http://www.faz.net/-gpf-74fsn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 18.11.2012, 18:04 Uhr

Amerikanische Affären König David und das Batseba-Syndrom

David Petraeus ist nur einer von vielen gefallenen Helden bei Amerikas Streitkräften. Mindestens fünf Generäle wurden degradiert oder angeklagt. Die Skandale kratzen an der Verehrung der Truppen.

von , Washington
© REUTERS Die Abzeichen von „König David“: Petraeus kann einen rasanten Aufstieg vorweisen

Im Irak und später auch in Afghanistan gab man David Petraeus den Beinamen „König David“. Der Heeres-General setzte von 2007 an im Zweistromland und drei Jahre später am Hindukusch die von ihm wesentlich mitentwickelte Strategie zur Bekämpfung von Aufständischen durch. Eine deutliche Verstärkung der Truppen sollte es ermöglichen, die Bevölkerung vor Übergriffen der extremistischen Aufständischen zu schützen, ihre „Herzen und Seelen“ zu gewinnen und sie auf die Seite der internationalen Truppen zu ziehen.

Matthias Rüb Folgen:

Am Ende, so das Ziel, würden Iraker und Afghanen die ausländischen Soldaten als Befreier und nicht als Besatzer betrachten und schließlich selbst die Sicherheit in ihren Ländern gewährleisten können. Für seine Dienste ist Petraeus viel gelobt worden. Er wurde als einer der besten und einflussreichsten Generäle seiner Generation gepriesen. Im September 2011 trat er seinen Posten als Direktor des Auslandsgeheimdienstes CIA an. Auf Drängen von Präsident Barack Obama hatte er sich zuvor, nach 37 Jahren in Uniform, vom Heer pensionieren lassen.

- © AFP Vergrößern Die Affäre mit Paula Broadwell kostete den CIA-Chef David Petraeus den Job

Nach Petraeus’ Rücktritt am 9. November wegen einer Affäre mit seiner Biographin Paula Broadwell ist dem Beinamen „King David“ freilich noch eine andere Bedeutung zugewachsen. Aufstieg und Fall des Generals und CIA-Direktors werden mit der biblischen Geschichte von König David und der schönen Batseba in Verbindung gebracht. Im zweiten Buch Samuel wird erzählt, wie König David vom Dach seines Hauses Batseba, die Frau des Hethiters Urija, beim Bade betrachtet, sie zu sich bringen lässt und sie schwängert. Urija wird bald darauf von König David an die vorderste Kriegsfront geschickt, wo der Hethiter erwartungsgemäß fällt.

Ein Einzelfall ist der Skandal nicht

Die Heirat Davids mit der Witwe Batseba weckt aber den Zorn Gottes, der den hoffärtigen König mit dem Tod des Sohnes der Batseba bestraft. Vieles spricht dafür, dass David Petraeus mit der Geschichte von König David vertraut war – und dennoch dem Bathseba-Syndrom erlag. Ein 1993 von Dean Ludwig und Clinton Longnecker im „Journal of Business Ethics“ veröffentlichter Essay mit dem Titel „The Bathsheba Syndrome“ gehört seit Jahren zur Pflichtlektüre an den Akademien und Hochschulen für das angehende Führungspersonal der amerikanischen Streitkräfte. König David, so schreiben Ludwig und Longnecker, kam aus bescheidenen Verhältnissen und ist dank Charisma, Organisationstalent und Ehrgeiz zu beispielloser Macht aufgestiegen.

Er verlor jedoch fast alles, weil er sich in einen „Strudel unethischer Entscheidungen“ begab: „Der gute, kluge, erfolgreiche, populäre und visionäre König David wurde zerstört, weil er sein Begehren nach etwas nicht kontrollieren konnte, das er nicht hätte begehren dürfen.“ Die Causa Petraeus hat das Interesse der Öffentlichkeit in besonderem Maße erregt, weil der Hauptakteur so prominent ist. Ein Einzelfall ist der Skandal aber beileibe nicht. Mindestens fünf Offiziere im Generalsrang wurden allein in den vergangenen zwei Wochen wegen schwerer Fehltritte degradiert, abgemahnt oder von Militärgerichten angeklagt.

File photo of General Petraeus and his wife at a hearing in Washington © REUTERS Vergrößern David Petraeus und seine Frau Holly im Jahr 2010. Seinen Protegés predigte Petraeus stets, Charakter zeige sich in dem, was man tue, wenn niemand zusehe

Dabei sind Petraeus, der seine Affäre erst nach seiner Pensionierung vom Heer begonnen haben will, und der Marinekorps-General und Afghanistan-Kommandeur John Allen, der ebenfalls in den Petraeus-Fall verwickelt ist, noch gar nicht mitgerechnet. Verteidigungsminister Leon Panetta hat am Donnerstag eine interne Untersuchung in Auftrag gegeben, um die Ursachen der Skandalwelle aufzudecken; deren Ergebnisse sollen dem Weißen Haus bis zum 1. Dezember vorgelegt werden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Rekordserie Game of Thrones Auf zur letzten Schlacht um den Thron

Noch nie war eine Serie für so viele Emmys nominiert wie Game of Thrones. Hat das Epos sie verdient? Der letzten Staffel fehlte gar die Romanvorlage von R. R. Martin. Doch siehe da: Es geht auch ohne. Mehr Von Nina Rehfeld, aus Phoenix

24.07.2016, 16:09 Uhr | Feuilleton
Nach Putschversuch in Türkei Erdogan greift nach der absoluten Macht

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bringt die türkische Gesellschaft immer mehr unter seine Kontrolle. Er ordnete per Dekret die Schließung von Schulen, Universitäten, Stiftungen und Gewerkschaften an. Über 1000 Wohltätigkeitsorganisationen, Gewerkschaften und Stiftungen wurden aufgelöst. Zuvor waren rund 60.000 Soldaten, Polizisten, Beamte und Lehrer suspendiert oder festgenommen worden. Mehr

24.07.2016, 17:37 Uhr | Politik
Ursula von der Leyen Bundeswehr soll Flüchtlinge ausbilden

In einem Pilotprojekt bilden Soldaten Flüchtlinge in Handwerk, Technik, Medizin und Logistik aus. Eine andere Aufgabe in der Armee sollen sie vorerst aber nicht übernehmen. Mehr

24.07.2016, 04:27 Uhr | Politik
Afghanistan IS bekennt sich zu blutigem Anschlag in Kabul

Bei einem Anschlag auf friedliche Demonstranten in Kabul sind nach Regierungsangaben mehr als 80 Menschen getötet und mehr als 200 weitere verletzt worden. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat beansprucht die Tat für sich. Mehr

24.07.2016, 11:02 Uhr | Politik
Sechstagekrieg Wehe den Siegern

Mit so viel Unglück lässt sich kein starker Staat machen: Mor Loushys Dokumentarfilm Censored Voices erinnert an den israelischen Sechstagekrieg von 1967. Mehr Von Bert Rebhandl

24.07.2016, 19:18 Uhr | Feuilleton

Tödliche Gefahren

Von Reinhard Müller

Der Staat wird nicht daran gemessen, wie viele Polizisten er hat - sondern ob er bei Anschlägen und Amokläufen wie in München oder Ansbach schnell und entschlossen gegen Gewalt vorgeht. Mehr 1 8