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Amerikanische Affären König David und das Batseba-Syndrom

 ·  David Petraeus ist nur einer von vielen gefallenen Helden bei Amerikas Streitkräften. Mindestens fünf Generäle wurden degradiert oder angeklagt. Die Skandale kratzen an der Verehrung der Truppen.

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© REUTERS Die Abzeichen von „König David“: Petraeus kann einen rasanten Aufstieg vorweisen

Im Irak und später auch in Afghanistan gab man David Petraeus den Beinamen „König David“. Der Heeres-General setzte von 2007 an im Zweistromland und drei Jahre später am Hindukusch die von ihm wesentlich mitentwickelte Strategie zur Bekämpfung von Aufständischen durch. Eine deutliche Verstärkung der Truppen sollte es ermöglichen, die Bevölkerung vor Übergriffen der extremistischen Aufständischen zu schützen, ihre „Herzen und Seelen“ zu gewinnen und sie auf die Seite der internationalen Truppen zu ziehen.

Am Ende, so das Ziel, würden Iraker und Afghanen die ausländischen Soldaten als Befreier und nicht als Besatzer betrachten und schließlich selbst die Sicherheit in ihren Ländern gewährleisten können. Für seine Dienste ist Petraeus viel gelobt worden. Er wurde als einer der besten und einflussreichsten Generäle seiner Generation gepriesen. Im September 2011 trat er seinen Posten als Direktor des Auslandsgeheimdienstes CIA an. Auf Drängen von Präsident Barack Obama hatte er sich zuvor, nach 37 Jahren in Uniform, vom Heer pensionieren lassen.

Nach Petraeus’ Rücktritt am 9. November wegen einer Affäre mit seiner Biographin Paula Broadwell ist dem Beinamen „King David“ freilich noch eine andere Bedeutung zugewachsen. Aufstieg und Fall des Generals und CIA-Direktors werden mit der biblischen Geschichte von König David und der schönen Batseba in Verbindung gebracht. Im zweiten Buch Samuel wird erzählt, wie König David vom Dach seines Hauses Batseba, die Frau des Hethiters Urija, beim Bade betrachtet, sie zu sich bringen lässt und sie schwängert. Urija wird bald darauf von König David an die vorderste Kriegsfront geschickt, wo der Hethiter erwartungsgemäß fällt.

Ein Einzelfall ist der Skandal nicht

Die Heirat Davids mit der Witwe Batseba weckt aber den Zorn Gottes, der den hoffärtigen König mit dem Tod des Sohnes der Batseba bestraft. Vieles spricht dafür, dass David Petraeus mit der Geschichte von König David vertraut war – und dennoch dem Bathseba-Syndrom erlag. Ein 1993 von Dean Ludwig und Clinton Longnecker im „Journal of Business Ethics“ veröffentlichter Essay mit dem Titel „The Bathsheba Syndrome“ gehört seit Jahren zur Pflichtlektüre an den Akademien und Hochschulen für das angehende Führungspersonal der amerikanischen Streitkräfte. König David, so schreiben Ludwig und Longnecker, kam aus bescheidenen Verhältnissen und ist dank Charisma, Organisationstalent und Ehrgeiz zu beispielloser Macht aufgestiegen.

Er verlor jedoch fast alles, weil er sich in einen „Strudel unethischer Entscheidungen“ begab: „Der gute, kluge, erfolgreiche, populäre und visionäre König David wurde zerstört, weil er sein Begehren nach etwas nicht kontrollieren konnte, das er nicht hätte begehren dürfen.“ Die Causa Petraeus hat das Interesse der Öffentlichkeit in besonderem Maße erregt, weil der Hauptakteur so prominent ist. Ein Einzelfall ist der Skandal aber beileibe nicht. Mindestens fünf Offiziere im Generalsrang wurden allein in den vergangenen zwei Wochen wegen schwerer Fehltritte degradiert, abgemahnt oder von Militärgerichten angeklagt.

