreicht, wobei inzwischen allein die Windenergie sechs Prozent des Strombedarfs deckt. Im Westen von Colorado pfeift stetig eine kräftige Brise über die Hochebene und treibt die zu Dutzenden errichteten neuen Windräder an. Im März hat das Parlament mit einer deutlichen Mehrheit das Ziel vorgegeben, bis 2020 nicht nur wie ursprünglich vorgesehen 20 Prozent der Elektrizität, sondern sogar 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen zu gewinnen.
Selbst Kohle soll verträglicher verbraucht werden
Der Regierung des Bundesstaats, der seiner Fläche nach an achter Stelle, mit seinen etwa fünf Millionen Einwohnern in der Bevölkerungsrangliste aber nur auf dem 22. Platz aller 50 Bundesstaaten liegt, zeigt seit langem den Ehrgeiz, „grün“ zu werden. Im Gouverneurswahlkampf vom November 2006 hatte der Kandidat Bill Ritter in der Hauptstadt Denver seinen Einsatz für Umweltpolitik und für erneuerbare Energieträger zum Schwerpunkt gemacht. Durch diese Themensetzung gewann Ritter für die Demokratische Partei mit deutlicher Mehrheit einen Posten zurück, den acht Jahre lang der äußerst populäre Republikaner Bill Owens innegehabt hatte. Owens konnte allerdings nach zwei Amtsperioden auch nicht mehr antreten.
Neben der Ressource Wind sind es in Colorado die geothermischen Quellen, die an unzähligen Stellen aus dem Boden sprudeln und derzeit vor allem für Heilbäder genutzt werden, sowie die zuletzt besonders rasch wachsende Sonnenenergie, die den Mix von erneuerbaren Energiequellen ergänzen sollen. Aber auch die nach wie vor in großen Mengen vorhandenen Kohlevorkommen sollen in Kraftwerken mit deutlich vermindertem Abgasausstoß weiter genutzt werden. Mit den staatlichen Steuerungsmitteln in Form von Forschungs- und Bauzuschüssen sowie Steuerbefreiungen sollen die umweltfreundlichen Energien gegenüber den traditionellen fossilen Energieträgern konkurrenzfähig gemacht werden. Soeben hat das Weiße Haus dem Solarkollektorenhersteller „Abound“ Kreditgarantien in Höhe von 400 Millionen Dollar zugesagt. Allein im „Abound“-Werk in Loveland nördlich von Denver sollen 300 neue Arbeitsplätze entstehen.
Der Großraum Denver mit seinen vielen Universitäten und staatlichen Forschungsstätten wie dem NREL, dazu den unzähligen Unternehmen in den mittlerweile allgemein „Cleantech“ genannten Wirtschaftsbereichen ist seit Jahren eines der wichtigsten Zentren für den „grünen“ Umbau der amerikanischen Wirtschaft. Welcher politischen Farbenlehre die Entscheidungen in der Hauptstadt Washington auch folgen mögen, all dies hat auf die Entwicklungen in Colorado nur begrenzt Einfluss.
Offene Fragen
Norbert Czech (nczech)
- 12.08.2010, 14:20 Uhr
Eine Frage der Perspektive: heute teuer, aber in 10 Jahren rentabel und notwendi
Wolfgang Neuber (durchblick)
- 13.08.2010, 16:18 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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