Dabei sind Petraeus, der seine Affäre erst nach seiner Pensionierung vom Heer begonnen haben will, und der Marinekorps-General und Afghanistan-Kommandeur John Allen, der ebenfalls in den Petraeus-Fall verwickelt ist, noch gar nicht mitgerechnet. Verteidigungsminister Leon Panetta hat am Donnerstag eine interne Untersuchung in Auftrag gegeben, um die Ursachen der Skandalwelle aufzudecken; deren Ergebnisse sollen dem Weißen Haus bis zum 1. Dezember vorgelegt werden.

Am vergangenen Montag wurde der frühere Chef des in Stuttgart ansässigen Afrika-Kommandos der amerikanischen Streitkräfte (Africom), Heeres-General William „Kip“ Ward, zur Rückerstattung von 82.000 Dollar verurteilt, die er zu privaten Zwecken während seiner Amtszeit als Africom-Chef in Stuttgart von Oktober 2007 bis März 2011 veruntreut hatte; zudem wurde er zum Generalleutnant degradiert und in den Ruhestand versetzt. Brigade-General Jeffrey A. Sinclair, Kommandeur der 82. Luftlandedivision in Afghanistan, muss sich wegen des Vorwurfs schwerer sexueller Übergriffe vor einem Militärgericht verantworten; er soll fünf Frauen, die meisten von ihnen Untergebene, zum Geschlechtsverkehr gezwungen und „gewaltsame Sodomie“ begangen haben.

Außerdem soll er während seiner Einsätze im Irak und in Afghanistan pornographisches Material besessen und Alkohol konsumiert haben – beides bei den Kriegseinsätzen streng verboten. Der frühere Kommandeur der 173. Luftlandebrigade Heeres-Oberst James H. Johnson III. wurde im Sommer wegen Betrugs, Ehebruch und Bigamie (er heiratete seine irakische Geliebte) zu einer Strafe in Höhe von 300.000 Dollar verurteilt. Die Luftwaffe hat sechs Ausbilder am Luftwaffenstützpunkt Lackland in Texas wegen Vergewaltigung und Ehebruch angeklagt, nachdem zahlreiche weibliche Rekruten an dem Ausbildungszentrum über wiederholte sexuelle Belästigung und gewaltsame Übergriffe geklagt hatten. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Streitkräfte ernten den meisten Respekt

Fachleute weisen darauf hin, dass sich allenfalls ein Prozent der Offiziere im Generals- oder Admiralsrang etwas zu Schulden haben kommen lassen, und dass sich auch die meisten der mehr als 2,3 Millionen aktiven Soldaten, Reservisten und Nationalgardisten, die seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den Kriegen im Irak und in Afghanistan im Einsatz waren, untadelig verhalten hätten. Doch gerade deshalb sitzt der Schock über die Verfehlung der Vorbildfigur Petraeus tief.

Anders als nach dem Vietnam-Krieg, als heimkehrende Soldaten sich daheim lieber nicht bemerkbar machten, werden Veteranen der Einsätze im „Krieg gegen den Terrorismus“ heute in Amerika auf Schritt und Tritt gepriesen. Wenn die Flugbegleiterin vor dem Start darauf hinweist, dass sich Soldaten unter den Passagieren befinden, klatschen alle. Wenn vor einer Sportveranstaltung die Nationalfahne von Angehörigen der Streitkräfte entrollt wird, erhebt sich jeder von seinem Sitz und spendet Beifall. Den Männern und Frauen in Uniform „Thank you for your service!“ zuzurufen, gehört zum guten Ton. In allen Umfragen werden die Streitkräfte als jene Institution des öffentlichen Lebens genannt, die den meisten Respekt verdient.

In seinem jüngst erschienenen Buch „The Generals“ kommt der frühere Kriegskorrespondent der Zeitung „Washington Post“ Thomas Ricks zu einem vernichtenden Urteil über die Führungskräfte bei den Streitkräften. „Ironischerweise sind unsere Generäle in dem Maße schlechter geworden wie sie von einer den Streitkräften ergebenen Öffentlichkeit gepriesen werden“, schreibt Ricks. Eine „Kultur der Mittelmäßigkeit“ greife um sich.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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